Krebs, der alte Bekannte
Vor wenigen Monaten ist mein Grossvater gestorben - Pankreas-Krebs. Natuerlich bin ich zur Aufbahrung hingeflogen.
Vor einigen Tagen bekam ich den Anruf, dass bei meiner Grossmutter (ebenfalls muetterliche Seite) ein Hirntumor festgestellt wurde. Veraestelt, boesartig, inoperabel.
Meine Erinnerungen - und als Historiker lebe ich immer im Rueckblick - sind sehr zwiespaeltig, vieles davon werde ich erst aufschreiben, wenn sie unter der Erde ist. Oder verschluesselt, wie immer, im Roman. Vielleicht reicht es, zu sagen, dass meine Oma eine der (vielen) Inspirationen hinter Voiatas Mutter ist. Sie kann nichts dafuer, dass sie ist, wie sie ist, aber dass sie so ist wie sie ist (und bald war), werde ich erinnern und werde ich schreiben.
Natuerlich kommen kindliche/jugendliche Verletzungen dazu, Aussagen, ich sei “zu fett” (selbst ein laufender Kubikmeter), die Frage, wo ich denn alle meine Stories “abgeschrieben” haette, Vorwuerfe, ich wuerde Woerter verwenden, die’s gar nicht gibt und die keiner kennt (das konkrete Beispiel war “pflichtschuldig”), und ob ich Satanist sei nach einer “Lindenstrasse” Folge, bei der Rollenspieler wohl als Satanisten in Erscheinung getreten waren.
Meine Oma war die Familienmatriarchin, die, um die ihre Toechter und Soehne kreisten, deren Meinung wichtig war, die ein Kind gegen das andere ausspielte. Von den drei erstgeborenen Enkeln war ich der Freak, waehrend meine Cousine und mein Cousin vollkommen akzeptiert waren. Sie hat in ihrem Leben ein halbes Dutzend Hunde zu Tode gefuettert (als letztes einen preisgekroenten Golden Retriever, dessen 15kg schweres Krebsgeschwuer in der Tonne gar nicht auffiel, bis der verzogene Koeter am Ende klaefflos entschlief), 12 Kinder geboren, von denen 8 erwachsen wurden und 7 noch leben. Mutterkreuz hat sie knapp verpasst, denn da waren die Nazis schon nicht mehr.
Da sie mich ablehnte habe ich mich auf ihre Machtspielchen nie eingelassen, aber ihre Kinder wollten verzweifelt geliebt werden. Die Frage ist, ob meine Grossmutter jemals jemanden ausser ihren Mann geliebt hat. Ich hatte immer den Eindruck, die Kinder seien “so passiert”, teil der ehelichen Pflichten. Die Mutterstute, die treu eines nach dem anderen wirft und sich dann nicht mehr wesentlich dafuer interessiert.
Andererseits. Ich erinnere mich an ihre Trauer, als ihr Mann starb, ihre kuehle, faltige Hand an meiner Wange, ich erinnere mich daran, dass sie finanziell einsprang, als mein Stipendium ausgelaufen war. Ich erinnere mich daran, dass sie gut kocht, die Lust am guten (teuren) Essen, eine gewisse Anpacker-Mentalitaet. Gleichzeitig der Materialismus, die Verschwendungssucht, der verzweifelte Versuch, sich zu profilieren. Rennbahn-Prominenz - eine kleine Celebrity in der Halb- und Pseudowelt des Pferdesports. Die mehrere Vermoegen durchgebracht hat, um ihren exorbitanten Lebensstil und die Gaeule ihres Ehemannes zu finanzieren. Deren wesentliches Sinnen und Trachten darauf ausgerichtet war, anderer Leute Kohle an sich zu bringen, Neid, Missgunst. Die fast schockiert war, als ich mit dem Diplomaten-Freund auflief: frei nach dem Motto, Alex ist zwar fett und haesslich, wo kommen die tollen Partner/Freunde her?
Zum Teil wegen ihr war es das beste, was ich tun konnte, als ich mich aus Deutschland verabschiedet habe. Ich wollte die Geruechte, die Intrigen, die ueble Nachrede nicht mehr. Es war
die beste Entscheidung meines Lebens.
Aber: Wieder Krebs. Wieder der Tod. Wieder die Trauer der Familie. Wieder werde ich nicht mehr fuehlen als eine leise Wehmut ueber die Vergaenglichkeit und werde staunen ueber diese Fremden, mit denen ich blutsverwandt bin, diese schoenen, meist eher simpel gestrickten Menschen mit ihren Problemen und Kaempfen. Und danach, erloest, in den Flieger steigen und entkommen.
Wenn ich sterbe, wird das eine stille Sache sein, still und leise, ein paar Freunde. Ich will nicht, dass man sich das Maul zerreisst, ich will nicht verurteilt, abgeurteilt und verspottet werden von Leuten, die mich gar nicht kennen.
Irgendwo da ist ein Buch. Manchmal frage ich mich, ob ich danach tasten soll, aber da ist eine schreckliche Dunkelheit, und ich erwarte, auf sehr viele Zaehne und eiternde Wunden zu stossen.
Und wem tue ich damit einen Gefallen?
Jetzt gilt es zu planen, ein Bett zu finden, Urlaub zu buchen, Fluege klarmachen. Und dann wieder, Gesicht voran, meiner Vergangenheit zu begegnen.
Dem primordialen Gewebe, aus dem meine Mutter entstieg.