Das Exposee …
Das Exposee von gestern ist mittlerweile ein Treatment. Ein Treatment - so, wie ich die Dinger schreibe, heisst das - ist auch als Kapitelaufstellung bekannt. Ich erzähle mir selbst, mehr oder wenig komisch/humorig, wie ich mir das Buch vorstelle, von Kapitel zu Kapitel. Dann wird das Ding voller Tippfehler an 3-4 Unglückliche geschickt, mit Fragen wie “Würdest du die Langfassung lesen wollen?”
Während dieser erste Testballon unterwegs ist, wächst die Kapitelübersicht. In meinem Fall: In der Mittagspause auf der Arbeit. Und direkt nach der Arbeit. Das Exposee hatte gestern 6 Seiten, heute sind’s schon mehr als doppelt soviel. Klar hab ich’s auch umformatiert, aber nicht sehr.
Dann geht die Kapitelübersicht nochmal raus, und dann sollten die gröbsten Plotprobleme geklärt sein - wenigstens die Sachen, die man vorab klären muss. Und anhand der Menge der Handlung und der Menge der Kapitel lässt sich sehr grob abschätzen, wieviel Text das ist. Im Moment hat das neue Buch 17 Kapitel. Wenn ich 20-30 Seiten pro Kapitel veranschlage, dann komme ich auf 300-500 Manuskript-Seiten.
Das kommt ungefähr hin für das historische Genre, das offensichtlich, ähnlich wie das derzeit aktuelle Fantasy-Genre, an Wortdurchfall leidet. Man merkt es Robert Jordan an, dass der Mann pro Wort bezahlt wird.
Mein Treatment - also “das Buch in kurz” hat 13 Seiten reine Handlung, reine Motivation, reine Verflechtungen. Hintergrund ist noch fast keiner drin. Es klaffen auch noch gewaltige Recherche-Löcher, aber wenn ich jetzt mit derselben Angst demselben Eifer recherchiere wie für Fatimas Tränen, dann geht mein Agent in Ruhestand, bevor er je ein anderes Buch als mein Familiendrama von 2002 in den Händen hält. Und es ist ja nicht so, dass ich das Zeug nicht studiert habe.
Jetzt hab ich ein Treatment, aber was ich brauche ist ein Exposee. Und das heisst, dass die komplette Handlung des Buches (das, wir erinnern uns, erstmal nur eine Phantasterei ist, die mit dem Manuskript, wie’s später aussehen wird, nur - und oft nichtmal den - Namen gemein haben wird), also alle 13 Seiten auf ca 2-3 Manuskriptseiten zusammengefasst werden muss. Ohne viel wichtiges auszulassen.
Die Kunst besteht darin, es “professionell” aussehen zu lassen - obwohl man eigentlich nicht weiss, was man tut oder tun wird oder ob man das Buch so oder überhaupt schreiben will - kurz gesagt, ein echtes Exposee ist eine wunderschöne Seifenblase …
… in die man irgendwie die Handlung von 300 bis 500 Seiten quetschen muss, alle wichtigen Figuren, ihre Motivationen, Zeit und Orte der Handlung, und die Handlung und Auflösung nicht vergessen - und das ganze elegant und leicht und souverän. Mühelos.
Früher bin ich an sowas verzweifelt.
Heute weiss ich, dass ein doppelter Wodka enorm beim Bullshitten helfen kann.
Wassail.
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