Familiendrama
Gestern nacht wusste ich mal wieder, warum ich schreibe. Wenn mir bei einer Szene das Herz rast, und ich rot (okay, pink, aber ich hasse pink) werde, und nach der Szene wie aus tiefem Wasser wieder auftauche, dann weiss ich, warum ich das alles tue. Dann ist das Schreiben selbst perfekt; “Spass” kann man das nicht nennen, das geht tiefer. Dann weiss ich, dass es das ist, was ich tun will, und nichts anderes, selbst wenn Schreiben oft einfach Plackerei ist, oder stures Durchhalten (vor allem in der Ueberarbeitung ist das oft einfach nur noch Ausdauer) - wenn’s so geht wie gestern, dann bin ich zufrieden.
Dabei habe ich objektiv nur drei Taschenbuchsseiten geschrieben, aber was für Seiten. Gut, es geht um den Tod, und was er in Menschen auslöst, und diese Szene hat sich über Wochen gegen mich gesträubt. Das war das Ding, wo ich an den Tod meiner Mutter dran musste.
Ich habe auch nicht das Gefühl, das auszubeuten, oder masochistisch in meinen Wunden rumzuprockeln. Krebs ist nun alles andere als ein Einzelfall, und obwohl der Tod meiner Mutter eine hochpersönliche Erinnerung ist, stehen die Chancen gut, dass meine Leser das wiederkennen. Krebs ist der Killer Nummer 1 (oder 2), und es geht nicht darum, mich (oder meine Mutter) zu entblössen, sondern darum, dem Gefühl unverwandt ins Gesicht zu blicken; wie fühlt sich das an? Und warum? Was für Gedanken hat man dabei - und diese Dinge zuzulassen. So wird aus der persönlichen Erfahrung etwas, das ich gern als “Wahrheit” oder “Authenzität” bezeichne.
Leser kriegen das mit, wenn man nur die üblichen Klischees abnudelt, weil nichts davon wahr ist, weil viele Autoren einfach so verdammt bequem sind, und die Worte eines anderen Autoren zum tausendsten Male durchkauen. Wen soll das berühren, wenn’s den Autor nicht berührt?
Gestern kam der Punkt, dass ich wusste, ja, das ich richtig. So hat sich das angefühlt. So muss Charakter X darauf reagieren; und mit der Szene, gegen die er sich so lange gewehrt hat, bin ich endlich dem nahe gekommen, was er die ganze Zeit vor mir versteckt hat. Ich weiss jetzt, was ihn antreibt, umtreibt, und, schliesslich kreuzunglücklich macht. Es ist dasselbe Problem, was verschiedene meiner Onkel in die Psychotherapie getrieben hat: Eine Mutter, die nicht liebt/lieben kann. Ich denke manchmal, meine Grossmutter hätte besser mehr in Kondome investiert, als acht Menschen in die Welt zu werfen, die alle kreuzunglücklich darüber sind, dass sie nie um ihrer selbst wegen geliebt worden sind.
Und dann denke ich an meinen Lieblingsonkel, der mich mal angeschaut hat, mit Kettenhund in der Hand, und sagte: “Das mit dem Pseudonym … machst du dir das nicht ein bisschen sehr einfach?”
Und ich: “Wieso?”
Er: “Du warst immer der Aussenseiter in der Familie Wichert. Du versuchst doch jetzt mit dem Pseudonym dazuzugehören, oder nicht.”
Ich: “Wichert heisst “Kaempfer/Krieger”. Das reicht. Ausserdem ist es der Name meiner Mutter. Und ich lasse der Familie nicht die Macht über mich, zu bestimmen, ob ich dazugehöre oder nicht. Und wenn ich der Fremdkörper bin, wen interessiert’s? Ich bin Schriftststeller. Mein Ziel ist, dass meine Bücher noch gelesen werden, wenn das ganze Familienelend nicht mal mehr als Erinnerung existiert.”
In gewisser Weise, denke ich manchmal, hat das was mit Rache zu tun. Dass die, dich mich nie haben wollten, sehen, dass ich meinen Namen beanspruche und als einziger jemals etwas damit erreiche. Meine Worte bleiben, meine Version der Geschichte(n) bleibt - und ihr habt keine Stimme. Als Historiker nehme ich meine Geschichte und schreibe sie - als Sieger.
Aber es wird noch gemeiner: Ich nehme von meiner Familie nur das, was ich gebrauchen kann. Keiner von denen findet wirklich den Weg in mein Buch. Ich nehme ihre Lächerlichkeiten, ihre Nickeligkeiten, ihre Kleinlichkeit und mache daraus jämmerliche, nickelige, kleinliche Charaktere.
Und die Familiensaga ganz besonders. Diese Familie ist nicht meine Familie. (Abgesehen davon habe ich keine Lust auf einen Prozess - ist nervig, und kostet mich nur Urlaubstage, wenn ich nach Deutschland muss, um zu versprechen, dass Voiatas Mutter überhaupt keine Aehnlichkeit mit meinem eigenen Fleisch und Blut hat). Meiner Familie fehlt dazu die tragische Groesse. Aber an meiner Familie konnte ich studieren, wie sich Menschen gegenseitig zerstören, wie Eigensucht, Dummheit, und pure Geldgeilheit Menschen verzerren.
In gewisser Weise ist es befriedigend und wirklich harte Arbeit, über diese Mechanismen zu schreiben. Und wieder muss ich ehrlich sein, und aus diesen Leuten das destillieren, was Leser wiedererkennen. In gewisser Weise muss ich diesen Menschen die Haut abziehen und sie zerstückeln, um zu begreifen, warum sie tun, was sie tun.
Und sie dann so nackt zu präsentieren - ohne ihre Schutzmechanismen - das ist einerseits Rache und Reinigung. Wenn man nämlich versteht, dass sie schwach sind, oder feige, oder faul, dann wird das Hassen zu harter Arbeit. Wenn ich verstehe, was einen Menschen motiviert, was ihn zwingt und umtreibt, kann ich dann noch hassen? Und ist das nicht eine ganz furchtbare Zeitverschwendung.
Meine Familie ist Material. Ich bin Material. Ich kann nur mit dem arbeiten, was ich habe. Und hoffe, irgendwie, zu verstehen. Irgendwann will ich mit dem Stoff “durch” sein, irgendwann habe ich meine Dämonen alle ausgetrieben. Vielleicht komme ich dann auch zur Ruhe - und bin mit mir und der Welt zufrieden.
Ich denke, dann bilde ich entweder Autoren aus oder lese endlich all die Bücher, die ich ständig kaufe, und die dann unwichtig werden, weil ich gerade wieder schreibe.
Wäre nett. Ich hab viel zu wenig Zeit zum Lesen.
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September 6th, 2007 at 10:37 pm
Auch wenn es mich nichts angeht und ich dir weder zu Nahe treten, noch mich einmischen will: Denkst du denn, dass sich irgendetwas ändert wenn du so \
September 6th, 2007 at 10:38 pm
Ach ist auch egal was kümmert mich das?
September 6th, 2007 at 10:42 pm
Nein, du hast voellig recht. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Nenn es Exorzismus, und manchmal hat’s auch viel mit Kotzen gemeinsam. Aber wenn ich darau Buecher machen kann, ist es das fuer mich wert.
September 8th, 2007 at 7:03 pm
Ich sehe das dann irgendwie von dem Standpunkt: Wenn man andere verletzt, weil sie einen verletzt haben inwiefern unterscheidet man sich dann noch von den anderen?
Aber so gesehen sind die dann ja auch indirekt Inspiration/ ( im weitesten Sinne Musen ) für dich.