Respekt, Wladimir Putin

… seit Boris Jeltsin (eigentlich “Eltsin”, aber dieser “E”-Laut wird im Russischen wie “Je” ausgesprochen - ja, mein Russisch-Kurs hat was gebracht) hatte ich nicht mehr soviel Angst vor russischen Politikern.

Muss ich Angst haben? Bin ich Regime-Kritiker? Abtrünniger KGB-Agent? Engagierte Journalistin? Nee, Schicksal sei Dank, nicht.

Aber wenn ich in deren Lage gewesen wäre? Hätte ich die Courage gehabt vom Namenvetter Alexander Valterovich Litvinenko, der per radioaktivem Gift im KGB-Stil langsam und qualvoll hingerichtet wurde? Oder sogar den Mut und die menschliche Wärme der Anna Stepanovna Politkovskaya, erschossen im Stil der russischen Mafia, weil sie einfach das Maul nicht halten wollte, was ist denn schon so ein kleiner tschetschenischer Völkermord unter Energie-hungrigen Freunden, hm?

Europa wird nichts tun. Wir wollen das russischen Oel, das russische Gas, und Putins Goodwill, natürlich, denn der neue Zar mit den blauen Glasaugen herrscht über diese Resourcen, wie er schon dem Michail Borissowitsch Chodorkowski klargemacht hat - und, in extenso, den anderen Oligarchen.

Die Lektion ist auch in Europa angekommen.

Man hat mich noch vor kurzem als “gemässigten Putin-Beführworter” bezeichnet. Ja, klar. Weil mir ein rationaler, eiskalter Schachspieler lieber ist als jemand, der so offensichtlich dauerhacke war wie Boris Eltsin. Dann beschäftigte ich mich näher mit Putin, und meine Meinung änderte sich; Putin ist als Ganganführer, Bully-Boy und natürlich Geheimdienstmensch eben ein solcher kaum noch.

Kultiviertheit, Deutsche Sprache, whatever, der Mann ist ganz sicher nicht das, was Russland - und die Russen - verdient hat. Warum haben die Russen so ein grausames Pech mit ihren Herrschern? Was ist da nicht in Ordnung, dass sie von einem Plünderer zum nächsten Schlächter geraten?

Jedenfalls, ich hätte nicht gedacht, dass mir jemand wieder Angst vor Russland machen kann. Ich hab die Gorbi-Phase ja noch mitgekriegt, trotz amerikanischer Propaganda kamen da schon in jungen Jahren Zweifel auf, ob die Russen wirklich “böse” sind.

Und jetzt, wo Bush so offensichtlich kritiklos an die Gottesauserwähltheit der Amerikaner glaubt, im Nahen Osten westliche Flaggen verbrannt werden, jetzt ausgerechnet taucht das alte Gespenst des Kalten Krieges wieder auf und wedelt mit den Armen.

Putin macht mir wirklich Angst. In meiner idealen kleinen Welt würden in Russland jetzt hunderttausende auf die Strasse gehen und das Regime friedlich stürzen. Aber, verdammt, um das wirklich zu glauben, bin ich zu zynisch. Würde denn ich den Kopf hinhalten, wenn ich in einer Position wäre, wo ich einen Unterschied machen könnte?

Ich habe Hoffnungen auf Scotland Yard, und Mi5/6, denn die Ermordung eines britischen Staatsbürgers mitten in London ist keine Kleinigkeit. Ich hoffe, dass England sich darauf besinnt, dass das ein unerträglicher politischer Affront ist.

Wenn ich mir allerdings das Verhalten gegenüber Big Brother Bush ansehe, habe ich wenig Hoffnung, dass unserem Tony plötzlich ein Rückgrat wächst.

Nein, das wäre zu schön. Ich wette, Scotland Yard und die MIs werden zurückgepfiffen, bevor Tony eine klare Aussage machen muss.

Und Putin wird sich mit Oel freikaufen. Oel, das er dem russischen Volk gestohlen hat.

Hechtauge kommt davon.

Addendum: Litvinenkos Buch “Blowing Up Russia” ist second hand auf amazon.co.uk für den Schnäppchenpreis von 180 Pfund (ca 270 EUR) zu haben.

Günstiger gibt’s die Politikovskaya-Bücher:

Putin’s Russia

A Dirty War

A Small Corner of Hell

A Russian Diary

Ersteres habe ich gelesen - hervorragendes Material für Kettenhund und Fatimas Tränen, und es kommt wohl bald in einer Taschenbuch-Neuauflage. Putin kommt sicher ungeschoren davon, aber wenigstens kann man sich über seine Verbrechen informieren.

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