Zwischen Liebe und Hass
Ich habe ein ambivalentes Verhaeltnis zu anderen Autoren. Auf einer Ebene bin ich auch Leser, und ein gutes Buch (gut geschrieben, gut geplottet, ehrlich, echt, eins mit echten Gefuehlen, wo ein Autor Risiken eingegangen ist) macht mich tagelang gluecklich. Ein gutes Buch ist wie ein Sonnenaufgang in Zeitlupe. Ein richtiges Endorphin-Bad. Entsprechend kaufe ich das Zeug ja auch in Massen. Ich will was Gutes lesen. Entsprechend folge ich sklavisch Autoren, die schreiben koennen. Tom Liehr. Maike Hallmann. Iris Kammerer. Juli Zeh.
Einzelne Ausreisser verzeihe ich (”Stellungswechsel” von Liehr, “Spieltrieb” von Zeh). Jeder hat mal ein schlechtes Buch - und schlecht heisst dann auch oft nur “nicht so gut wie die anderen”. Dazu befinde ich mich in der privilegierten Stellung, Buecher zu kennen, die kein anderer kennt, weil’s die nicht zu kaufen gibt. Tom Liehrs Erstling (oder Zweitling?), wo jemand namens Henry umgeht und schlimme Dinge mit essbarem Gefluegel geschehen, oder Erstlinge von begabten jungen Autoren wie Anja Eble, deren “Tupilak” einer der besten SR-Romane ist, die ich kenne, und manchmal darf ich Andre Wiesler krumme Saetze anstreichen - die er dann sogar aendert. Ich kenne zwei Romananfaenge der Autorin Heike Wolf, die sonst niemand kennt. Kennengelernt habe ich sie ueber die Arbeit an “Spielsteine der Goetter”, der um 15% gekuerzt werden musste, was wir auch in einer Hauruck-Aktion geschafft haben.
Autorenfreundschaften und ungeborene/ungedruckte Buecher gehoeren zusammen. Man kennt sich, man mag sich, man zeigt sich gegenseitig Werke, man gehirnstuermt. Manchmal kollaboriert man sogar. Aus dem Kontakt mit Kritikern oder Rezensenten (die ich aufspuere, wenn’s irgendwie geht) werden auch manchmal Freundschaften - oder oft ein netter Kontakt. Ich kann ehrlich sagen, dass ich auf keinen meiner Autorenfreunde eifersuechtig bin. Wenn Susanne Gerdom nur noch in Saus und Braus lebt, Andre Wiesler sich Zigarren mit Hundert-Euro-Scheinen anzuendet, Tom Liehr sich eine kleine Inselgruppe kauft, die er “Berlin” tauft, oder Iris Kammerer in Marburg oeffentliche Gladiatorenspiele abhaelt, weil sie sonst nicht mehr wuesste, wohin mit der Kohle, ich wuerde es ihnen von Herzen goennen. Ich bin Fanboy, ich faend’s klasse, wenn die alle reich und maechtig werden/waeren. Es wuerde die richtigen treffen, ganz sicher.
Anders sieht es aus mit Leuten, die schlechte Buecher machen. Ich habe oft gehoert, dass das Autorenehepaar Iny Lorentz (”Die Wanderhure” und Klone) total nett sein soll, aber eine gewisse Aggression kommt auf, wenn ich hoere, dass Leute das Zeug fuer “historisch” halten. Das liegt allerdings wohl auch eher am Publikum, das da anvisiert wird: Halbgebildete Pseudo-LeserINNEN, die ein gutes Buch nichtmal dann erkennen wuerden, wenn es ihnen nackig ins Gesicht springt. Ich hab die “Wanderhure” gelesen, und mir so oft vor die Stirn geschlagen, dass man mich vermutlich beim Lesen fuer vom Hospitalismus zerfressen gehalten hat. Sei’s drum. Die Wanderhure ist kein Buch, es tut nur so, es hat bedruckte Seiten.
Aehnliches gilt uebrigens fuer einen weiteren Sondermuellverwerter: Dan Brown. Der hat meine Templer in den Arsch gefickt und damit Millionen gemacht. Das beste, was ich zu Dan Brown sagen kann, ist, dass ich mit dem Score zum Film gelegentlich bombastische Szenen schreibe. Aehnliches gilt fuer JK Rowling, die technisch-handwerklich so dermassen schwach ist, dass ich nach dem ersten Harry Potter Band, mit dem ich meinen Kids in der Nachhilfe ein bisschen Englisch eingetroepfelt habe, nichts mehr freiwillig von ihr gelesen habe. Auch nicht unfreiwillig. Im Deutschen waere dann auch noch Heitz zu nennen, den ein gelinktes Blog so schoen als “Heitz-Bengel” bezeichnet hat. Angeblich ein supernetter Typ, und eigentlich sollte man sich ueber jeden deutschen Autoren freuen, der vom Schreiben leben kann, ohne sich als Wolfgang Hohlbeins Ghostwriter zu prostituieren - auch davon habe ich ein paar kennengelernt.
Damit hab ich ne Riesendose Wuermer aufgemacht. Ghostwriter, Billigbuecher, Neid und Hass und Liebe unter Kollegen. Ich bin gar nicht sicher, wie ich den Bogen kriegen soll.
Ein Freund, der viel Afrika-Erfahrung hat, nannte mir mal ein somalisches Sprichwort, sinngemaess: “Ich gegen meinen Bruder, mein Bruder und ich gegen unseren Cousin, mein Bruder, mein Cousin und ich gegen alle.” (Wenn die Amerikaner das Sprichwort gekannt haetten, waere die Sache in Mogadischu vielleicht anders gelaufen…)
Das kommt fast hin, nur habe ich ueberhaupt kein Problem mit meinen “Bruedern”. Ich habe massenweise Buechern auf die Welt geholfen, ein paar Dutzend junge Autoren gefoerdert, teilweise ausgebildet, ich lese immer noch mit grosser Freude Erstlinge. Wuerde ich das tun, wenn ich alle anderen Autoern hassen wuerde, wie mir mal eine Bekannte aufs Brot geschmiert hat? Nein. Meine Autorenfreunde sind vor Neid gefeiht.
Der naechste Schritt ist schon problematischer: Autoren, die ganz offensichtlich nichts koennen (oder zwar was koennen, aber es nicht tun) und so einen Riesen-Erfolg haben. Amerikanische Billig-Autoren, die ihren drittklassigen Dreck ueber teure Lizenzen verkaufen und den deutschen Autoren das Honorar abgraben.
Die paar deutschen Autoren, die als “Celebrities” aufgebaut werden, das aber nicht verdienen, sei es aus handwerklichen Maengeln, sei es, weil ihre Ghostwriter den Grossteil der Buecher geschrieben haben, sei es, weil die Buecher einfach scheisse sind und das keiner ausspricht - oder weil die Marketingmaschine diese Billig-Fantasy mit aller Macht in den Markt drueckt. Und dann sieht man dasselbe so ziemlich ueberall, und empfindet diese Form von Neid und Hass, die wirklich unschoen sind.
Vor allem, weil der Feind eigentlich nicht der Autor ist. Der Autor, der sich da unter fremden Namen prostitiert, der den “Nerv der Zeit” trifft, der Autor, der die Voelkerbuecher schreibt (”Die Bierkruege”, “Die Birken”, “Die Rueckkehr der Strassenbahnen”), der Autor, der Sex in historischen Kulissen schreibt und damit sehr viel Geld macht, der Autor, der Drehbuecher nachkaspert, die eigentlich scheisse sind - die tun ja nichts, was nicht gewollt ist.
Die Marketingleute der Verlage wollen bestimmte Buecher (”Die Sitzkissen”, “Die Erben der Sitzkissen”, “Lady X fickt Richard Loewenherz”), und nicht zu liefern heisst, kein Manuskript zu verkaufen. Genau “auf den Punkt” schreiben zu koennen ist eine Gabe. Eine Gabe fuer das gestresste AutorInnenkonto auf jeden Fall. Wenn man dann zur Celebrity wird, weil man 5 schlechte Fantasybuecher ueber Zwerge geschrieben hat, oder eine sechs- oder siebenbaendige halb- oder pseudo-witzige Fantasy-Saga, die man ohne Verlust auf ein Drittel zusammenkuerzen koennte … das ist eine Entscheidung des Marketings, und von niemandem sonst.
Solange das Marketing glaubt, zu wissen, was Leute lesen wollen, solange Leser - manchmal glaube ich, aus lauter Verzweiflung - diese Buecher kaufen, solange wird sich nichts aendern. Als ich vor einer Woche in Frankfurt beim dortigen Hugendubel war, und es schaffte, in diesem Riesenladen auch nicht ein Buch zu finden, das mich interessiert haette, ging mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: “Hier liegen nur noch Buecher fuer Leute, die Buecher hassen.” Kochbuecher, Schnelldreher-Scheisse, Massenware, kurz: Dreck. Mag auch an der sehr unfreundlichen “Bedienung” gelegen haben. Buecher ins Regal zu sortieren macht auch bestimmt mehr Spass als ein Verkaufsgespraech, sorry, dass ich gestoert habe, kommt bestimmt nicht mehr vor.
In any case. Ich bin sehr ambivalent, was Autorenkollegen angeht. Ich kann Stuemper nicht ertragen. Fuer mich ist ein erfolgreicher Stuemper so unertraeglich wie zu sehen, wie ein Schoenheitschirurg in Saus und Braus lebt, aber alle seine Patienten laufen rum wie Frankensteins Monster.
Leistung und Koennen sollte bezahlt werden, ja.
Aber damit bin ich vermutlich einfach schrecklich altmodisch.
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March 23rd, 2008 at 1:08 am
Hi,
Es wird sich wieder einrenken. Schreiben ist vielleicht nicht das, was du im Moment tun musst. Wenn du es wieder tun musst, wirst du auch wieder schreiben können.
Hab dein Blog als RSS aboniert und natürlich die Einträge seit Anfang Februar verpasst
Zu deinem Leiden wegen der Schreibblockade würde ich dir gerne ein paar aufmunternde Worte schreiben, doch da komm ich wohl zu spät
Aber zu diesem Eintrag mag ich meinen Senf dazu geben.
), bitte sehr!
Ich glaube, ich bin ein recht durchschnittlicher Leser. Nagut, ein durchschnittlicher SiFi/Fantasy Leser. Der Hauptbewegrund für mich zu lesen ist eine kurze Zeit unterhalten zu werden. Ich habe mich lange gegen Potter verwehrt (Bis Band 4 draußen war). Dann wollte ich sehen warum alle so begeistert sind. Es ist einfach eine nette, seichte Geschichte die einen in eine Welt entführt wo auch du und ich Helden sein können.
Ich verstehe nicht viel vom Schreiben. Das Potter schlecht geschrieben ist, kann aber auch ich sehen. Doch es stört mich nicht. das Buch unterhält mich einfach gut.
Auch Dan Brown habe ich gelesen. (Geburtstagsgeschenk) Ich war für eine Zeit (So lange das Buch eben dauert) in einer Welt in der alles gut werden wird. Die Rätsel zu lösen (oder deren Lösung präsentiert zu bekommen) fand ich nett.
Ein Buch muss für mich nicht gut geschrieben sein um mich zu unterhalten. Ich finde Heitz SR-Bücher klasse.
Die ganzen schlechten Bücher können von mir aus gerne gedruckt werden. Wenn sie gelesen werde von der Kopflosen Herde (zu der ich mich auch ab und zu zählen muss
Dadurch lernt man die Perlen viel mehr zu schätzen.
Außerdem macht Wissen unglücklich. Nur dumme Menschen können wahrhaft glüclich werden. denn sie wissen nicht, was sie verpassen.
Zu deinem Nackenbeisser. Wirds ne Persiflage? Nicht sowas plattes die wie Heralberung von “Die Orks” und nachfolgenden Büchern (Die Anderen, hier bei Herne. Das erste Buch das ich in den Müll schmeißen wollte. Und ich habe schon viel Schund gelesen). Was Nettes, was zum Schmunzeln und Schoko…
Dann wirste berühmt kann kannst endlich wieder Kunst machen.
Wenn nicht, jedem sei sein “Brot und Butte”r-Buch gegönnt
Alles wird. Da bin ich sicher. *knuddel*
March 27th, 2008 at 4:41 pm
Oh, Danke schön! *freu+rotwerd*
April 1st, 2008 at 7:45 pm
@Jari:
Mit Verlaub: Was wären denn so deine “Perlen”?
@Indigo:
Wann kommt es denn raus?