Warum Schreiben?

Dies ist die erste Diskussionsanregung in der Myrmidonen-Schreibgruppe; der “Eisbrecher”, wenn man so will.

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Eins vorneweg. Es gibt andere Hobbies. Sport. Sport macht schlank und stark und schön. Sport ist gut fuer alles mögliche, und letztens hab ich gelesen, dass sportliche Menschen besseren Sex haben.

Man kann auch Musik machen. Ist auch künstlerisch. Oder kochen; nie wieder Dosenfrass, Tütensuppe, und künstliche Geschmacksverstärker. Und der Partner freut sich.

Schreibforen sind voller Leute, die schreiben (logo, sonst wären das Lurker oder Spanner), aber fragt man sie “warum”, wird’s oft peinlich. Peinlich schweigsam, nämlich.

Ich stell die Frage immer wieder gern. Antworten gibt’s viele. “Weil ich im Aufsatz immer ne Eins hatte”, “Weil ich meiner Tante ein Gedicht geschrieben hab, und die fand das toll”, “weil ich mich darüber geärgert habe, wie schlecht das Buch war, dass ich meiner Frau vorgelesen habe” (letzteres übrigens literarischer Legende zufolge der Grund fuer Fenimore Coopers Schreib-Anfänge).

Und keine Antwort ist falsch. In meinem Fall: Ich muss schreiben. Ich habe mir immer Leute und Geschichten und Plots ausgedacht – während alle anderen Kids im Kindergarten “Fangen” spielten, sah Klein Alex das nicht ein. Ein Grund musste her. Der Grund war meist aus der gerade aktuellen Episode irgendeiner Serie entliehen, aber irgendwann kamen eigene Gründe dazu. Und wenn ich die “Fänger” erstmal davon überzeugen konnte, dass sie die anderen fangen mussten, weil diese ihnen den Schatz der Sierra Madre abgenommen hatten, hatten wir alle mehr Spass.

Im Gymnasium spielten wir historische Begebenheiten nach. Ich erinnere mich daran, den Satrapen des persischen Grosskönigs gespielt zu haben, der in die Frau des Königs verliebt war. Wir hatten einen sehr guten und inspirierenden Geschichtslehrer. Und Löwenjagd mit dem Grosskönig in der grossen Pause machte einfach Spass.

Am Gymnasium griff in der 5. Klasse das “Fackeln im Sturm”-Fieber auf uns über. Jede Episode wurde treu nachgespielt. Ich spielte Elkanah Brent, den Bösewicht, und das mit absolutem Feuereifer. Ich glaube, ich war sogar *noch* fieser - und definitiv charamanter - als das Original.

Ich infizierte einen Teil meiner Klasse mit dem “Quo Vadis”-Fieber. Eine Story, die ich gern nachspielte, vor allem die brutalen Szenen. Also Ursus’ Gladiatorenkampf, oder die Christenverfolgung.

Aber irgendwann brachen mir die Spielgefährten weg und wurden erwachsen. Mädchen interessierten sich plötzlich für Jungs, Jungs plötzlich für Mädchen, und die Welt wurde ein sehr fremdartiger Ort, denn ich konnte mit der Entwicklung nicht wirklich Schritt halten. Wollte ich auch nicht. Ich begrif einfach nicht, dass “Spielen” plötzlich “Babykram” war, und sich alles lieber fuer die Jugenddisko fertigmachte.

Als wir dann umzogen, und ich keine engeren Freunde mehr hatte, fing ich an, alles niederzuschreiben. Seite. Um Seite. Um Seite. Hunderte von Seiten, in mehreren grossen, leuchtend orangen Ringbüchern.

Am Anfang warf ich meine diversen Einflüsse alle in einen Topf: Jugend-Fantasy (Taran und der Zauberkessel), aktuelle Kinofilme (Rocky IV), und was mir sonst noch so begegnete.

Eine Wahl, zu schreiben oder es zu lassen, habe ich nie getroffen. Das war immer so, ich bin da reingerutscht, und irgendwie nicht mehr rausgerutscht. Gemeinsame Stories mit Freunden wurden Grundlage von eigenen Geschichten, die ich irgendwann auch anderen Leuten zeigte (die Armen … gut war das nämlich noch lange nicht).

Auf dem steinigen Weg bis hierher, kam ich mehrfach an den Punkt, wo ich’s hinschmeissen wollte; sei es, dass meine Familie der Meinung sei, ich solle “mehr rausgehen, was unternehmen”, sei es, dass mir ein sehr junger (und sehr dummer & arroganter) Studi im ersten Semester sagte, ich “hätte kein Recht über etwas zu schreiben, was ich gar nicht kenne.” Sowas hat mich ein halbes Jahr lang so blockiert, dass ich nicht hätte schreiben können, wenn ich’s versucht hätte. Aber ich hab mich nicht mehr getraut. Welches Recht hatte ich denn?

Ich war der Sonderling, der seine Zeit, im Zimmer hockend, mit irgendwelchem Schwachsinn zubrach. Meine Familie war alles andere als eine Bücherfamilie - Schreiben war noch merkwürdiger, noch exotischer. Unvergessen der Satz meiner Oma: “Du schreibst?” Klein Alex nickt stolz. Sie daraufhin: “Aus welchen Büchern schreibst du das denn ab?”

Man sieht, eine Familie von Literatur-Verhinderern.

Selbst, als ich meine erste Story verkauft hatte, und langsam Vertrauen bekam, dass ich vielleicht, eventuell, etwas scheiben könnte was mehr Leute interessierte als die Schreibgruppe an der amerikanistischen Fakultät, tauchten noch so negative Typen auf.

Ich habe Germanistik abgebrochen, weil der Germanistik-Professor an der Uni Duisburg zu mir sagte: “Sie studieren Germanistik? Und schreiben selbst? Ich kann Ihnen nur raten, etwas anderes zu studieren, denn sonst werden Sie erkennen, dass alles schon erzählt ist - und viel besser, als Sie es könnten! Erhalten Sie sich Ihre Illusionen, dass Sie was zu sagen hätten.”

Was ein Arschloch. Als müsste jeder Schreibanfänger gleich mit den Nobelpreisträgern deutscher Sprache konkurrieren. Dummerweise war ich so perplex, dass ich ihm die passende Antwort nicht gegeben habe. Egal.

Wenn man mich heute fragt, warum ich schreibe, sage ich: Weil ich’s immer getan habe, weil ich immer Szenen im Kopf hatte, die eben niemand anderer schrieb, oder Figuren im Kopf hatte (”Stimmen hörte”), die mir ihre Lebensgeschichte erzählten. Auch völlig ungefragt. Manchmal mitten in der Nacht.

Ein Autor wurde mal gefragt, woran man merkt, dass man ein Autor ist. Der Autor sagte: “Versuchen Sie, es zu lassen. Wenn Sie normal weiterleben können, ohne was zu vermissen, sind Sie vermutlich keiner.”

Ich kann monatelang (na gut, wochenlang) nicht schreiben, kein Problem. Dann lese ich halt. Das ist zwischen Büchern der Fall – meist ca 6-8 Wochen. aber irgendwann werde ich kribblig - und dann musses raus.

Warum schreiben? Weil ich’s kann. Weil ich muss. Weil’s mir Spass macht. Weil mein Leben sonst leerer waere.

Und warum schreibt ihr/wollt ihr schreiben?

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4 Comments on “Warum Schreiben?”

  1. Oliver Brünnler Says:

    Hm, schöne Gedanken über Dein Warum. Hab ich zum Anlass genommen bei mir selber auch malnachzufragen und schwelge gerade in wehmütigen Erinnerungen an meine Jugendzeit. ;-)

    Danke dafür! ist ein schönes Gefühl…

  2. Rurijian Says:

    Hallo, kennst du mich noch? Lange nichts mehr von dir gehört *grins* *knuddel*

    Das sind schöne Gedanken. Wirklich. Ich stecke gerade eigentlich in einer totalen Schreibblockade, aber die hat sich soeben etwas gelockert. Danke! :) Dumm nur, dass ich gleich (*auf Uhr guck* AHHH!) schriftliche DELF-Prüfung hab, heißt, mit Schreiben ist nix. -.-

    Aber ich werde das als Anlass nehmen, auch einen Blog-Eintrag (auf meiner eigenen Homepage, Livejournal hab ich ja ziemlich lange nicht mehr aufgesucht oO) zu dem Thema zu schreiben. Das hatte ich mir sowieso vorgenommen, und jetzt kann ich das auch endlich machen. Ich muss nur noch sehen, ob es Deutsch oder Englisch wird. ^^

    So, und jetzt fühl dich mal ganz doll geknuddelt und… *wink* Bis demnächst!

  3. S. Says:

    Ich persönlich (Hallo übrigens) schreibe aus einem einzigen Grund, der mich aber dankenswerter Weise immer aufs Neue unbarmherzig motiviert:
    Ich schreibe aus Hass. Aus reinem, blankem, ehrlichem und abgrundtiefem Hass auf all die guten Bücher, die ich ständig lese, und die - da schwappt mir die Galle! - nicht von mir sind.
    Entsprechend war mein Germanistikstudium in dieser Hinsicht durchaus ertragreich enervierend inspirierend.

  4. AlexW Says:

    @Ruri: Heya, long time no see. :) FEin, dass du wieder da bist. :)

    @S: “Hass”? Super-Motiv. *lacht*. Aber meine brauchst du nicht zu hassen. Oder nur ein bisschen: genug, um zu motivieren. :)

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