Robert & Bastian

Ich verfolge natürlich noch immer Nachrichten aus Deutschland. Der Amoklauf von Emsdetten ging mir nah, wie auch Robert Steinhäusers Tat. Bastian und Robert. Zwei Typen, mit denen ich vermutlich in dem Alter befreundet gewesen wäre, zumindest gibt es ne Menge Aehnlichkeiten.

Ich trug meine Metal-T-Shirts, war Aussenseiter, wurde gequält und gehänselt. Der wesentliche Grund, weshalb ich die Schule überlebte, waren drei Menschen: Marion, Petra, Nicole. Meine ersten “Leser”, wenn man so will. Die wollten nämlich gern lesen, wie es mit meinen Stories weiterging.

Und so schrieb ich. Jeden Abend. Schrieb mir den Frust und den Hass von der Seele. Den Hass auf die Lehrer, die sahen, wie ich behandelt wurde, und die mich entweder vor der ganzen Klasse als, Zitat “arrogantes Arschloch” bezeichnet haben (danke, Herr Steinbüchel, Erdkunde, Sport und Klassenlehrer), oder mir unter die Leistungskursklausur schrieben “wenn du im Unterricht aufpassen würdest, würde deine intellektuelle Arroganz nicht so auffallen” (Danke, Deutschlehrer, dass das dein einziger Ausreisser war, denn du hast mehr für mich getan als du glaubst), oder die Englisch-Lehrerin, die es mit ihrem Totkauen totlangweiliger Texte schaffte, mich in den Stumpfsinn zu langweilen.

Den Hass auf meine Mitschüler, die mich mit Wörtern beschimpften, die ich nicht kannte (solche Hardcore-Pornos habe ich damals zu Schulzeiten nicht gesehen, sorry). Die keinen Finger krumm gemacht haben, um mich zu unterstützen, im Gegenteil. Die wie die Hyänen darauf lauerten, dass dem Büffel die Beine einknicken.

Den Hass auf eine Schule, an der alles auf der Oberfläche gut und proper war, und die mir nichts vermittelt hat als, dass ich ihr mit dem Abitur endlich entkommen kann. Die Schule war meine Hölle, mein Fegefeuer, mein Strafgefangenenlager.

Ich hasse Schule noch immer, und habe mich daher auch strikt geweigert, Lehrer zu werden. Ich respektiere meine Freunde, die Lehrer werden oder schon sind, aber ich werde nie vergessen, was mir die Schule mental angetan hat. Ich unterrichte gern - ich habe viele Jahre lang Nachhilfe gegeben - und Kinder/Jugendliche betreut, die das System genauso behandelt hat wie mich.

Es gibt löbliche Ausnahmen. Ich habe die Schule irgendwie überlebt. Die Narben bleiben. Verziehen hab ich’s denen nie.

Was die Lehrer Arroganz nannten, war nichts weiter als die Maske, mit der ich irgendwie durchgekommen bin. Ich hatte zwei Auswege: Ich hätte den Steinhäuser machen können, inklusive Selbstmord, oder das Abitur. Aber immer, wenn ich mich mit dem Selbstmord beschäftigte, war da ein Buch, eine Story, ein Leser, die mich im Leben gehalten haben.

Dafür bin ich heute dankbar. Ich musste es nur aushalten. Das Leben, das ich heute führe, die Bücher, die ich schreibe, die Orte, die ich bereist habe und die Erfahrungen, die ich machen durfte, sind die Belohnung für reine Hartnäckigkeit.

Ich war da. Ich hatte das Messer in der Tasche. Hätte ich ernstlich eine Waffe bekommen können, wie in Amerika, wo’s automatische Waffen im Walmart gibt, hätten mich nicht meine Freunde und meine Bücher festgehalten, es hätte ein Unglück gegeben. Dann hätte es geheissen: Trug schwarz, spielte Computer, hörte Heavy Metal, war depressiv und aggressiv. Typisches Profil, abhaken, so, wie sie’s mit Bastian und Robert tun.

Die Loser, die komischen Typen, die Counterstrike spielten und gewaltverherrlichende Musik hörten. Alles verbieten!

Nicht verboten wird Mobbing. Nicht verboten wird die Scheinheiligkeit und die Grausamkeit, die an Schulen jeden Tag begangen wird, vom System, von Lehrern, von Mitschülern. Und niemand, an den man sich wenden kann.

Bastian und Robert hatten keine Bücher, keine Freunde. Aber sie hatten Waffen, und sie haben sich gerächt. Es tut mir schrecklich leid um euch. Auch, wie ihr nach eurem Tod noch missbraucht werdet, in dem man euch als Freaks hinstellt. Es tut mir leid um eure Opfer, und um die Menschen, die euch zu dem gemacht haben. Das Versagen ist ganz sicher gut verteilt, die Schuld auch.

Ich war da, ich hab mich anders entschieden. Aber jedesmal, wenn einer von uns durchdreht und sich vor lauter Hilflosigkeit rächt, werde ich zurückgeworfen in mein Fegefeuer am Schalker Gymnasium, das in allem versagte, ausser, mir eine Studienbefähigung, das Abitur, zu erteilen.

Und das geht jedesmal tief.

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7 Comments on “Robert & Bastian”

  1. Die Killerspiele mal wieder at Phantastische Welten Says:

    […] Ein Kommentar von AlexW: http://alexwichert.com/2006/11/23/robert-bastian/ Bringt es deutlich auf den Punkt finde Ich […]

  2. Jens Says:

    :(
    Das ist doch fies. Und blinder Aktionismus/Populismus machts wieder nur schlimmer…
    :(

  3. Hackwar Says:

    Hi Alex,
    ich hab die Schule auch hinter mich gebracht, mit größten Demütigungen und erst ganz am Ende hab ich mir den Respekt verschafft, den mir meine ehemaligen Mitschüler inzwischen entgegen bringen. Ich bin zwar nicht ganz so erfolgreich mit meinem Studium, aber dafür mit meinen politischen Aktivitäten, mit meinem Organisationstalent, meinem sozialen Engagement, meinen Tätigkeiten im Open Source Bereich, etc.
    Ich hatte ebenso die Waffe in der Hand, wollte sie aber gegen mich selbst richten, nachdem man mich mental vergewaltigt hat. Später wurde ich dann stärker als meine Peiniger und habe mir irgendwann das größte Großmaul rausgegriffen und nach einer erneuten, besonders fiesen Attacke Krankenhaus reif geschlagen. Ich habe vorher nie die Hand gegen einen Menschen erhoben und auch danach habe ich nie wieder so mit jemandem abgerechnet, aber das war der Punkt, welcher bei mir dafür gesorgt hat, das ich die Wende gekriegt habe. Seelische Narben trag ich immer noch davon.

  4. AlexW Says:

    @Jens: Es geht ihnen nicht um’s Verstehen, dann muesste man was aendern. Und wenn man daran denkt, dass das Schalker Gymnasium als “Elite-Schmiede im Ruhrgebiet” gilt (nicht lachen, habe ich an der Uni Bochum so gehoert), dann wird mit ganz, ganz schlecht.

    @Hackwar: Scheisse, gut, dass du die Kurve gekriegt hast. Ich habe den Eindruck, Mobbing-Opfer gehen an der Erfahrung (oh Gott, das klingt weichgespuelt…) entweder kaputt, verdraengen es, oder machen was kostruktives damit. Ich habe mit jahrelang vorgebetet: “Ich hab das ueberstanden, ab hier ueberstehe ich alles”. Und ein weiterer positiver Aspekt: Ich bin nicht so abgebrueht und desinteressiert, wenn’s um diese Dinge geht. Es kann mein Schreiben nur bereichern.

    Hut ab dafuer, dir Respekt verschafft zu haben. Ich bin selbst Pazifist (trotz meines Interesses fuer Militaer und Krieg - oder, gerade deshalb), und ich hasse es, zuschlagen zu muessen (Fechten ist was anderes, das hat Regeln… :D), aber was sein muss, muss sein, vor allem, wenn die Lehrer wegsehen.

    Die Narben. Ja. Die bodenlose Wut und Ohnmacht, wenn man an die Zeit zurueckdenkt, und immer, wenn mir jemand erzaehlt, wie “toll” die Schulzeit war muss ich schlucken. Ich bin bis zur 6. Klasse gern in die Schule gegangen, dann zogen wir um, und in der 7. Klasse wurde ich dann den Arschloechern zum Frass vorgeworfen. Besser wurde es erst in der Oberstufe (als die Klassen”gemeinschaft” endlich aufgeloest wurde und man mich nicht mehr mit diesen Verbrechern in einen Raum gesperrt hat.

    Schule? Ohne mich.

    Schalker Gulag, nicht “Gymnasium”.

    Dir alles Gute fuer deine Aktivitaeten - und mit den Narben zu leben.

  5. Sonja Says:

    bei mir hat die ganze scheise bereits mit der ersten Klasse begonnen. Die Lehrerin war bekannt dafür, dass sie sich in jeder klasse nen “Prügelknaben” zulegte. Da kam ich mit meinem Sturkopf und, wie sich ein paar Jahre später herausstellte, mit meiner Legastenie ganz recht. Da durfte ich mir nach jedem Diktat vor der ganzen klasse anhören, wie blöd ich doch bin. Sogar noch viel schlechter im Diktat als eine Mittschülerin, die kaum ein Wort Deutsch sprach.
    Dass ich dafür in Mathe die besste war, wurde kaum erwähnt. Das war der anfang. Das hat mich in den Augen der anderen zum Abschuss frei gegeben. Bis zur vierten bliebs hauptsächlich bei Psychoterror. Ich verlohr jedes interesse an der Schule, auch in Mathe. Das führte dazu, dass die Lehrer schon zu überlegen anfiengen, mich in die Sonderschule zu stecken. Doch dazu zeigte ich dann doch noch zu viel Intelligenz. In der fünften giengs dann richtig los. Leider hat es mir nichts geholfen zurüchzuschlagen oder die die Treppe im Schulhaus runterzuschleudern, die es wagten nur zu zweit sich auf mich stürzen zu wollen. Sie passten mich dann halt immer in Gruppen von minimum fünf Leuten ab. Glücklicherweise fand dann meine Mutter heraus, woher die ganzen blauen Flecken kamen und warum meine Kleidung so oft risse, löcher und flecken hatten. So wechselte ich dann auf eine private Grund- und Hauptschule in der 20 km entfernten Stadt. Da sich die Schule noch im Aufbau befand musste ich die fünfte wiederholen, was mir aber herzlich egal war. Ich wollte nur weg. Zwei Jahre später schaffte ich es auf die Realschule, wo ich auch ohne jegliche art von Fleis einen ganz ordentlichen Abschluss hinlegte.
    Das was ich aus dieser Hölle mitgenommen habe, ist, dass ich mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod habe; mir geschworen habe, nie wieder Opfer zu sein und wenn ich (oder jemand anderes) bei dem Versuch das zu vermeiden, draufgehe; so wie regelmäsig wiederkehrende Suizidgedanken. Damals war mein lieblingsgedanke vom Schuldach zu springen und vorher einen mit meinem Blut geschriebenen Abschiedsbrief auf der Schulwand zu hinterlassen, damit die dann auch wirklich richtige Probleme wegen mir bekommen. Was mich damals davon abgehalten hat, weis ich bis heute nicht. vermudlich meine abneigung vor dem Schreiben (Abschiedsbrief). Trotzdem muss ich noch heute lächeln, wenn ich darüber nachdenke welche konzequenzen eine solche Aktion für die Schule und die Arschlöcher gehabt hätte. Vor allem wenn es mal wieder einer von uns in die Medien geschafft hat. Und inzwischen keimt bei mir langsam die Hoffnung wenn es um die Berichterstattung geht, denn diesmal waren sogar vereinzelt halbwegs sinnvolle Komentare und Reportagen dabei.

  6. AlexW Says:

    Danke fuer deine Story … Ich hoffe, dass Mobbing in Deutschland mehr zum Thema wird. Hast du mal nachgedacht wegen der Suizidgedanken zu einem Therapeuten zu gehen? Das ist ein Trauma, und die Selbstmordquote unter Traumatisierten ist leider hoch. Vielleicht gibt es auch Gruppen, denen du dich anschliessen kannst. Fuehl dich auf jeden Fall in den Arm genommen.

  7. Sonja Says:

    Seit bei mir Legastenie festgestellt wurde (dritte Klasse; Komentar des Lehrers: “Legastenie! So etwas giebt es in Bayern nicht”) war ich bei einer sehr guten Schulpsychologin. Da ich während dieser Hölle nicht darüber sprach, konnte sie mir auch erst richtig helfen, als meine Mutter es herausgefunden hatte. Erst als ich bereits in der Realschule war und die Psychologin schwer erkrankte, endete die Behandlung. Was mir heute in solchen Phasen mehr hilft als alles andere, sind mein Freund sowie mein verdammt guter Freundeskreis in dem die meisten ähnliche Erfahrungen in der Schule gemacht haben wie ich. Ich habe also Leute die in solchen Fällen für mich da sind, mit denen ich mich unterhalten kann und die wissen über was ich da rede.

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