Der Nackenbeisser

Als “Nackenbeisser” bezeichnet Wikipedia:

“Romane der Trivialliteratur (…), die nach dem Schema Junge Frau erlebt die große Liebe geschrieben sind.

Die Bezeichnung rührt daher, dass auf dem vorderen äußeren Einband oder Umschlag dieser Art Literaturerzeugnisse oft farbenfrohe Abbildungen hübsch anzusehender junger Frauen zu finden sind, die von ebenso gut und verwegen aussehenden, meistens etwas älteren Männern von hinten in den Nacken geküsst werden.”

Es gibt viele Seiten im Internet, bei dem sich herzlich ueber die Cover lustig gemacht wird. Nichts gegen Kuesse oder Knabbern im Nacken. Als Stier ist das meine erogene Zone Nummer Zwei (nach dem Gehirn, da ist aber schwerer dranzukommen). Das ist aber nicht der Grund, weshalb ich diesen Eintrag verfasse (okay, der eigentliche Grund ist Langeweile, bzw VIER Tage Urlaub am Stueck, was soll ich da nur mit mir anfangen?) - der Grund ist, dass Klein Alex gerade an so einem Nackenbeisser arbeitet:

Also, schoene junge Frau, historische Kulisse, viel Erotik (ich hab jetzt so viele homoerotische Szenen geschrieben, dass ich so’n Heten-Ding bestimmt langsam hinkriege, ich weiss ja jetzt, wie man Sex schreibt, ist halt anatomisch zwischen Maennlein und Weiblein ein bisschen anders, aber ich seh’s als kreative Herausforderung). Natuerlich haben wir alle Kaestchen angekreuzt:

1) Schoene, unschuldige Frau

2) Mittelalter

3) 3-4 Schoene Maenner, die alle ganz verrueckt nach ihr sind

4) 3-4 Szenen, wo unsere Heldin fast vergewaltigt wird (oh schreck!)

5) Beruehmte Personen laufen durch’s Bild (der Celebrity/Britney Spears Faktor)

6) KEINE schwierigen Themen, wie Kulturkonflikt, Kirche, Glaubens- und Moralfragen. Es geht um Eierstoecke, schwanger werden, den Geliebten halten, der Vergewaltigung entgehen, und darum, wer traegt das schoenste Kleid (also ein bisschen wie “The Other Boleyn Girl”, im Deutschen “Die Schwester der Koenigin”)?

Warum tut sich Klein Alex das an? Im Grunde ultimativer Zynismus. Kann ich nach Vorgabe schreiben? Kann ich aus dem, was im Moment von Millionen Fliegen gekauft wird, eine Essenz destillieren und das Zeug schreiben? Kann ich Scheisse in Buchform produzieren? Kann ich dabei geradeaus tippen, oder muss ich zu sehr lachen dabei? Werden die Lektoren begreifen, was ich da tue?

Im Moment macht das Spass. Sehr viel Spass. Im Moment wird geplottet. Ich bin auch nicht blockiert - denn fuer das Buch braucht man keine Recherche (ich werde dezidiert nichts anderes als mein Gedaechtnis und die Wikipedia verwenden, und damit immer noch historischer sein als alles, was in der Sparte auf dem Markt ist), man braucht auch keine Inspiration, kein Plotten, keine gelungene Formulierung. Das ist einfach nur Saetze schreiben, einen nach dem anderen.

Ein Juxprojekt, das man in ein paar (wenigen) Monaten runterreissen kann.

Manchmal ist ein boeses Grinsen der beste Weg, den Marketinghuren die scharfen weissen Zaehne zu zeigen. Fuck you. Ihr wollt so ein Buch, ihr kriegt dieses Buch. Aber der Witz ist auf eure Kosten.

Raccoon’s back and bites your neck.

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9 Comments on “Der Nackenbeisser”

  1. Samy Says:

    (Irgendwie erscheint ständig eine Fehlermeldung, wenn ich hier heute einen Kommentar poste… also noch einmal…)

    *knuddel* Na, da bin ich mal gespannt - und ich hoffe, dass deine Lachmuskeln die Prozedur auch überleben… ;)

    Ich bin in letzter Zeit leider nicht dazu gekommen, konstruktive Kommentare zu schreiben, deswegen jetzt soviel: Ich hoffe, dass es dir mittlerweile besser geht, und dass dir die Pause irgendwie gut tut/getan hat…
    Fühl’ dich gedrückt!

  2. AlexW Says:

    @Samy: Gerade in deinem Blogh gestoebert. Lustig, dass wir parallel die Schreibblockade haben. War’s doch ne Sternenkonstellation. :) Was das Scheriben angeht - ich bin jetzt deutlich optimistischer. Es ist immer wichtig, den Druck rauszunehmen, das habe ich jetzt gemacht. Ich erwarte in dem Sinne nichts mehr von mir, und das fuehrt schon dazu, dass ein paar neue Gedanken spriessen…

  3. Indigo Says:

    Oh ja bitte! Schreib so ein Buch!

    Es gibt nix besseres für die Badewanne. Weil wenn solche Schmöcker ins Wasser fallen ist es nicht schlimm und der ganze Schmalz schwimmt oben. *kicher*

  4. Franzi Says:

    Alex, es kann gar nicht so scheißschlecht werden, wie “Das Geheimnis der Hebamme”
    *eine Runde weinen geht*
    Und ich bin mir sicher, dass da noch nicht mal die Wikipdia benutzt wurde.
    (Mal von verschiedenen Satzanfängen oder einer Grammatik ganz abgesehen …*nochmehrrumweint*)

    Du schaffst das ganz locker, das Niveau der Sparte gewaltig anzuheben, denke ich.

    (Sach Bescheid wenn´s fertig ist, meine Mutter steht auf so Kram und ich schenk´s ihr dann, damit ich ihr eine Freude mache, und deine Arbeit auch gleichzeitig noch honoriere ;))

    Hast du auf diesem Sektor schon an die “Magie” , also Weisefrauen/Hexen/uralte Mysterientraditionsschiene gedacht? Kommt auch immer noch gut. ;)
    Zumal das ja im “Mittelalter” war, “da gibt´s doch eh keine Quellen, da muss man auch nicht nachlesen - erfinden reicht auch”
    (*schluchz*)

    viele Grüße
    franzi
    - Die wo Geschichte/Deutsch studiert gehabt hat und deinen Schmerz sehr gut nachvollziehen können tut, nämlich!;)

  5. Frank Says:

    “Kann ich Scheisse in Buchform produzieren?”

    Ich erinnere mich da an eine Geschichte. Es war ein ziemlich großer Saal, voll mit Leuten die sich für ziemlich schlau hielten. Das Thema war Literatur, und auch über Nackenbeisser wurde sich lustig gemacht. Und plötzlich stand dort vorne ein Mensch, der anfing etwas zu erzählen was ich nie vergessen werde (auch wenn ichs nicht so toll niederschreiben kann, wie er es erzählte):

    “Stellt euch ein Mädchen vor. Sie ist 17 Jahre alt. Ihr Vater hat sie und ihre Mutter im Stich gelassen als sie geboren wurde. Als sie 10 war, bekam ihre Mutter noch ein Kind, von einem Kerl der sie kurze Zeit später auch sitzen ließ. Als sie 15 war, erkrankte ihre Mutter an Krebs. Sie musste die Schule schmeissen um irgendwie Geld aufzutreiben. Heute arbeitet sie jeden Tag 10-12 Stunden in einer Fleischerei. Sie steht morgens um 5 Uhr auf, und wenn sie am Abend so gegen 19 Uhr nach Hause kommt, muss sie sich um ihre Mutter und die kleine Schwester kümmern. Sie macht Essen, hilft ihrer Schwester bei den Hausaufgaben, und danach bringt sie sie ins Bett. Dann erledigt sie noch den Haushalt. So gegen 23 Uhr hat sie ihren Tag geschafft und macht es sich auf dem Sofa bequem, denn für ein eigenes Bett gibt es in der kleinen Wohnung keinen Platz mehr. Sie liegt dort, und in den 10 Minuten die sie noch für sich hat, bevor sie völlig fertig einschläft, schnappt sie sich ein Buch über eine edle Dame die umworben wird von zahlreichen Verehrern. Die Metaphern in dem Buch sind einfallslos, eine Story gibt es im Prinzip nicht und der Schreibstil lässt auch sehr zu wünschen übrig. Und doch schafft es das Buch, dass das Mädchen für 10 Minuten aus ihrem Trott gerissen wird, und sie schläft mit einem Lächeln ein.

    Und jetzt sitzt ihr hier und nennt es “Schmutz”, “Dreck” und “Müll” weil es kein Goethe ist?”

  6. AlexW Says:

    @Indigo: Ich schick’s dir, wenn’s fertig ist. :)

    @Franzi: *g* Ich hab die Dinger im Buchladen stehen sehen…

    @Frank: Dazu schreibe ich nen eigenen Eintrag…

  7. Samy Says:

    Ja, das mit der zeitgleichen Schreibblockade ist wirklich merkwürdig. Du musst wohl irgendwie eine verlorene, ältere Zwillingsschwester von mir sein. ;) Bei mir ist noch ziemlich viel blockiert, aber im Moment habe ich auch zu viel um die Ohren, als dass ich irgendetwas sinnvolles schreiben könnte. - Aber es geht wieder aufwärts, glaube ich. Letzte Woche habe ich, durch Sweeney Todd und andere Sachen inspiriert, zweieinhalb Szenen geschrieben, von denen ich zwei sogar sehr mag. :)

    Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf das, was du da jetzt schreibst. Wenn es fertig ist, muss ich es auch unbedingt mal lesen. :D

  8. AlexW Says:

    @Samy: Ich lass es dich wissen. :) Und solange es wieder aufwaerts geht… :)

  9. Sarno Terakdjan Says:

    Mitnichten will ich dich bei diesem Projekt aufhalten ;) - aber als täglich an den Auslagen der Bahnhofsbuchhandlung Vorbeiwandernder kann ich zumindest sagen, daß die Nackenbeisser nicht ausschließlich das mittelalterliche Schottland heimsuchen. England im 19. Jahrhundert ist wenigstens genau so populär.

    Und (Trommelwirbel!) auf dem Umweg über Solomon Kane habe ich eine Buchreihe gefunden, die für Historienromanciers gemeint zu sein scheint: “The Writer’s Guide to Everyday Life … ( in verschiedenen Epochen)”. Z. B “… in Regency and Victorian England”, “… in the Middle Ages”, “… during the Civil War” oder “… in Colonial America”.

    Wenn ich so recht darüber nachdenke: die amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg sind auch so was von NB-Territorium. Einmal “Vom Winde verweht” und die erste Staffel “Fackeln im Sturm” gesehen, eventuell noch die Musik von “Showboat” hinterhergeschoben (”Ol’ Man River”!), und schon sollte Tinte fließen wie dunkle Tränen des Glücks …

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