Prozess vs Ergebnis

Im Moment fasziniert mich der Gedanke wieder, dass Schreiben und Therapie gar nicht soweit voneinander entfernt sind. Klar gab’s Autoren wie Sylvia Plath, die ihre Selbstmordgedanken in Zeilen gekotzt als Gedicht verkauft hat (man merkt, ich bin Fan), und das, wo es uns hintreibt, hat oft genug mit unserer Persoenlichkeit und Vergangenheit zu tun. Schreiben laesst sich nicht von Leben trennen, und da spielt die verkorkste Psyche auch immer mit.

Ich lese gerade ein interessantes Buch von einem Psychotherapeuten, der sich wohl teilweise auf Kreative spezialisiert hat, und selbst auch Buecher schreibt. Nach dessen Ansatz (und nach 2 Kapiteln seines Buches) scheint er zu unterscheiden in prozess- und ergebnis-orientiertes Schreiben. Das korrespondiert zu seinem Therapie-Ansatz. Da wird nicht die Vergangenheit aufgearbeitet, sondern auf eine Loesung der aktuellen Probleme hingearbeitet. Spannende Kiste. Ich moechte in meiner Moerdergrube naemlich auch sehr ungern herumwuehlen - abgesehen davon, wuerde ich einem Therapeuten wohl nie genug ueber den Weg trauen, um nicht nur mich heute seelisch nackig zu machen, sondern auch mich selbst, als ich viel verletzlicher war. Mich frueher. Nein danke, das ackere ich lieber mit mir allein durch.

Auf’s Schreiben uebertragen; der Autor geht ziemlich hart mit dem Ansatz des “Free Writing”/”Freies Schreiben” und der “Morning Pages”/”Morgenseiten” ins Gericht, wie vertreten von Julia Cameron und Nathalie Goldberg. Um’s kurz zusammenzufassen, beide Autorinnen vertreten die Ansicht, man solle einfach “schreiben”. Egal was. Regelmaessig. Man kann auch darueber schreiben, dass einem gerade nichts einfaellt oder man die Uebung total doof und langweilig finden. Julia Cameron ermutigt dazu, das jeden Tag direkt nach dem Aufstehen zu tun, fuer ne halbe Stunde, um Blockaden zu loesen und sich von der Seele zu schreiben, was belastet.

Ich kenne etliche Autoren, die das gemacht haben, und vielen hat’s geholfen. Ich empfehle die Methode auch bei Blockaden, hab’s aber selbst bisher kaum gemacht. Wenn ich total blockiert bin, lese ich, oder warte, bis der Knoten platzt, und mache halt was anderes.

Dieser Autor zieht nun die Verbindung von prozess-orientiertem Schreiben und prozess-orientierter Therapie (sozusagen), und sagt, das bringt alles nichts, weil am Ende kein Buch rauskommt. Das stimmt. Aus Morgenseiten und Free Writing wird ganz selten ein Buch (vielleicht ein Gedicht - aber kein Buch), mir ist noch keins begegnet. Der Autor sagt auch, dass er sich darauf konzentriert, dass am Ende ein Buch ist. Ein echtes, gedrucktes Buch.

Stimmt fuer mich, auffallend. Ich schreibe nicht, um zu schreiben, ich schreibe, um zu beenden und gedruckt zu werden. Deshalb lade ich mir auch Projekt um Projekt auf. :) Vielleicht ist der NaNoWriMo deshalb auch so eine gute Sache - man ist so auf das Ende fixiert, dass man einfach viel produktiver ist.

Um das nutzbar zu machen, schreibe ich jetzt jeden Tag 500 Woerter an meinem Familiendrama. Fuer heute bin ich 400 zurueck, muessen also noch 900 Woerter heute am Ende auf dem Papier stehen. Vielleicht schaffe ich’s, Kapitel 12 heute zu beenden. 500 Woerter ist etwa eine konzentrierte Stunde oder halbe Stunde Arbeit. Das geht. Das passt. An guten Tagen sind 3-4tausend Woerter kein Problem, aber dieses Buch ist harte Arbeit.

Das Schreibbuch, obwohl noch nicht gelesen, kann ich aber schonmal nennen:

Bill o’Hanlon: Write is a Verb

Writer’s Digest Books; Har/DVD edition (28 Sep 2007)
ISBN-10: 1582974594
ISBN-13: 978-1582974590

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One Comment on “Prozess vs Ergebnis”

  1. Franzi Says:

    … mhhh … das mit dem Schreiben als Therapieform kenne ich ziemlich gut und hab gerade nach der eigentlichen Therapie sehr gute Erfahrungen gemacht.
    Gerade wenn Tiefs kommen und der Abgrund endlos scheint, ist Schreiben eine gute Möglichkeit, sich zu sortieren und die Perspektive zu wechseln. Mein Therapeut hatte mir während der Therapie oft gesagt, dass es besser sei, z.B. direkt eine Kurzgeschichte zu schreiben, als nur Gedankenleerlauf, weil Ein Anfang und Ein Ende sowohl des Inhalts, als auch des Schreibprozesses an sich strukturiert werden muss. Und das ist das, was mir persönlich am meisten hilft (in solch einer Situation ;)).
    Zu Anfang habe ich mich sehr dagegen gesträubt, weil ich schon aus Prinzip meine rebellische Phase (an der falschen Stelle?) austoben musste, aber gerade in der Zeit unmittelbar nach Ende der Ther. hat es klick im Kopf gemacht und sich der Gedankenansatz, der eigenltich dahinter steckt, irgendwie in mein Gehirn gebrannt.
    Seitdem ist viel Zeug für den Mülleimer geschrieben worden, aber auch eins, zwei richtig gute Sachen .. und das widerum beflügelt einfach immer wieder weiter zu machen, auch wenn es eigentlich gerade keine Krise zu bewältigen gibt … .
    (Mein Geheimplan ist es, die “guten Geschichten” irgendwann ordentlich zu binden und zu illustrieren, und meiner Tochter zum 14. Geburtstag zu schenken … oder so ;) )

    Liebe Grüße
    Franzi

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