Und noch eine Deadline geschafft
Mein Job is extrem zyklisch. Ca drei Wochen im Monat bin ich gut beschaeftigt, eine Woche bis ca zehn Tage ist dann Stress und Konzentration pur. Erschwerend kommt hinzu, dass mein Arbeitsbereich (Deutschland, Oesterreich und die Schweiz) immer aktiver werden - oder ich werde besser darin, die Info aufzutreiben. Jedenfalls wird mein Heft immer dicker und dicker.
Im Moment bin ich gerade wieder in so einer Deadline-Phase. Montag soll’s vorbei sein - und ab gestern habe ich angefangen, die Arbeit zusammenzutragen, die notgedrungen seit einer Woche liegt, weil ich mich auf das Magazin konzentriere. Diesen Monat kommt noch eine weitere Publikation dazu: ein Heft “Analyse” zum Markt und was abgeht, dazu ein historischer Ueberblick ueber 10 Jahre “Maktentwicklung”. Ich rechne nicht damit, dass ich in den naechsten vier Wochen noch was anderes gebacken kriege als das.
Und ich ertappe mich, dass ich nach anderen Jobs suche. Nicht, weil ich meinen nicht liebe - im Gegenteil - aber in meinem Team bleibt niemand laenger als 2 Jahre, viele gehen frueher, die Kollegin, die als naechstes geht, war nur 6-7 Monate laenger als ich in dem Job. Mit anderen Worten: so langsam sollte ich mich umsehen, was geht. Und zu gehen scheint einiges.
Im Moment reizt mich der “journalistische Weg”, also ThompsonReuters, Economist, Financial Times - obwohl, fuer den Rest meines Lebens? … ein “hack” sein, Schreiberling, wo ich die meisten Journalisten doch verachte. Warum? Da muss man nur auf die Online-Auftritte von Spiegel und Stern schauen. Es gibt Ausnahmen, wo es noch Recherche gibt, den No-Nonsense-Ansatz, fuer mich perfekt dargestellt im Economist und in der FT. Vorteil: Ich koennte weiter Leute interviewen. Nachteil: Den Job will jeder, der Zeitdruck, so-und-so-viel zu schreiben, teilweise die Bezahlung. Vorteil: Wieviele Schriftsteller haben sich als “hacks” durchgeschlagen? Vorteil: Wieviele Stories laufen einem jeden Tag ueber den Weg? Vorteil: Stress. Ich brauche ein gewisses Mass an Stress, um mich wohl zu fuehlen und produktiv zu sein. Nachteil: Irgendwie denke ich mir, koennte ich mehr als schreiben.
Dann gibt’s den Weg in die Investor-Relations-Abteilungen meiner “Klienten”. Ich wuerde einer von den Leuten werden, die der Presse verkaufen, dass die “Heuschrecken” nicht boese sind. Habe ich darauf Lust? Bis auf zwei oder drei Journalisten in Deutschland begreift doch die gesamte Zunft das Geschaeftsmodell gar nicht - das waere Aufklaerungsarbeit, Bienchen und Bluemchen, fuer ganz Doofe. Da haette ich auch Lehrer werden koennen. Obwohl ich Lehrer primaer wegen der deutschen Bildungs-Buerokratie nicht geworden bin. Die Kids haetten mir nichts ausgemacht. Also gut, Investor Relations-Leute machen mehr als das - bereiten Geschaeftsberichte vor, beantworten Fragen, manche sind extrem dekorativ und machen gutes Wetter bei der Presse (mich haben einige der Damen und Herren schon zum Essen ausgefuehrt, fuer die bin ich schon Presse).
Dann, PR-Arbeit. Ye Gods, sind 95% aller PR-Leute schlecht. Lustig war letztens einer, der *mir* als Spezalisten verkaufen wollte, die Firma, fuer die er PR macht, habe den groessten Fonds aufgelegt, den es je in Europa gegeben habe. Das habe ich dann mal schnell per Recherche in der Datenbank gecheckt, und dann meinem PR-Freund eine Email geschickt, die eine freundliche Version war von: “Junge, du hast offenbar keine Ahnung, denn vor 3 Wochen hat Firma X einen Fonds aufgelegt, der 2 Milliarden groesser war als der eurer Klienten - du moechtest vielleicht nochmal darueber nachdenken, ob du offensichtlich falsche Informationen in den Aether blaest”.
Unnoetig, zu sagen, dass der Knabe die Email nicht beantwortet hat. Armer Kerl. Als PR-Mensch selbst der Propaganda-Maschine zum Opfer zu fallen ist geradezu tragisch. Ein bisschen wie ein fettsuechtiger Angestellter von MacFress.
Ich koennte versuchen, ins operatische Geschaeft zu wechseln … selbst an Firmen herumzuwerken. Nachteil: Ich habe keine Bankausbildung und keinen MBA, der hier in England auch wenigstens mein Jahresgehalt kostet, abgesehen von den 2-3 Jahren Arbeit, die ich “nebenbei” noch reinstecken wuerde. Goodbye, Schreiben. Studium und mein Beruf zusammen und dann noch mehr machen als nach Hause gehen und ins Bett fallen … ist da eher nicht drin. Moechte ich ganz aufs Schreiben verzichten? Eher nicht.
Andererseits: ich kann mir nichts Interessanteres vorstellen, als an Firmen rumzuschrauben. Die Insider-Infos allein, das Herumtuefteln, das Analysieren. Das waere dann der McKinsey-Weg. Auf deren Webseite war ich auch schon. Viele meine Klienten sind Ex-McKinseys. Da kommt man auch als Quereinsteiger rein, und meine Neigung zu Anzuegen waere auch Rechnung getragen. McK bildet die Leute intern aus, da kann man Klavierstimmer gewesen sein, wenn man da fertig ist, ist man “Berater”. Das Gehalt ist auch nett. Viel Arbeit, viel Leben aus dem Koffer, viel Herumfliegen, viel Hotelzimmer. Dafuer kann man “hands-on” arbeiten. Und natuerlich verachtet einen die ganze (Geschaefts-)Welt, siehe Buchtitel wie “Beraten und Verkauft”. Schatzi sagte, McKinseys sind alles “Klone”. Andererseits bilden die Leute von der Pike auf aus, und mit den Faehigkeiten koennte man sich sogar selbststaendig machen.
Und dann gibt’s noch Strategie- und andere Berater-Firmen. Einige (ganz wenige) Kontakte habe ich. Jemand in Frankfurt schuldet mir ein Lunch; vielleicht ergibt sich da was, der Mensch hat auch eine seltsame Biographie, vielleicht, wenn die Chemie stimmt, hat der nen Tip.
Und dann gibt es immer wieder Jobs im Schreiberei-/Analyse-Bereich von saucoolen Firmen wie Control Risks. Letztens habe ich sogar einen Redakteurs-Job bei “Janes” (Janes, der Informationsservice fuer die Waffenindustrie und den kleinen Diktator von nebenan) gesehen, aber dafuer brauchte man einen Abschluss in “Defense Studies” - und bei allem Interesse fuer’s Militaerische, den habe ich nicht.
Im Moment weiss ich nicht, wo’s hingeht, nur, dass ich dabei bin, diesen Job hier zu meistern und danach ein sehr attraktives Skill-Set habe, das ich, idealerweise, fuer wenigstens 50% mehr Gehalt anbieten werde. Einige Kollegen wurden von Headhuntern gejagt (und erwischt) - vielleicht gibt’s da noch Jobs, von denen ich im Moment gar nichts weiss. Oder ich waerme meine Kontakte zur Job Agency-Szene auf, obwohl Ramona auch spezialisiert war, und ich wirklich nicht weiss, ob ich ernsthaft ins Marketing zurueck will. Scheussliche Branche.
Ich denke dann gelegentlich an die Wahrsagerin, die ich fragte, ob dieser neue Job die richtige Entscheidung war. Die zuckte die Schultern und sagte: “Machen Sie, was Sie wollen, Sie machen spaeter sowieso was ganz anderes …” Bezueglich der Schreiberei sagte sie: “Sie erreichen da schon was, wenn Sie sich nicht ablenken lassen” (Nach Bestsellern klang das nicht … mehr so wie gelegentlich was verkaufen …) und mit Mitte Vierzig sollte ich “schon was erreicht haben”. Klang nicht nach Celebrity-Dasein oder Tropeninsel-Villa. Schade eigentlich. Was aber in meinen Haenden steht, ist: “viel reisen, sehr, sehr viel reisen.”
Keine Ahnung, was passieren wird, oder kann. Im Moment lasse ich mir alle Optionen offen. Ich liebe meinen Job, aber ich bin krass unterbezahlt, und was auch immer als naechster Schritt kommt, laut Wahrsagerin “wird jeder Job besser, immer besser.” Okay. Cool - dieser hier ist schon sehr gut, aber es ist noch Luft nach oben, insbesondere im Bereich Paycheck. Und da ich gerade erst angefangen habe, Rentenbeitraege zu zahlen, sollte ich ein bisschen mehr verdienen, um im Alter nicht unter der Bruecke zu schlafen - dann gibt’s hier in UK vermutlich gar keine soziale Absicherung mehr. Und in Deutschland habe ich nicht eingezahlt und waere entsprechend direkt ein Fall fuer’s Sozialamt.
Und egal, wo ich hingehe, die Firma sollte besser kein Problem damit haben, wenn mir ein Bart waechst und die Stimme bricht - denn davor habe ich am meisten Angst, mein Leben lang in dieser Stasis zu verbringen, aus Angst, Partner und Job gleichzeitig zu verlieren. Auf dem Weg nach oben kann ich nicht zulassen, dass mir sowas die Beine wegtritt.
Ich habe kein Sicherheitsnetz und werfe mich lieber vor einen Zug als geschlagen zu meiner Familie zurueckzukriechen. Ich schaffe es, egal um welchen Preis. Ich werde, was ich bin.
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