Mein Job ist cool

Ich habe gut was um die Ohren gehabt; ich war Mitte des Monats beruflich in Wien. Schoene Stadt. Die Firma hat mich in einem brauchbaren Hotel untergebracht, kam Mittwoch nacht spaet an, war knapp vor Mitternacht im Hotel, morgens raus zur Konferenz, alle (fuer mich) wichtigen Leute getroffen, und nach der Konferenz in einem Keller-Restaurant/Bar versackt. Dabei viel Spass gehabt - meine “Kundschaft” besteht aus durchweg angenehmen Leuten - diese hier waren’s. Freitag dann die Stadt besichtigt, wenigstens die Altstadt, Cafe Demel und so (Fazit: zwei Kaffee, 1 Kaiserschmarrn, 17 EUR).

Bin jetzt mit denen, mit denen ich “zum Trinken” (Fazit fuer mich: ein Wein, ein Radler) rauswar, auf per “Du”. Hatte versucht, das “Sie” aufrechtzuerhalten, wurde dann aber hoeflich zurechtgewiesen. So schnell wurden das also Thomas und Juergen, und ein paar andere. Dann das seltsamste: in einer Email geht das “Sehr geehrter Herr J.” nicht mehr, dann wird’s “Guten Morgen, Thomas.”

Wie sagte mein Vorgaenger halb-ironisch: “Diese Leute werden irgendwann unsere Kumpels. Ist das nicht traurig?” Traurig, weil Reporter sich einbilden, mit dem Gegenstand des Interesses eine gemeinsame Basis zu haben, oder traurig, weil unsere Klienten so hart arbeiten, dass sie untereinander “bonden”, oder wir, weil wir ihnen so nah kommen, dass wir nachfuehlen koennen, wie die drauf sind - ohne je dazuzugehoeren. Ever.

Eine der PR-Damen, mit denen ich regelmaessig zu tun hatte, machte mir dann auch einige Riesen-Komplimente, im Sinne von: “Sie sind gar nicht, wie die anderen Journalisten. Sie versuchen nichts zu zwingen, Sie interessieren sich wirklich fuer einen, und Sie respektieren Grenzen. Es ist immer schoen, wenn Sie anrufen.”

Ja. Journalist. Das bin ich nicht wirklich, nicht so, wie man sich das vorstellt, aber fuer alle “von draussen” muss es so aussehen. Entsprechend war ich natuerlich auch auf dem VIP Summit in London. Und da sind alle diese “Masters of the Universe”, wie die Klienten gern genannt werden, und wollen “Networken” und kommen an, um zu reden (networken, halt). Und auf die uebliche Frage: “Und wer sind Sie?” ist meine Antwort mittlerweile: “Niemand besonderes, ich bin nur Presse.”

Denn diese Leute networken und erwarten, Investoren zu treffen, oder Leute, die ihnen direkt helfen koennen, Berater, oder Standesgenossen. Presse ist nicht das, was sie erwarten. Aber das “nur Presse” bietet auch einen Eisbrecher. Man kann dann naemlich ein kurzes Gespraech darueber fuehren, warum Presse wichtig ist. Oder das *andere* Presseleute das Geschaeft kriminell falsch darstellen. Stichwort: Heuschreckenplage.

Tja. Und so hatte ich im Abstand von 7 Tagen zwei Konferenzen, mit interessanten Vortraegen, interessanten Gespraechpartnern, gutem Essen (denn das ist in solchen Kreisen ueblich). Anzugtragend. Ich lerne’s langsam. Ich bin zwar immer noch nicht “smooth”, aber ich hatte schon den Eindruck, dass “meine Klienten” in Oesterreich mich mochten.

Und langsam habe ich sogar Ahnung von dem, was ich tue. Als ich in Wien den Eingangsvortrag hoerte, fragte mich Thomas (da noch “Herr J.”): “Und, wie fanden Sie den Vortrag?” Und ich grinste und sagte: “Das klingt jetzt vermutlich schrecklich, aber den haette ich auch halten koennen. Plus, ich haette Zahlen bis Q1 2008 gehabt, und nicht bis 2006, wie Professor X.” Daraufhin ein Lachen, und: “Das moechte ich wetten. Der wurde vermutlich nur eingeladen, weil das Lokalprominenz ist.”

Armer Professor X.

Zugleich: Insidertest bestanden fuer mich. ich weiss, wovon ich rede. Ich habe eine Meinung. Mir schlottern immer noch die Knie, wenn mich jemand nach meiner Markteinschaetzung fragt, aber auch das wird vorbeigehen. Auf der Konferenz Ende Mai sehe ich wieder ein Stueck besser aus. Und Ende Oktober, wenn meine eigene Konferenz ist, komme ich rueber wie ein Profi. Hoffe ich. Denn dann muss ich Panel leiten und moderieren. Woah.

Und das bringt mich zum zweiten Punkt, weshalb ich wenig update und noch weniger schreibe im Moment. Ich gehe brav ins Fitness-Studio und laufe, stemme Gewichte, laufe noch ein bisschen, stemme mehr Gewichte. Wenn ich im Oktober meine eigene Konferenz halte, moechte ich nicht mehr der fetteste Journalist sein, der rumlaeuft. Klar sind die aelteren Klienten oft gut im Futter, aber die jungen sind rank, schlank, und gepflegt. Daneben muss ich nicht wie so’n Brecher aussehen. Entsprechend schwitze ich mir jetzt das Fett runter: Gewichte, Pilates, Sauna. Mein Fitness-Studio hat alles, was man sich nur wuenschen kann. Erfolg bisher: Wenn ich den Bauch anspanne, sieht man den Ansatz zweier Linien. Das Six-Pack ist also das erklaerte Endziel. Wenigstens aber will ich gut aussehen im Anzug.

Nicht nur fuer die Konferenz, sondern auch fuer mein Ego. Aber mein Job ist sau-cool.

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4 Comments on “Mein Job ist cool”

  1. JTK Says:

    Freut mich wirklich sehr, das zu lesen! Glückwunsch!

  2. Don Kamillo Says:

    Hiho,
    hört sich doch alles super an, sogar noch besser als das, was Du mir erzählt hast, als Du hier in Düsseldorf warst, und da warst du schon ultra überschwenglich!!!
    Daumen hoch!
    Und wenn Du wieder in Wien bist und ein klein wenig Zeit abknapsen kannst: Kaiserliche Hofjagd- und Rüstkammer ( wenn Du die nicht schon inhaliert hast! )

  3. Crazee Says:

    Ich freue mich immer, wenn mal jemand schreibt, dass es ihm/ihr gut geht. Liest man viel zu selten.

  4. Soulsnatcher Says:

    Als ich am letzten Satz ankam hätte ich ihn fast unterstrichen.
    Können wir nicht tauschen? :)

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