Neuer Job - Alex 1:0
Im Moment komme ich immer total platt nach Hause. Grund: der neue Job. Meine Erfahrungen lassen sich im Moment am ehesten mit einem Tetris-Spiel vergleichen: Es kommen Blöcke Wissen auf mich zu, und im Moment stapelt es immer weiter hoch. Ich hab immer noch keine Ahnung von Risikokapital, aber ab morgen bin ich offiziell für das Magazin zuständig. Dann kommen PR-Leute auf mich zu, und ich erscheine aus dem Nichts in der “Szene”, die extrem klein ist.
Im Moment erstaunt mich, was für Erwartungen alle an mich haben (”Ach, du übernimmst Magazin X? Viel Glück!”, “Du wirst sehen, das wird ganz schnell zur zweiten Natur”). Der Ober-Chef der Abteilung hat mich (und noch einen “new starter”) dann heute begrüsst; dabei fielen dann Sätze wie: “Intelligente Menschen muss man auf ganz bestimmte Weise managen - flache Hierarchien, Belohnung von Initiative, offene Türen” - und es schimmerte durch, dass hier gesunder Menschenverstand & Eigenverantwortung gefragt sind. “Mein” Magazin hat wohl im Moment sehr gute Zuwachsraten, und wird auf diverse elektronische Formate ausgeweitet - dazu ein ermunterndes Nicken vom Ober-Boss, so nach dem Motto: “Das ist dann Ihr Job…”
Neu ist auch, dass alle in der Abteilung mega-clever sind. Das hier ist anders als die üblichen Marketingleute … das sind alles Spezialisten fürs Finanzwesen. Der Franzose neben mir ist teilweise so clever, dass er mich krass beeindruckt, und das ganze Team ist mega-nett, hoch diszipliniert, und alle haben eine extrem hohe Sozialkompetenz. Es macht Spass, mit denen in einer Tischgruppe zu sitzen.
Sehr anders als meine letzte Erfahrung.
Ich werde mich da wohlfühlen. Ich habe an den letzten 3 Tagen konzentrierter gearbeitet als in den letzten Monaten, und das schafft mich im Moment (böse Zungen könnten behaupten, ich hätte eine ruhige Kugel geschoben).
Alles das zu verstehen, was um mich herum passiert - und mir wird immer und immer wieder klar, dass ich gar nichts verstehe, bzw weiss. Ich hab den Finanz-Hintergrund nicht, aber ich hätte ihn gern, damit ich nicht nur posen muss, wenn ich mit diesen Leuten rede. Es gibt ein paar Bereiche, von denen ich echt was verstehe, aber das Finanzwesen gehört noch gar nicht dazu. Und es ist auch verteufelt komplex, vor allem auf englisch.
Andererseits bekommt mein hungriges Gehirn endlich Futter. Und mein Ego erst. Ich werde allein verantwortlich sein für mein eigenes Magazin, meine eigenen Kontakte pflegen, reisen, ich bin das “Gesicht” des Magazins. Mal sehen, was ich damit mache. Es ist definitiv eine hoch sichtbare Position, und so 2-3mal am Tag hab ich dieses “OMG WTF?!”-Gefuehl. Wie bin ich da reingerutscht? Sehr viel cooler jedenfalls als einer cholerischen Portugiesin ausgeliefert zu sein, die meine Arbeit stiehlt, und immer wieder dieselbe Scheisse machen zu müssen.
Diese Finanzgeschichte ist deshalb so interessant, weil ich denke, dass davon auch sehr gute Impulse für Entwicklungsländer ausgehen können. Je mehr ich über die “bösen” “Heuschrecken” weiss, desto mehr erkenne ich, was da eigentlich hintersteckt. Klar ist das Kapitalismus in Reinkultur - aber auch eine mächtige Waffe, um Gutes quasi indirekt zu tun. Firmen aufzubauen, zu optimieren, und das alles mit unheimlich Know-How und einem Plan … schafft das nicht auch Wohlstand? (Und wir reden gar nicht über die Millionenprämien der Fonds-Manager).
Fakt ist, eine schlagkräftige Firma schafft Arbeitsplätze (zum Beispiel durch Expansion), und Firmen, die danach (wieder) an die Börse gehen, sind schlagkräftig. Innovative Produkte verdienen es doch, genug finanziellen Raum zu haben, um sich auf dem Markt durchzusetzen, oder nicht? Und wenn die Banken denen das Geld nicht hinterherwerfen?
Ich weiss nicht, aber die ganze Debatte um die “Heuschreckenplage” ist mittlerweile fast peinlich. Ich hab das alles früher auch geglaubt, dass das böse, kaltherzige Arbeitsplatzvernichter sind. Ich habe mich mit meinen französischen Kollegen heute darüber unterhalten, und er sagt, es ging ihm ganz ähnlich - er glaubt mittlerweile auch, dass der Nutzen für alle weit grösser ist als der mögliche Schaden. Entweder haben wir “ihre” Meinung jetzt übernommen, oder wir haben wirklich mehr Ahnung als die Mainstream-Presse. Oder die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen.
Mal gespannt, wie die Herren Insekten sich so im privaten Gespräch geben. Interviewen werde ich nämlich dann sehr bald. Hab etwas Muffensausen deswegen - ich denke, ich darf mir nur nicht vergegenwärtigen, wieviele Millionen diese Leute verwalten/beherrschen.
Mein Chef sagte dann heute auch noch, dass ich dann quasi im “Schaufenster” sitze für diese Leute. So, wie er das sagte, deutete er an, dass Leute ratzfatz abgeworben sind. Ich als PR-Mensch für die Finanzer? Wenn ich das will, war das hier genau die richtige Entscheidung. Marketing jedenfalls ist war mir zu blöd.
Da spiele ich jetzt lieber einige Monate lang hektisch Tetris. Und ich freue mich darauf, hart zu arbeiten und zu begreifen, was ich da tue und was das alles soll.
Explore posts in the same categories: England, Job, Leben, London
November 1st, 2007 at 9:57 am
Das klingt gut! Keine Sorge, in jedem Job, der Weiterentwicklung bringt, fühlt man sich die ersten 6 Monate immer so als würde man schwimmen… war bei mir bisher zumindest immer so und ich hab danach noch jeden Job gewuppt bekommen. Aber ist lustig, wenn man wo sitzt und nicht einmal die Hälfte von dem versteht worüber sich alle so angeregt unterhalten, oder? Wart´s ab, bald bist du auch einer von denen, die da locker mitreden.
Daumen hoch!
Indigo
November 1st, 2007 at 9:56 pm
*g* Danke
Heute bin ich offiziell verantwortlich. MEEP.
November 3rd, 2007 at 1:18 pm
fiel erfolk!
du packst das *thumbsup*