Unpassende Fragen? Gibt’s nicht!
Okay, gibt’s doch (aber nicht viele) - ich verrate ungern, wo ich genau wohne und wo im Netz man meine literarischen Jugendsünden finden kann. Oder so. Puh. Sonst beantworte ich eigentlich alles.
Und gerade ist ein netter Kommentar reingeschneit, den ich fast aus Versehen gelöscht hätte. Email-Adressen mit “Ihr Finanzamt”-ähnlichem Text werden routinemässig als SPAM gelöscht. Ich hab pro Tag ca 40 Spam-Kommentare, man möge den Reflex verzeihen. Aber, nein, die hier ist gerettet worden und gerade “approved”.
Und da man mich lange nichts mehr gefragt hat, mach ich mal ne ganz öffentliche Antwort (also nicht im Kommentar, sondern so).
Hallo,
darf ich an diesem (aller Wahrscheinlichkeit leicht unpassenden) Ort als bislang stiller mitleser einmal eine doofe Frage wagen?
Und zwar: Wieviele Seiten Reintext schafft eigentlich so ein professioneller Autor in etwa am Tag? Grob gedurchschnittelt?
Und hat sich dein Ausstoß über die Jahre deutlich verändert?
Ich würde mich über einen groben Schätzwert sehr freuen, das hat mich schon immer interessiert.
Also. Die Frage ist gar nicht doof. Produktivität pro Seite - spannende Kiste. Mal ein paar Zahlen. Angeblich hat Hemingway sehr diszipliniert geschrieben, und am Ende alles bis auf ca 300-600 Wörter (ca 1-2 Seiten) gestrichen. Thomas Mann schrieb jeden Tag von morgens bis abends. Laut einem Literaturagenten schreibt Wolfgang Hohlbein 30 Seiten am Tag. Jeden Tag. William Faulkner schloss sich manchmal für einige Wochen ein, ward nicht mehr gesehen, und tauchte plötzlich mit einem Manuskript wieder auf. Tanja Kinkel reist und recherchiert 9 Monate im Jahr, und schreibt dann in 3 Monaten den nächsten Roman. Iny Lorenz (”Die Wanderhure”) ist zwei Autoren, und beide schreiben pro Jahr “mindestens zwei Bücher”, damit die Rente gesichert ist und die Eigentumwohnung bezahlt.
(Alles aus dem Gedächtnis, ich kann mich irren, dann bitte berichtigen).
Ich kenne das eine und das andere Extrem. Ich kenne Autoren wie Andre Wiesler, die hochproduktiv nach einem Wochenende mit hundert Seiten Text aufwarten können. Super Leistung. Ich kenne Autoren wie Iris Kammerer, die fast 10 Jahre an einem Buch gearbeitet hat.
Ich habe für “Sand und Blut” ziemlich genau 6 Wochen gebraucht (ich war in Rom, hochmotiviert, hatte Urlaub, Zeit und Langeweile), und “Fatimas Tränen”, nur ca 40 Druckseiten länger, hat 15 Monate gebraucht. “Kettenhund”, Seite 1-220 hab ich in 4 Wochen geschrieben. An meinem Familienepos habe ich zwei Jahre hart gearbeitet (und nehme es mir jetzt wieder vor).
Ich bin nicht wesentlich unproduktiver, seit ich Vollzeit arbeite. Ich bin also in sofern kein “professioneller Autor”, weil ich vom Schreiben nicht lebe. Gar nicht leben kann. Für mich ist es Hobby Nummer Eins und Berufung, meine Miete zahlt was anderes (Marketing Forschung). Ich gehöre zu den produktiveren Semi-/Halb-Profis (soll heissen: kann schreiben und wird auch gedruckt, kann aber nicht davon leben) - und schreibe etwa zwei Bücher pro Jahr, manchmal anderthalb.
Zum Schreiben gehört die Recherche, das Plotten, das Entwerfen - und die können schon Monate in Anspruch nehmen. Manchmal hakt’s auch, dann muss das Buch umgearbeitet werden, und manchmal ist das nur Planung. Da steht noch kein Wort auf dem Papier, geschweige denn in Reinform.
Aber sagen wir einfach mal, das Buch steht in der Planung, ich weiss, wo ich hinwill, und es ist genug Kaffee im Haus. Das meiste, was ich je geschrieben habe, war das Finale meines Familiendramas; das war super Arbeiten, unheimlich viel Energie und richtiger Realitätsverlust. Von Freitag abend bis Sonntag mittag hab ich 80 Seiten Text geschrieben.
Früher habe ich mir als Ziel 1 Kapitel/Woche vorgenommen. Meine Kapitel haben zwischen 6-30 Seiten. Mehr ist meistens nicht drin. Im Moment bin ich faul und habe am ganzen Wochenende nur 4 Seiten überarbeitet und teilweise neu geschrieben - aber da muss das ganze Gerüst umgebaut werden und Ueberarbeiten ist Knochenarbeit, jedenfalls für mich.
Realistisch sind ca 3-5 Seiten pro Tag, an guten Tagen mehr, an Tagen, wo der Abend mit Sachen wie Sport belegt ist, gar nichts.
Hmmm. Wenn Bloggen und Email zählen, schreibe ich im Moment trotz geringer Produktivität pro Seite doch ganz ordentlich Mengen.
Alle Klarheiten beseitigt?
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May 15th, 2007 at 1:34 am
Ganz traumhaft, die Antwort. Und unerhört schnell! Ans Licht gezerrt verkünde ich hiermit blinzelnd meinen herzlichsten Dank.
3-5 Seiten ist sehr viel konkreter als ich erwartet hatte - das kann man ja direkt mit der Eigenleistung vergleichen! Prima, prima.
May 15th, 2007 at 8:03 pm
Gern geschehen.
Ja - lass dich nicht einschuechtern von Leuten, die dir irgendwas vorgaukeln. Ich weiss aus gut informierten Kreisen, dass hinter Leuten, die deutlich mehr als ein Buch pro Jahr schreiben (okay, 2-3, wenn EXTREM produktiv) Ghostwriter stecken. “Grisham ist viele”, sag ich dazu nur.
May 15th, 2007 at 8:24 pm
Allerdings finde ich es ebenfalls recht interessant, dass eine Mail vom Finanzamt scheinbar automatisch aussortiert werden würde.
(= ich bitte um Verzeihung für das Flunkern bei der Absenderadresse)
May 15th, 2007 at 8:27 pm
*lacht* Da meine Steuern den Krieg im Irak mitfinanzieren (ich bin arbeitendes Volk in London), kann mir das dt. Finanzamt ziemlich egal sein.
Abgesehen davon melden die sich nicht per Email.