Alex liest: “Freakonomics”

Zu sagen, dass ich mit den Wirtschaftswissenschaften auf Kriegsfuss stand, ist, als sage man, dass Afghanistans Süden im Moment nicht die ideale 5-Sterne-Urlaubslocation ist.

Ich habe eine ganze Reihe “WiWis” kennengelernt (an unserer Uni waren das die, die in der Cafeteria die Bistrotische zugemüllt haben und im Nichtraucher-Bereich geraucht haben, bis die Nichtrauer im rauchfreien Raucherbereich verschwunden sind). Das waren auch die Leute, die in der Mensa durch Rumprollen mit ihren Handys aufgefallen sind.

Nichtsdestotrotz habe ich drei WiWis näher kennengelernt und einem davon erst kürzlich die Diplomarbeit auf lesbares Deutsch umgeschrieben. Alles drei Rollenspieler, alles liebe Menschen.

Ich habe eine merkwürdige Faszination für das Fach. WiWis machen nämlich Karriere (da kommt der Neid wieder ins Spiel), bestimmen über riesige Geldströme, und sind trotzdem unfähig, weiter zu planen oder zu denken als fünf Jahre (wie mir mal ein Doktorand verriet. Angeblich denkt man in dem Fach in 99% aller Fälle nicht weiter als bis zur Jahresabschlussbilanz). Und WiWis haben auch keine bessere Quote, Entwicklungen vorherzusagen als Tarot-Tanten.

Als Historiker, der es gewohnt ist, Jahrhunderte mit einem “und dann, wenig später” zu überbrücken, stimmt mich sowas leicht besorgt. Im Business-Umfeld (und das ist ein Büro nunmal leider - ich bin auf dem Weg, für solche Leute “Consultant” zu werden, es sei denn, ich finde etwas, das besser zu mir passt) muss man sich zwangsläufig mit deren “Denke” auseinandersetzen.

Kosten, Nutzen, Humankapital.

Da ist es erfrischend, sich mal einen Querdenker zu Gemüte zu führen. Hier in England hat “Freakonomics” (und hier auf Deutsch) offenbar viel Erfolg gehabt. Ich bin vorsichtig, wenn etwas so eine hohe Auflage hat - vor allem Bücher, die sich mit Wirtschaft befassen, aber dann gab es wieder einmal ein “3 kaufen, 2 bezahlen” Angebot, und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Sozusagen.

Es lässt sich gut lesen. Ein Wirtschaftswissenschaftler (Betonung allerdings auf Wissenschaftler, nicht auf Wirtschaft) und ein Journalist tun sich zusammen, um ein Buch über seltsame Verbindungen und Abhängigkeiten zu schreiben.

Wie lässt sich erklären, dass Mitte der 90iger Jahre Verbrechen in den USA seltener wurden? Guilianis “Zero Tolerance”-Politik? Mehr Polizisten? Bessere Polizeitaktiken? Härtere Strafen?

Nein. Die Legalisierung von Abtreibung in den USA, die es Frauen möglich machte, selbst zu entscheiden, ob sie in ihrer aktuellen Situation ein Kind haben wollten oder nicht.

Und da meist die Frauen abtrieben, die das Kind sowieso in Verhältnissen aufgezogen hätten, wo die Wahrscheinlichkeit deutlich höher ist, dass das Kind kriminell wird, brach eine ganze Verbrecher-Generation einfach weg. Levitt führt seine Argumentation streng statistisch. Natürlich haben ihn die Linken und die Rechten gleichermassen dafür attackiert, aber der Gedankengang (und die Beweiskette) sind wirklich spannend. Eigentlich nichts weiter als “common sense” - eine Frau kann allein einschätzen, ob ein Kind ihre Lebenschancen/qualität weiter reduziert oder ob sie lieber wartet, bis sie eine Ausbildung hat oder einen Job oder einen geeigneten Partner. Hat was mit Mündigkeit und Selbstverantwortung zu tun.
Die Verbindung von Verbrechensstatistik und Abtreibungspolitik ist nur eine der Verbindungen, die er in seinem Buch aufdeckt - was das Buch durchaus lesenswert macht. Dennoch ist es für US-Amerikaner interessanter als für Europäer, denn Levitts Material bezieht sich auf Amerika, und manches lässt sich nur begrenzt übertragen.

Für Amerikanisten und Leute wie mich, die durchaus mal abseits vom eigentlichen Interesse in den Buchregalen “wildern” gehen, eine nette Zuglektüre, unterhaltsam, was zum Mitdenken, und rasch gelesen.
Was etwas seltsam ist: insgesamt ist sein Ansatz der, “das allgemein als gültig Angenommene” zu hinterfragen. Wie würde mein Professor sagen: “Denken Sie kritisch!”

Dass es dafür solche Bücher braucht - und dass das nicht viel häufiger passiert, auf alle Disziplinen bezogen - ist das eigentlich Schockierende.

Wenn solche Dinge so auf der Hand liegen, warum verdienen dann Leute (Berater aller Klassen), die sich irren, keine Antworten haben und die realen statistischen Daten ignorieren, soviel Geld für “Erklärungen”, die falsch sind, die geglaubt werden, und die keinen Bezug zur Wirklichkeit haben?

Und wie können solche Menschen soviel Macht anhäufen? Das ist die eigentlich interessante Frage. Mal schauen, ob es darüber Literatur gibt.

Und wenn nicht, dann schreibe ich selbst eins; einen Roman, natürlich.

Der nichts mit der Realität zu tun hat. Gar nichts.

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