Morgen dann

Am Montag habe ich meinen ersten Abgabetermin/Deadline. Man sollte meinen, ich sei das gewöhnt - ja, bei Romanen, und davon verstehe ich was. Von meinem Job verstehe ich noch nicht allzu viel, und hab trotzdem die Verantwortung und stehe dafuer gerade, was ich da mache. Morgen und bis zum Ende der Woche wird jedenfalls nochmal finster geknocht, da hilft gar nichts. Und dann gehen wir “in production”, also Stress non-stop bis Mittwoch.

Heute war ich wenigstens wieder trainieren und hab mir die nervoese Anspannung/den Stress rausgearbeitet. Ich muss trainieren gehen, sonst uebernimmt das verdammte Hirn alles und ich komme um vor Nervenzeugs.

Und ich bin mit knapper Not um einen “Event” herumgekommen. “Event” heisst: “Black tie”, und das heisst, richtiger Frack fuer Maenner (Fliege…) und Ballkleid fuer Damen. Maenner koennen sowas fuer ca £40/Nacht mieten. Frauen zahlen £85-250. Na, danke.

Naja und “Dame”. Ich habe, seit ich 8 war, kein “Kleidchen” mehr getragen - und schon da war schreien und zetern angesagt. Ich habe mich mit 5 zum letzten Mal als “Prinzessin” verkleidet - danach waren das immer Ritter, oder Vampire Live. Und selbst beim Vampire Live war meine Paraderolle immer Kampfsau mit Tarnfarbe im Gesicht.

Ich hasse Frauenkleidung. Ich hasse Schminke. Ich hasse die Verstellerei. Richtig wohl fuehle ich mich nur in Maennerkleidung, oder so nah, wie ich da drankomme, ohne mir den Brustkorb zu bandagieren. Abendkleider und ich? Oh bitte. Mein ganzes Leben lang habe ich mich darauf konzentriert, clever und kreativ zu sein - “huebsch” stand nie auf dem Fahrplan, und das wird auch nichts mehr. Meine Kolleginnen sind alle huebsch, eine ist sogar richtiggehend schoen, phantastisch, die Skandinavierinnen, aber ich wollte nie mit einem Aussehen punkten, das ich nicht habe. Als Transgender ist es fuer mich schlimm genug, in diesem Koerper festzustecken. Den irgendwie “aufzuhuebschen” finde ich total sinnlos. Muskeln sind schoen. Breite Schultern sind schoen. Ich kann beeindruckend aussehen, aber nie “attraktiv”. Dafuer habe ich den falschen Koerper, das falsche Geschlecht.

Aber es gehoert zum Job. Was bedeutet, irgendwann wird dieses Transgender sich als Frau aufmachen müssen. Die Titten praesentieren, die Haare “nett” machen, und Make-up-Maske vors Gesicht. Und dann nicht schreien.

In diesem Spiel sind die Karten gegen mich gemischt. Aber es gehoert zum Job. Und die Finanzbranche ist doch eher konservativ - im Frack mit Fliege brauche ich jedenfalls nicht anzukommen, wenn ich nicht einen kleinen Skandal vom Zaun brechen will. Ich beneide Leute wie einen Oberboss eines Privatinvestors, der laut Kollege “in abgerissener Tarnhose mit Strickpulli einen Vortrag hielt - und keiner traute sich, mit der Wimper zu zucken.”

Da muss man also hinkommen, um ungestraft mit Konventionen zu brechen.

Je mehr ich drueber nachdenke, desto lieber moechte ich ein beruehmter Schriftsteller sein. Die koennen rumlaufen, wie sie wollen, und bei denen gilt der Stilbruch dann als “Charakter” oder “Marotte”.

Auf der positiven Seite habe ich Kapitel 8 fertig (waren auch nur noch 4 Seiten). Kapitel 9 sollte kein grosses Problem darstellen. Aber im Moment ist’s auf der Arbeit so hart, dass ich muede nach Hause komme und kaum noch was zustande bringe. Vielleicht jetzt noch ein Seitchen. Und morgen. Da mir Ballkleid und Event erspart bleiben.

Explore posts in the same categories: Herumweinen, Job, Lesbian/Gay/Bisexual/Trans

8 Comments on “Morgen dann”

  1. Marquesate Says:

    Noe, an der Uni kannste auch rumlaufen wie Du willst, da gehoert zerissener Pulli mehr oder weniger zur Kluft. ;-)

    Naja, sieh das Kleidchen als Trans-Verkleidung, vielleicht. Macht’s nicht besser aber eventuell einfacher? Und wenn Du ein langes schwarzes findest, kannst Du es immer wieder tragen und vieleicht findeste auch auch ganz strenges mit langem Arm und hohem Kragen. Sieht cool aus und ist keine Tittenschau.

  2. Indigo Says:

    Iiiiks, Ballkleidchen, ich bin zwar kein Transgender, aber ich hätte da auch den Superhorror vor!
    Was ist denn mit nem schicken Hosenanzug (von mir aus als Zugeständniss an die ganzen Stocksteifen mit Pailettengefunkelsgedöns am Oberteil) aber dann kannst du wenigstens ne Hose anziehen. Röcke sind soooo ätzend die würde ich auch nie freiwillig anziehen (und bei meiner Figur auch niemandem zumuten wollen)
    Also da hast du mein vollstes Verständniss und Mitleid, solltest du dich echt mal in Robe schmeissen müssen.
    Wenn ich die Wahl habe, bin ich auch lieber Pirat als Prinzessin…

    Liebe Grüße

    Indigo

  3. Aina Says:

    Hey du, konnte dich ja leider jetzt seit einiger Zeit nicht mehr nerven, bin entweder in der Uni, oder schreibe Protokolle/ schlafe (zu wenig)…

    Ich druecke dir alle Daumen, dass alles auf der Arbeit klappt, du schaukelst das schon.
    Und moegen alle Events mit ihren Dresscodes dir moeglichst fern bleiben.

    Und hoffentlich habe ich endlich wieder Zeit dich ein kleines bisschen beim Schreiben zu stoeren ;).

    (und ich hoffe, ich habe das jetzt nicht zwei- oder dreimal gepostet, aber mein uebermuedetes Hirn macht mit Computern im Moment ganz ungute Sachen…)

  4. AlexW Says:

    @Marquesate: Naja, wenn ich mir anschaue, wie meine neue Kollegin hingegangen ist (langer “seidenrock” und dazu glitzertop…), dann haette ich das auch noch fast “improvisieren” koennen. Aber Uni klingt immer besser. :)

    @Indigo: Naja, diesmal ist der Kelch an mir voruebergezogen. Ich muss mal schauen. Vielleicht finde ich irgendwie nen Ausweg. Kleid ist ueberhaupt nicht meins … Und Piraten sind einfach cooler als Prinzessinnen. Als Kind hab ich nie Maedchenrollen gespielt. Maedchen waren doof, grundsaetzlich…

    @Aina: Kein Problem, du. :) Vielleicht schaffe ich’s mal nach Hamburg - sollte im naechsten Jahr auf jeden Fall drin sein…

  5. Indigo Says:

    Ach ich glaube es gibt immer zwei Arten von Mädchen.
    Die Mädchen-Mädchen im pinken Glitzerfummel die nur mit Barbies spielen und die Mädchen, die sich blutige Knie holen beim Streethockey und aus dem Baumhaus in den Ameisenhügel fallen.

    Habe ich schon erwähnt, dass Pink meine Hassfarbe ist? Und die Sache mit dem Ameisenhaufen recht schmerzhaft, nicht nur für die Ameisen?

    Na egal, ich hoffe ja nur, dass meine Tochter kein Mädchen-Mädchen wird. Aber selbst wenn, es ist ihr Leben und sie muss das entscheiden. So lange kaufe ich ihr keinen pinken Kram, aber Verwandte und Bekannte dürfen natürlich schon pink kaufen, wenn sie denn möchten. Allerdings… wenn sie irgendwann mal ihr Zimmer rosa streichen will muss ich brechen. Eher streiche ich alles schwarz!

  6. Florian Says:

    >>Je mehr ich drueber nachdenke, desto lieber moechte ich ein beruehmter Schriftsteller sein.

  7. Florian Says:

    Amen!

  8. AlexW Says:

    @Indigo: Maedchen-Maedchen habe ich immer gehasst. Keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht, weil mir ein paar Exemplare vor die Nase gehalten wurden mit: “So verhaelt sich ein *richtiges* Maedchen” - meine Antwort: “Aber ich bin kein Maedchen”. Was natuerlich frueher mit Gelaechter/Kopfschuetteln quittiert wurde. Mittlerweile haben Transgender ein etwas hoeheres Profil - und vielleicht brechen wir irgendwann aus aus einer Welt, in der es nur “Maedchen” und “Jungs” gibt.

    @Florian: Jetzt nur mehr schreiben & verkaufen … :)

Comment: