Aufgrund einer kuerzlichen Frage - was mache ich eigentlich, wenn ich “lektoriere”? Ich bin ja in dem Sinne kein professioneller Lektor, vielleicht ist der Begriff irrefuehrend. Die Taetigkeit ist doch so komplex (und nimmt soviel von meinen Tagesablauf ein), dass sich ein Blogeintrag lohnt.
Ich lese - mit dem Stift in der Hand und dem skeptischen Geist angeknipst. Was mir nicht klar ist, was ich an Tippfehlern/krummen Bildern/seltsamen Ausdruecken sehe, streiche ich an und mache Verbesserungsvorschlaege. Im allgemeinen verwende ich dazu in WORD “Aenderungen Verfolgen” und die Kommentarfunktion.
Je nach Ausgereiftheit des Manuskriptes kann das ganz unterschiedliche Formen annehmen. Wenn mir ein mehrfach veroeffentlichter Kollege wie AW sein fertiges Manuskript zuschickt, dann weiss ich, da stimmt alles. Dann schaue ich als Historiker rueber, ob ich, sagen wir, Anachronismen entdecke, oder ich mache nur noch Line-Editing, also Tippfehler/krumme Ausdruecke jagen.
Es kommt auch darauf an, wie weit das Lektorat gehen soll - wenn mir ein Kollege sagt, ich greife zu tief in seinen Stil ein, dann nehme ich mich zurueck. Ich versuche bei allem, den ureigenen Stil des Kollegen zu respektieren und nicht jeden Satz umzuschreiben. Sich da rauszunehmen ist manchmal fuer einen Egomanen wie mich eine besondere Herausforderung, aber im groben und ganzen, denke ich, geht das ganz gut.
Einmal sollte ich fuer eine Kollegin (HW) das Manuskript auf Soll-Laenge kuerzen, Verlagsvorgabe. Das waren 15%. Da sie keine Szene zuviel geschrieben hatte, und das Buch genau so passte, habe ich mir die Fisselarbeit gemacht, und Satz fuer Satz gekuerzt, hier eine Wiederholung, da einen unnoetigen Wechsel in einem Dialog, dort Fuellwoerter wie “vielleicht”, “ein bisschen”, oder “etwas”. Da hatte ich ein Excel-Sheet im anderen Fenster offen und die Kapitel mit Zeichenanzahl eingetragen: Haben. Soll. Prozent (gekuerzt). Prozent (zu kuerzen). Am Ende kam ich auf genau 15% - und die Kollegin (die mittlerweile den Wald vor Baeumen nicht mehr sah) zufrieden. Auch da habe ich natuerlich Tippfehler gejagt, aber das wesentliche Moment war, es auf Soll-Laenge abzuschleifen.
Ich lese einigermassen viel fuer Autorenkollegen. Also fuer Freunde oder naehere Bekannte, deren Manuskripte bereits einen bestimmten Standard haben. Die Gegenleistung ist, im allgemeinen, ein fertiges Buch, reine Unterhaltung und eventuell denselben Dienst an meinen Manuskripten - das Prinzip “Meine Hand waescht deine”.
Ich hatte die Ehre und das Vergnuegen, ein Dutzend oder mehr Buecher zu lesen, die erst Monate oder Jahre spaeter erschienen sind - manche sind gut genug, um veroeffentlicht zu werden, und wurden wegen irgendwelchem Unsinn noch nicht eingekauft. Ich kenne halb-fertige Projekte veroeffentlichter Autoren, und habe auch die Freude daran, etwas Geburtshelfer zu spielen. Ich mache einfach gern Buecher.
Es gibt reichlich Leute, die mir ihr Manuskript - oder ihre Doktorarbeit, oder ihre Seminararbeit - “andrehen”, das “mal eben” zu lesen. Frueher habe ich das auch gemacht, meist fuer null - Freundschaftsleistung in manchen Faellen, pure Gutmuetigkeit in anderen. Ich habe das zurueckgeschraubt. Ich verlange nicht viel, aber irgendeine Form von Gegenleistung muss ich haben, denn die Zeit, die ich mit einem fremden Manuskript verbringe, verbringe ich nicht mit einem eigenen. Ich habe Lektorate von Manuskripten auch schon zu Hochzeiten oder Geburtstagen verschenkt. Wenn man daran denkt, dass ich zwischen 10-100+ Stunden pro Manuskript einsetzen muss, und wenn man einen eigenermassen qualifizierten Stundenlohn zugrunde legt (von dem ich selbstverstaendlich Steuern in UK zahle), schon kein schlechtes Geschenk, abgesehen vom Aufwand und der Tatsache, dass es ein “persoenliches” Geschenk ist.
Dann bin ich in einer Textwerkstatt als Coach taetig - faste in reines Hobby, denn reich wird man mit sowas nicht. Dort betreue ich Manuskripte in jedem Zustand; und lasse mich nach dem dortigen Standartsatz bezahlen. Der Stundenlohn steht in keinem Verhaeltnis, aber das macht nichts, denn ich kann mir die Projekte aussuchen und arbeite nur mit denen, die “etwas haben” - das Projekt muss mich reizen, auf einer gewissen Ebene anmachen, und das sind ziemlich wenige. So habe ich schon mehreren Buechern von Nicht-Freunden auf die Welt geholfen, denn Manuskripte muessen heutzutage fast perfekt sein, dass Verlage einen Debuetanten einkaufen. Ich habe mal einen 1,600 Seiten Roman auf 550 Seiten gekuerzt - das war ein bisschen so, wie einen - eleganten - Zahnstocher aus einem Baum zu schnitzen und war viel Schweiss, Blut und Traenen, sowohl fuer den Autor als auch fuer mich.
Solche Lektorate sind Coaching und Lektorat in einem.
Manchmal fragt mich jemand lieb (”Duuuu, Alex …”) und so wachsen mir dann weitere Manuskripte zu. Im letzten Fal handelt es sich um ca 220 Seiten eines Romans, den ich in Wales auf dem Laptop gelesen habe - da der Roman noch im Entstehen ist, habe ich damit nicht mehr gemacht als ihn zu lesen. Ich greife nur auf ausdruecklichen Wunsch in ein “Work in Progress” ein, denn das letzte, was ich will, ist einen Autor zu entmutigen, bevor das Buch fertig ist, und so womoeglich eine Blockade zu erzeugen. Eine Feedback-Email braucht eine Weile, aber ich muss mich da bald dran machen.
Und dann lese und lektoriere ich noch massig anderes Zeug. Hier mal ein Fachartikel, dort ein anderer “Gebrauchtext” - das sind meist nur eine Stunde oder vielleicht zwei, und mache ich je nach Laune, Bezahlung und verfuegbarer Zeit.
Mehr oder weniger fliessend ist hier der Uebergang zum Coaching. Ich habe eine Reihe “junger” Autoren, um die ich mich ein bisschen kuemmere, und denen versuche ich den ein- oder anderen HInweis zu geben, was das Schreiben angeht, und das funktioniert am allerbesten ueber direktes Feedback zu idealerweile fertigen Texten. Das kann extrem aufwendig werden (wenn man bei Bienen und Blumen anfangen muss), aber in gewisser Weise sehe ich das auch als Pflicht eines Autoren an, den Nachwuchs zu foerdern. Mir haben damals auch Autoren, die weiter waren als ich, einige Pointer gegeben, ohne die ich nie soweit gekommen waere, und das ist meine Art, es zurueckzuzahlen.
Ich kann das nur nicht die ganze Zeit machen oder ich komme selbst nicht mehr zum Schreiben, und es macht auch mehr Sinn, wenn der Jung-Autor bereits das wesentliche Handwerk drauf hat. So kommt es vor, dass ein hoffnungsvoller Padawan vor der Tuer steht, mit “Alex, hilf mir”, und nach einer Inspektion stellt sich heraus, der junge Autor hat keine Ahnung, was eine Perspektive ist. Dann gebe ich ihm eine Liste mit Buechern und den freundlichen Hinweis, er moege wiederkommen, wenn er das gelesen und verstanden hat. Meist tauchen sie dann nach einigen Monaten oder zwei Jahren wieder auf und sind auf dem Stand, das wir mehr miteinander anfangen koennen, und meine Hinweise wirklich Hinweise sind und keine 24/7-Betreuung.
Aber auch hier muss man zueinander passen, und der Jung-Autor muss es bitter ernst meinen mit der Veroeffentlichung, denn es gibt soviele “koennte/moechte/wuerde-Autoren”, die einem einfach die Zeit stehlen und einfach nicht die Disziplin haben, um sich hinzusetzen und real an einem Buch zu arbeiten. Ich kann die Disziplin nicht ersetzen. Ich kann niemanden bei der Hand nehmen, und durch ihr eigenes Buch fuehren, denn dann ist es mein Buch.
Und am Ende muss man was aehnliches wollen. Ich habe zwar viele unterschiedliche Autoren betreut, aber es gibt Manuskripte, die mir einfach gegen den Strich gehen, wie zum Beispiel, wenn der Hauptcharakter eine Heulsuse ist, oder sich der Autor ueber Minderheiten lustig macht (Knick-Haendchen-Schwule stossen mir sauer auf), und wenn ein Autor seine Minderwertigkeitskomplexe sehr unsubtil und unleserlich verarbeitet, dann fehlt’s einfach an der gemeinsamen Basis. Ich habe goetterseidank die Wahl, was ich lesen will, und ich mache von dem Recht Gebrauch, denn wenn ich mich durch einen Text quaelen muss, kommt dabei fuer beide Seiten nichts Konstruktives raus.
“Lektorat” ist also alle Textarbeit, “praktische” Autorenausbildung, Feedback, und Line-Editing/Beta-/Test-Lesen. Teils bezahlt, teils nicht bezahlt, immer zielgerichtet (Ziel: fertiges Buch/kommerzielle/professionelle Verwertung), aber nie ganz umsonst.