Nächstes Vorstellungsgespräch
Im Moment bin ich krank zuhause - die Erkältung, die sich die ganze letzte Woche angeschlichen hat, ist gestern voll durchgekommen, und es fällt mir schwer, geradeaus zu denken. Entsprechend bin ich gestern vorzeitig nach hause gegangen und habe mich heute krank gemeldet. Da ich vielleicht 1-2mal im Jahr krank werde (meistens Erkältung, ich hab’s mit den Atemwegen, Stier halt) ist das alles im Rahmen.
Auf der positiven Seite habe ich einen sehr netten Kontakt zu einer Job Agentin, die auch aus Deutschland ist, und die mich gern bei zwei ihrer “Klienten” unterbringen will. Und beide Klienten haben schon Interesse angemeldet. Wäre beides mehr Geld, und interesantere Aufgaben, und nach dem Ego-Boost der letzten Tage bin ich bestens darauf vorbereitet, meine Haut teurer und besser zu verkaufen.
Dienstag morgen registriere ich mich also bei der Agentin (Personalien ausfüllen, Straetgie besprechen), am Mittwoch dann ein erstes, “informelles” Jobinterview bei der ersten Firma. Deren Job klingt hervorragend - reisen, beraten, analysieren, forschen. Ich denke, das passt zu mir. Und den Leuten in meiner Jetzt-Noch-Firma ist ohnehin klar, dass ich gehe. Ich kriege viele Anrufe, verlasse dabei immer das Büro, und bin zwischendurch gelegentlich für 2 Stunden weg. It’s not rocket science.
Meine aktuelle Firma hat einen ziemlichen staff turnover - so nennt man das, wenn ständig Leute reinkommen und nach kurzer Zeit wieder abhauen. Als ich mit der Ober-Personalerin sprach, sagte die nur: “Du warst doch jetzt ne ganze Weile da.”
Ne ganze Weile ist in meinem Fall 2,5 Jahre. Ja. Ich hätte schon vor 6 Monaten abhauen sollen, als mir einiges klar wurde. Und als dann noch die einzige Fähige im Team vor ein paar Wochen weggegangen ist, und meine Freundin aus der Finanzabteilung woanders auch was viel besseres gefunden hat, war eigentlich klar: Da draussen sind Jobs, ich muss nur suchen. Ich hatte ja ein paar halbgare Versuche gestartet, aber das Schreiben hat mich auch behindert. Wenn das Schreiben Priorität hat und man ohnehin lebt für die paar Stunden, die man in einem Buch verbringen kann, nachdem der Arbeitstag gelaufen ist, dann fehlt auch manchmal einfach die Motivation. Man kommt halt klar.
Nur will ich mehr als nur “klarkommen”. Mich hat erschreckt, als ich jemanden kennenlernte, der seit 19 Jahren den exakt selben, niedrig qualifizierten Job in der Firma macht. Und der mir sagte: “Tja, irgendwie richtet man sich so ein und man gewöhnt sich dran.” Entsprechend hat der Mann kein Haus, keine Rentenversicherung, nichts. Und wenn er wegen seines Motorradunfalls 5tausend Pfund zahlen muss, bringt ihn das finanziell um. O-kay. Ist ein Weg, ist aber nicht mein Weg. Ich hätte gern eine Karriere. Mit Macht und Befugnis und so. Vor allem, nachdem ich gesehen haben, was für Luschen Personalverantwortung kriegen. Wenn das Manager sind, bin ich auch einer.
Ein ganz anderes Problem ist, dass eine der beiden Firmen, die an mir Interesse haben, mich vielleicht nicht einstellen kann, weil ich in meinem Arbeitsvertrag eine seltsame Klause habe, die mir verbietet, für ein Konkurrenz-Unternehmen oder ein Klient-Unternehmen zu arbeiten - eine Sperrfrist, quasi. Für mich klingt das schwer nach Berufsverbot - denn jeder kauft von meiner aktuellen Firma Informationen, und jedes Marketing-Forschungs-Unternehmen dürfte ein Konkurrent sein. Wie soll ich mich in der Branche weiterentwickeln, wenn meine alte Firma mir verbieten kann, einen besseren Job anzunehmen?
Es hat da schon Skandale gegeben - Rivalen, die gezielt Leute “gejagt” haben, und einer der Konkurrenten und meine Firma haben sich dann aussergerichtlich geeinigt - was nur soviel heisst wie, dass die beiden Firmen keine Lust hatten, sich gegenseitig juristisch zu vernichten. It’s a jungle out there.
Aber ich bin kein Manager, kein Geheimnisträger, alles, was ich gelernt habe, habe ich mir mangels Training selbst beigebracht. Ich werde da mit dem Oberboss reden müssen, dass ich niemandem Schaden zufügen will. Ich wäre ja auch in der Firma geblieben, wenn ich ne Perspektive sehen könnte. Lustige Idee - Trendforscher ohne Perspektive.
Und gerade hat die Agentin der Finanz-Leute angerufen, und die wollen mich, und ich soll bis Montag zusagen; sie sind bereit, die vier Wochen Kündigungsfrist auf mich zu warten, obwohl sie dringend Leute brauchen. Ich mochte meinen zukünftigen Chef sehr, und es wäre total spannend, soziale Absicherung ist auch gut, aber … das Geld.
Seufz. Nichts ist so spannend wie das Leben, und in meinem verschnupften Kopf ist das Klar Denken auch im Moment eher schwierig.
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