Die Wut
Als Stierlein hab ich ein echtes Temperamentsproblem. Ich bin eigentlich eher ruhig. Es gibt für mich mehrere Stufen von Wut oder Aerger. Ich erreiche selten die Stufe, an der mein Herz zu rasen beginnt und ich keinen klaren Gedanken mehr zusammenkriege.
Ich habe vor vielen Jahren (he, ich bin 32, ich darf so eine Formulierung verwenden!) gelernt, diese Wut nicht mehr in mich reinzufressen. Ich hab mich bei solchen Anfällen früher selbst verletzt. Eine scharfe Schere, meine Unterarme. “Ritzen” nennt man das. Für mich war das mehr. Es war der einzige Weg, mit der Wut klarzukommen. Es ging nicht um Selbstmord, es ging darum, der Wut den Schmerz entgegenzusetzen, dass sie managebar wurde. Nicht kontrollierbar. Nur, damit ich damit irgendwie klarkam.
Irgendwann wurde mir klar, dass die Wut meine Reaktion auf eine Handlung von aussen ist. Und da gehört die Wut auch hin. Nach aussen. Seither bin ich mental weit gesünder, zumindest muss ich keine langen T-Shirts mehr tragen. Ich bin jemand, der dann schreibt, oder zurückschlägt, aber definitiv nie wieder ritzt. Ich zerschlage eher Porzellan, und wenn man mich erst so weit hat, dann sind mir die Konsequenzen auch egal. Selbst, wenn ich etwas unwiderbringlich zerstöre. Ich habe keinen Resepkt vor Leuten, die die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht auf sich nehmen. Ich weine nicht um Teller, die ich selbst zerschlagen habe.
Solange ich weiss, was wirklich zu mir gehört (und das sind beruhigenderschreckend wenige Dinge), tut kein Verlust weh. Bedauern, vielleicht. Ansonsten kehre ich die Verwüstung zusammen und fange was Neues an.
Und warum erzähle ich das? Ich bin wieder soweit. Das Herz rast, mir ist übel, meine Hände sind kaltschweissig. Das letzte Mal war ich so wütend nach einer Email, Anfang Januar. Zumindest werden die Wutanfälle weniger. Jedes halbe Jahr einen - das ist schonmal viel gesünder, als mein Vater, der meine Mutter jede Woche durch die Wohnung prügelte. Und der Drecksack hat die Konsequenzen seiner Handlungen nie auf sich genommen. Im Gegenteil. Der Wurm tat sich am Ende noch leid. Drecksack. Verrotte in Frieden.
Mein Herz rast so krass, als hätte ich einen Liter ristretto getrunken. Mir ist schlecht vor lauter Wut, und ich würde am liebsten schreien. Dummerweise ist mein Fitness-Studio sonntags zu (und götterseidank - ich muss mir wirklich nicht auch noch jeden Muskel im Körper zerren). Ich schnappe mir also jetzt meine Laufschuhe und gehe raus. Ich muss irgendwo hin mit dem nackten Adrenalin. Hoffentlich überfährt mich nicht so ein Engländer (englische Fahrer sind schlimmer als Italiener!) weil ich gerade totalen Tunnelblick habe.
Früher konnte ich mich am Telefon bei einem Freund auskotzen. Oder mit jemandem treffen, und mir Knuddel abholen. Tja, vorbei. England ist meine kleine Exil-Insel, vor allem, was Freunde und Rückendeckung angeht. Ist okay. Andere Sachen haben mich bereichert.
Aber wenn die Wut da ist, dann wird’s schlimm. Ich kann mich nicht einfach in mein Auto setzen, auf eine Halde fahren, und schreien. Ich kann auch nicht denjenigen, der die Wut ausgelöst hat, treffen, und das ganze dann klären (nicht mano a mano - aber ein paar klare, auch laute Worte helfen).
Nein, ich sitze hier und koche in meiner Wut vor mich hin. Da ich’s nicht klären kann, muss ich mit den physiologischen Reaktionen umgehen (Adrenalin brennt man mit Sport weg), und es mir dann aus dem Kopf schlagen. Wegdrücken. Was anderes machen. Was ganz anderes machen. Nichts davon sehen oder hören, und mir dann die Frage stellen, ob’s das wert ist.
Im Januar habe ich beschlossen, dass es das nicht wert ist.
Aber im Moment bin ich zu blind für irgendeinen Beschluss.
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May 21st, 2007 at 10:26 pm
…die einen haben zu viel Wut, die anderen zu wenig :-/ wär cool wenn man sowas übertragen könnte. Dann könntest du Mir gerne eine Ladung davon abgeben …
May 27th, 2007 at 5:20 pm
Wenn’s moeglich waere, gern. Ich hasse das selbast an mir (ich waere lieber gern ruhig und gelassen und grosszuegig als nachtragend, jaehzornig und paranoid…).