Alex sieht: Pan’s Labyrinth - El Laberinto del Fauno

Ich war gestern im Odeon, Shaftsbury Ave, in London, und hab mir zur Mittagszeit “Pan’s Labyrinth” mit einer Arbeitskollegin/Schreibfreundin angesehen. Der Film hatte “rave reviews”, wie man das hier sagt, alle fanden ihn gut.

Zum ersten Mal habe ich von dem Film in Neil Gaimans Blog gelesen - er hatte eine Privatvorfuehrung auf Einladung des Regisseurs und nahm seine 12jährige Tochter mit. Allerdings ging der der Film ein wenig nahe, und Neil Gaiman machte sich darüber etwas Sorgen.

Der Film hat in den eher grosszügigen UK eine Altersfreigabe von 15. Absolut berechtigt. Wenn zwei erwachsene Menschen wie wir (Arbeitskollegin schaut Horrorfilme, ich schaue Kriegsfilme) sich in den Kinosesseln *winden*, dann ist das mehr als berechtigt.

Es war übrigens die englisch untertitelte Originalfassung - mein Spanisch ist nicht existent (okay, jenseits des Latinums …), aber selbst ohne Untertitel hätte ich den Film verstanden. Die Bilder und die Stimmung tragen ihn eigentlich allein - aber der Sprecher hat eine Stimme die klingt wie Musik. Wenn diese Stimme “dolor” (”Schmerz”) sagt, bekommt man Gänsehaut.

Kurz zusammengefasst: Das ganze spielt vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs. Ofelia, das Mädchen und die Heldin des Films, reist mit ihrer hochschwangeren Mutter zu derem neuen Ehemann, dem sadistischen Metzgerhund “El Capitan”, ein franco-faschistischer Offizier, der die Rebellen in den Bergen ausräuchern will.

Ich gebe zu, dass ich nichts über das Franco-Regime weiss, und lediglich als “Deutscher” so halb “mitbetroffen” bin - der Film hätte auch in Nazi-Deutschland spielen können, die Geschichte ist im Grunde universal. Der Film zeigt die tiefe Zerissenenheit der Spanier, die Wunden, die sicherlich noch immer da sind, über die man aber sonst nicht viel mitbekommt.

Ofelia gerät in Kontakt mit magischen Kreaturen, die sie für die Wiedergeburt der Prinzessin der Unterwelt halten, die eines Tages an die Oberwelt geflohen ist, und dort alterte und starb. Ihr Vater nun wartet auf ihre Rückkehr, aber Ofelia muss beweisen, dass sie “nicht ganz zu einem Menschen geworden ist”, um zurückkehren zu können. Dazu muss sie drei Aufgaben lösen, bevor der Mond voll ist.

Parallel zu dieser fantastischen Handlung verläuft der Bogen mit der Schwangerschaft der Mutter, den Bewohnern des Anwesens (der “Mühle”) - zu dem auch ein altes, verfallenes Labyrinth gehört, Rebellenangriffen, Verrat, Liebe, Loyalität, und unerwartete Zärtlichkeit.
Was an dem Film gut ist, dass beide Handlungsfäden “Realität” sein könnten. Ofelia könnte wirklich sich das ganze nur einbilden, oder die Erwachsenen bekommen das wesentliche nicht mit. Sie ist jedenfalls die einzige Figur, die in beiden Welten lebt.

Ein weiterer starker Punkt: Es geht um’s “Frau sein”. Ich mag Stories mit “starken Frauen” nicht, normalerweise, weil das alles so billig und Klischee behaftet ist, und weil’s oft aufgesetzt ist. Die stärksten Charaktere sind die Frauen: Ofelia, noch ganz Kind, ihre liebevolle Mutter Carmen, Mercedes, die unglaublich charismatische Haushälterin. Schwangerschaft, Ertragenkönnen, das Beste aus der Situation machen, in der Not zusammenhalten, stummer Widerstand und ganz, ganz grosse innere Stärke, an die der Capitan nicht rühren kann. Diese Frauen widerstehen ohne Gewalt, und erst in der äussersten Not greifen sie zum äussersten Mittel. Wow.

Musik, Kamera, Schauspieler, alles hervorragend. Der Score ist atmosphärisch, die Kamera teilweise unkonventionell, und definitiv anders als “Hollywood-Normalkost”. Einfach anders. Jede Szene, jede Bewegung zählt, das ganze ist wirklich eine eigene kleine Welt, geschlossen wie ein Märchen, und schön und grausam wie ein Märchen.

Unbedingt ansehen - das ist die Sorte Film, die noch lange, lange nachhallt.

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