So schnell geht das

Heute nacht ist mein Grossvater gestorben - Krebs. Wichtigste Eckdaten: Aus Russland weggekommen, bevor der Kessel zuging (Schrapnel-Wunde im Knie, daher auch lebenslang gehinkt), ein Dutzend Kinder gezeugt, von denen jetzt noch 7 leben - 8, bis meine Mutter gestorben ist, der Rest starb im Kindesalter.

Interessierte sich sein Leben lang nur fuer die Pferde; alle seine Kinder haben um Liebe und Aufmerksamkeit gebuhlt, und zumindest letzteres nicht bekommen, und ersteres wohl eher auch nicht. Ob er dazu aber noch in der Lage war, nach dem Krieg, der soviele Maenner (und Frauen) seiner Generation emotional kaputt gemacht hat? Gute Frage.

Meine Gene sind zumindest ziemlich in Ordnung: 87 ist ein stolzes Alter. Aber nach meiner Mutter der zweite Krebs-Tod zu meinen Lebenszeiten. Hm.

Mir tun nur meine Onkel und Tanten leid - sein Einfluss auf mich war eher gering, von daher bin ich nicht allzu schwer getroffen.

Zwei positive Erinnerungen, vielleicht, wie er Kriegsstories erzaehlte, und ploetzlich auf Russisch redete, lebhaft, und wie er mich bat, seine Erinnerungen aufzuschreiben, denn “du kannst ja viel besser schreiben als ich”.

Als Historiker traegt man sich schon mit dem Gedanken an eine Familienchronik, aber ich weiss nicht, ob diese Serie Autounfaelle, die unsere kollektive Biographie ist, jemanden ausser uns interessiert. Vielleicht ist es nicht schlecht, dass unsere Familienmythen mit uns sterben - es sei denn, ich arbeite sie mehr oder weniger subtil in meine Romane ein. Und auch ich weiss nur einen Bruchteil dessen, was geschehen ist.

Noch eine positive Erinnerung: Das blanke Erstaunen auf seinem Gesicht, als ich sagte, die Bundeswehr wuerde mich als Hauptmann einstellen. Dazu sein: “Hauptmann!?”

Und ich: “Ja, fuer irgendwas muss das Studium doch gut sein.”

Er konnte das gar nicht fassen. Als kleiner Unteroffizier auf einer Flak (”Ja, aber - Hauptmann.”).

Ruhe in Frieden, Kurt, und wenn’s ein “drueben” gibt, gruess mir Mama.

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6 Comments on “So schnell geht das”

  1. Reitersmann Says:

    Hey, was ein schöner, abgeklärter Text! Meine Großväter wurden 87 bzw. 88, einer war im Königsberg-Kessel, der andere bei den Zeppelin-Werken. Meine Mutter wurde 66, Krebs. Nun, diese etwas gespannten Verhältnisse gab es bei uns nicht, aber sei’s drum. Gönnen wir ihm “drüben” die spirituelle Überwindung der Traumata.
    Beileid.

  2. Indigo Says:

    Oh Alex, mein Beileid, das ging jetzt aber wirklich plötzlich.
    Meine Mutter hat die Geschichte meiner Oma aufgeschrieben und auch wenn es vermutlich für niemanden sonst außer der Familie sonderlich interessant ist, so gibt es doch eine ganz andere Sicht auf jemanden, den man eigentlich nur als “alten Menschen” kannte, wenn man seine Kindheitserinnerungen lesen kann und die Ereignisse, die ihn zu dem gemacht haben, was er nun ist.
    Macht nachdenklich…

    Liebe Grüße

    Indigo

  3. Korvin Says:

    Erst mal: mein Beileid.

    Irgendwie tut es immer weh und ja: dieser Krieg hat viele Menschen emotionell zerstört. Das hab ich in meiner Kundschaft gelernt.

    Ob eure Biographie jemanden interessiert?
    Schwer zu sagen.
    So vielleicht nicht, aber vielleicht als Roman aufgearbeitet?
    Und vielleicht gefällt es dir auch einfach nur, sie zu schreiben.
    Gruß
    Korvin

  4. Mao-B Says:

    Mein Beileid. Krebs ist eine üble Sache.

  5. MaDsaM Says:

    Argh.. :(
    *knuddel*

    Mensch, das tut mir leid.

    Biba
    SaM

  6. AlexW Says:

    @Reitersmann: Danke dir!

    @Indigo: Ja, Familien haben ihre Mythen und Stories. Und vielleicht sollte das echt mal wer zusammentragen. Aber will ich mich da so tief reinhaengen, nachdem ich mit knapper Not entkommen bin?

    @Korvin: In meiner Familiensaga steckt viel von meiner Familie - ist aber alles sehr verfremdet. Wenn ich das Miststueck nur in die Gaenge kriegte …

    @Mao-B: Ja, den sollte man echt abschaffen …

    @MaDsaM: *knuddelt* Sehe ich dich auf dem Earthdawn/Fadign Suns Con?

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