Was passiert, wenn man Waschbär mit Adler kreuzt?

Ich habe mir in letzter Zeit massiv Gedanken darum gemacht, woran ich glaube. Glaube ich überhaupt irgendwas? Vielleicht steckt dahinter auch Voiata. Oder umgekehrt. Wenn die Figuren erstmal leben, ist’s manchmal schwer, auseinanderzuhalten, ob die Idee von “denen” ist und sie die auf mich übertragen, oder ob meine Figuren in Wirklichkeit meine Probleme mit sich ausmachen.

Mischko (für mich ist’s Mishko …) wäre der Teil von mir, der missbraucht und gegen sich selbst ausgespielt worden ist. (Nein, ich wurde nicht missbraucht. Meines Wissens nach hat mein Vater nur meine Mutter geschlagen und misshandelt, aber nach Freud könnte ich mich vermutlich nicht dran erinnern. Keine Ahnung, ist nicht wichtig, weil ich mich nicht dran erinnern kann).   Der Teil, der sozial augespielt, ausgegrenzt und verbittert ist - und die Reaktion darauf. Meine Wut. Mein Jähzorn. Mein Alle-Brücken-Hochjagen. Aber Mishko ist auch jemand ausserhalb von mir … mehr als das.

Voiata ist vermutlich meine Frage nach Religion. Ich wollte immer glauben. Ich bin als Esoteriker aufgewachsen, in einem “Naja, Gott, irgendwie gibt’s da was”-Haushalt. Die Kreuzzüge faszinieren mich. Menschen sterben für etwas, das sie weder begreifen noch anfassen können. Für etwas, das zusammengeklaut, erstunken und erlogen ist. Sie sterben dafür, sie töten dafür.

Ich bin durch ne Menge Religionen durchgegangen. Ich habe mit Magie (”Esoterik”) experimentiert, meditiert, ich war mal Christ. Protestant. Inspiriert durch einen sehr coolen Pfarrer, der mir irre progressiv und mutig vorkam (und am Ende auch nur ein Feigling …).

Ich war mal ganz verliebt in eine Form von Satanismus (Lucifer hat mich immer mehr fasziniert als Satan. Satan war dumm & primitiv, aber Lucifer als ewig Ausgestossener, Missverstandener - ja, das passte gut zu Klein-Alex, der auch Aussenseiter war). Ich lese mein Horoskop. Ich mache eine Form von Energie-Arbeit, wenn ich massiere.

Aber glauben? Aber - Gott?

Im Zuge von Fatimas Tränen hab ich auch ne Menge zu Islam und Katholizismus gelesen. Logo. Flechette ist katholisch - ich weiss nicht sehr viel über den Katholizismus, abgesehen davon, dass mir das Gequatsche über Sünden und das ständige Aufstehen und Niederknien gegen den Strich geht. Und solange im Namen des Islam und der Scharia Menschen gesteinigt, aufgehängt und ermordet werden, komme ich damit auch nicht klar. Sowenig, wie ich damit klarkomme, das El Presidente GWB “Gottes Stimme” hört.

Das ist nicht meins. Der ursprüngliche Plan für Fatima war, dass Voiata “Gott” findet. Allah, Yahweh … whatever. Aber das glaube ich nicht wirklich. Das war der Grund, weshalb das Buch so schwer war. Voiata sollte etwas durchmachen, an das ich nicht glaube. Ich hätte gelogen. Ich hätte etwas als “wahr” verkauft, an das ich nicht glaube. Und so dumm seid ihr nicht, dass ihr mir das abgekauft hättet. Ihr hättet mitgekriegt, dass ich versuche, euch zu verarschen.

Ich habe mich gestern lange mit einem Freund unterhalten. Der sagte, Autoren seien gefährlich, weil sie Dinge in fremden Köpfen freisetzen, die niemand kontrollieren kann.  Er nannte das “Hexerei”.

Und da kamen dann wieder zwei Dinge zusammen. Der Mann hat recht. Das *ist* Hexerei. Durch die Kraft des Wortes (”und im Anfang war das Wort”) werden Dinge real. Und erzeugen reale Gedanken und Gefühle. Wenn man so will, ist jeder Leser, der mir schreibt “ich musste weinen/lachen/nachdenken” ein Leser, der sagt: “Uebrigens, dein Zauberspruch hat gewirkt.”

Der Hüter der Geschichte(n) früher war der Schamane des Dorfes. Ich bin Historiker und Autor, und ich baue meine eigenen Mythen, meine eigenen Götter. Schamanismus und Schreiben ist eigentlich dasselbe, wenn ich den Leuten glaube, die über Schamanismus schreiben. Schamanen arbeiten mit Geistern. Ich arbeite mit Figuren. Der Zustand des Schreibens, wenn man nicht denkt, sondern *ist*, ist nichts weiter als die Trance.

Ich habe mich lange mit einem Schamanen unterhalten (der Junge hat real seine Einweihungen bei einem echten Indianerstamm bekommen). Und wir unterhielten uns über Krafttiere und Totems.

Er sah mich an, und sagte: “Coyote?”

Ich erzählte ihm von der Meditation, als ich Waschbär begegnete.

Er grinste und sagte: “Ja, stimmt. Coyote war nah dran, du bist ein Trickster, aber näher am Menschen dran. Waschbär hat Hände - er ist menschlicher als Coyote.”

Menschlicher als Coyote. Ich wollte damals was Cooleres. Wolf, oder Bär, oder Hirsch. Was grosses, starkes - eines von den fetten Totems. Aber Waschbär, der im Müll gräbt, durch’s Leben kommt und immer einen Weg findet …  ja. Ja. Ich hab ihn angenommen, so sehr man mit Trickstern eben klarkommen kann.

Zwischen mir und Schatzi ist das immer ein Witz, ein wenig (Schatzi ist Wiesel/Fuchs), eine Neckerei, wenn er sagt: “You’ve got the heart of a wolverine trapped inside a racoon.”

Langsam werde ich älter, und vielleicht weniger nett. Ich sehe klarer,  ich mache weniger Kompromisse. Ich wachse aus diesem Krafttier raus. Racoon ist immer noch da, und ich sehe mich nach wie vor als Trickster, aber seit einiger Zeit (vor Fatima) kommt Adler dazu. Oder wie sagte eine Freundin, die das Buch las (selber Luchs): “Du hast Adler über vierhundert Seiten lang echt cool aussehen lassen. Klar nimmt er dich jetzt an.”

Vielleicht stimmt das alte Ding über Magie, das man zu dem wird, mit dem man sich beschäftigt.

Gleichzeitig weiss ich, dass Waschbär und Adler nur Metaphern sind, Bilder, mit denen ich als Autor arbeite, und mit denen ich mir meine eigene Welt und mich selbst verständlich mache.

Manche Dinge gehören zu einem und machen Sinn.

Gott gehört nicht zu mir. Ich bin kein Christ. Ich glaube nicht.  Ich glaube an das, was ich fühle, und was für mich wahr ist. Niemand könnte im Namen Adlers oder Waschbärs  andere Menschen töten oder einen Krieg führen. Niemand kann sagen, meine Religion sei falsch.

Ich bin Historiker, ich sehe, was das Bild/Konzept namens Gott für Dreck am Stecken hat, und mich schüttelt’s vor Ekel. Wie kann ich an etwas glauben, das soviele Menschen umgebracht hat? Ist dieses “Ich bin ja nicht gläubig, aber irgendwie gibt’s da Gott” nicht einfach nur feige? Und faul? Ein Ausweg aus einer Frage, die die Menschheit seit ewig umtreibt? Wer setzt sich denn schon hin und denkt wirklich mal darüber nach, bis er zu einem Ergebnis gekommen ist?

Menschlicher als Coyote? Vielleicht.

Menschlicher als Gott?

Ganz, ganz sicher.

Explore posts in the same categories: Leben

5 Comments on “Was passiert, wenn man Waschbär mit Adler kreuzt?”

  1. Crazee Says:

    Ein mutiger und sehr offener Text. Interessant das zu lesen, besonders jetzt nachdem ich Kettenhund und Fatimas Tränen gelesen habe. Besonders die Sache mit den Totems finde ich interessant.

  2. Markus Says:

    Nicht das Bild/Konzept Gott hat Dreck am Stecken, sondern die Menschen, die es für ihre egoistischen Motive pervertiert haben. Dasselbe lässt sich übrigens auch für andere Religionen oder Glaubensrichtungen sagen.
    Ich muss zugeben, dass ich mich bislang nicht mit Totems auseinandergesetzt habe, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich auch diese Bilder/Konzepte pervertieren lassen.

    P.S. Ich verteidige nicht das Bild/Konzept Gott, weil ich Christ bin, sondern weil ich schon lange den Eindruck habe, dass der Glaube “Christentum” zu leicht als Sündenbock für etwas herangezogen wird, was Menschen unter dem Deckmantel eines Glaubens begangen haben. Nicht der Glaube an sich!

  3. AlexW Says:

    @Crazee: Ach, mutig. :) So mutig ist das gar nicht - Deutschland (oder England wird nicht von der Inquisition regiert, von daher bin ich einigermassen sicher. :)

    @Markus: Mich wuerde interessieren, wie man auch Basis eines so extrem individuellen Glaubens wie Shamanismus Menschen organisiert verfolgen und toeten kann. Im Moment kann ich mir sowas schlicth nicht vorstellen.

    Da man nicht beweisen kann, dass Gott wirklich existiert, ist der fuer mich so real wie das fliegende Spaghetti-Monster. Also gar nicht. Also sehe ich um mich und sehe, was “Glaeubige” anrichten (Moslems wie Christen und Orthodoxe Juden - ich mache da keinen Unterschied). Solange sie’s rechtfertigen koennen mit “Gott will das so!” (und sie tun’s!), istdas Konzept “Gott” fuer mich genau so indiskutabel wie das Konzept “Stalinismus” oder “Nationalsozialismus”. Mit anderen Worten: Klar haben die Nazis Autobahnen gebaut - aber primaer, um ihre Panzer schneller von A nach B zu kriegen.

  4. Markus Says:

    Du sagst: “Niemand kann sagen, meine Religion sei falsch.” Da gebe ich Dir völlig recht. Aber dasselbe kann ein beliebig anders Glaubender von sich behaupten. Jede Religion hat Mängel, bzw. kann zu unmenschlichem Tun missbraucht werden.

    Auch wenn Du nicht an den christlichen, muslimischen oder jüdischen Gott - oder irgendwelche anderen Götter (inklusive des Spaghetti-Monsters) - glaubst, solltest Du deren Anhänger nicht kollektiv verteufeln.

    Religion lässt sich auch nicht beweisen, sonst wäre es Wissenschaft. Religion spielt sich im Herzen eines Menschen ab. Religion ist etwas persönliches. Ich finde es gut, dass Du Dich für einen Glauben entschieden hast und dazu stehst. So etwas findet man äußerst selten. Aber ich habe das Gefühl, dass Du mit einer unangemessenen Arroganz auf andere Religionsgemeinschaften herabblickst, weil deren Ideologien und Doktrine als Vorwand für irdische (Un-)Taten herhalten müssen.

  5. AlexW Says:

    Du sagst: “Niemand kann sagen, meine Religion sei falsch.� Da gebe ich Dir völlig recht. Aber dasselbe kann ein beliebig anders Glaubender von sich behaupten. Jede Religion hat Mängel, bzw. kann zu unmenschlichem Tun missbraucht werden.

    Ich wuesste nicht, wo Schamanismus je als Kriegsgrund missbraucht worden ist.

    Auch wenn Du nicht an den christlichen, muslimischen oder jüdischen Gott - oder irgendwelche anderen Götter (inklusive des Spaghetti-Monsters) - glaubst, solltest Du deren Anhänger nicht kollektiv verteufeln.

    Sorry, aber zeig mir einen Satz, wo die ich *Glaeubigen* verteufle.

    Religion lässt sich auch nicht beweisen, sonst wäre es Wissenschaft. Religion spielt sich im Herzen eines Menschen ab. Religion ist etwas persönliches.

    Nein. Religion ist extrem politisch. Schau drueben nach Amerika, schau nach Italien, wo der Papa Razzi vorschreibt, wie glaeubige Politiker abzustimmen haben, schau dir an, was die Kirchen zur Schwulenehe sagen (machen). Wenn das “perseonliche Glauben” dazu fuehrt, dass Menschen verfolgt und getoetet werden, dann wird das Sache des Staates, der Justiz, der Verfassung, und nicht zuletzt der Politik. Dann ist Religion so sehr Ideologie, wie’s der Nazismus ist. Oder der radikale Kommunismus. Oder der Glaube, man muesse Tuerken “weghauen”.

    Aber ich habe das Gefühl, dass Du mit einer unangemessenen Arroganz auf andere Religionsgemeinschaften herabblickst, weil deren Ideologien und Doktrine als Vorwand für irdische (Un-)Taten herhalten müssen.

    Nein - ich habe ein Problem mit der Kirche, ich habe ein Problem mit den islamischen Strukturen, die Frauen beschneiden, Frauen steinigen, Schwule aufhaengen. Ich habe ein Problem mit christlichen Predigern, die auf der Beerdigung von Schwulen auftauchen und sagen, sie wuerden “in der Hoelle brennen”. Ich habe Angst vor Politikern, die die “Stimme Gottes hoeren”. Ich habe kein Problem mit Glaeubigen, ich habe ich Problem mit ihrem Gott. Ich verstehe den psychologischen Mechanismus, warum Menschen glauben (die Tatsache, dass wir alle *garantiert* sterben werden, ist hart zu schlucken…), aber ich finde, Glauben ist ne Kruecke, wie jede andere Ideologie, und bleibe lieber bei der Wissenschaft, oder bei einem so persoenlichen Glauben, dass der sich als Glauben auch nur fuer mich eignet. Und ich weiss gleichzeitig, dass diese Form von Schamanismus eher eine Denkgewohnheit und eine Form von Psychologie ist.

    Ja, ich lehne Gott ab. Wenn das meine Arroganz ist, dann schuldig im Sinne der Anklage. Die Glaeubigen - damit haben ich kein Problem. Ich weiss, warum sie’s tun. Es ist traurig, aber nicht zu aendern. Ein Problem wird’s erst, wenn dieser Glaube (”Da gibt’s irgendwie was, ich bin dann wohl Christ/Moslem/Jude/…”) nichts weiter ist als ein psychologisches Stuetzkorsett. Solche Menschen sind extrem unsicher, und auch zu Gewalttaten bereit. Und wenn eine Massenillusion wie Gott Menschen umbringt und verkrueppelt, dann wird das ganz schnell etwas, was ich nur mit “Verbrechen” bezeichnen kann.

    Mit Arroganz hat das nichts zu tun. Eher damit, dass mir ein Menschenleben heiliger ist als jede Form von Glauben.

Comment: