Die schwarze Welle

Das sukzessive Wegsterben der Generationen vor einem ist wie eine schwarze Welle - man sieht nach vorn, und sieht, wie’s einen nach dem anderen verschlingt. Urgrosseltern zuerst (dann ist man noch Kind). Als Erwachsener dann die Grosseltern, und dann die eigenen Eltern, hoffentlich, wenn man alt genug ist, um damit klarzukommen oder gar bereits die naechste Generation in die Welt gesetzt und aufgezogen hat.

Gestern ist meine Grossmutter gestorben. Der Hirntumor haette ihr 6 Monate geben sollen, sagten die Aerzte, aber nach 2 war Schluss. Zusammengebrochen, tot, vorbei. Gut, gesegnetes Alter, klar. Die Matriarchin ist gegangen. Ueber die Toten nichts Schlechtes. Aber viel Schlechtes gibt’s auch gar nicht. Klar, gibt’s in Voiatas Mutter viel von meiner Oma, die andere Haelfte ist eine Tante von mir (minus Plastikhaarklammern). Bei der Aufbahrung ihres Mannes vor einigen Monaten wurde mir klar, dass ich sie, rein emotional gesehen, mag/mochte. Bei alles Charakterfehlern, allen kleinen Nickeligkeiten, den Missverstaendnissen, den Fiesitaeten, die bei uns in der Familie fast der einzige Weg sind, zu sagen: Du bedeutest mir was - auf reiner kreatuerlicher Ebene habe ich sie wirklich gemocht. Ich habe mich ueber sie und ihre hochproduktiven Eierstoecke lustig gemacht, habe mich bei einigen Stories geekelt, in Rage gedacht/geschrieben, aber am Ende konnte sie’s nicht besser und hat ihr Leben gelebt, in all dem Materialismus, all dem Protzen, dem “aspirativen” Lebensstil, der alles aufgezehrt und nichts den Kindern gelassen hat … da war doch keine Boesartigkeit, nur ein seltsam freundliches Versagen.

Es tut mir um ihre Kinder leid. Ich selbst hab nie genug dazugehoert, um zu leiden. Ich bedauere, ich bin heute auch nicht zum Arbeiten zu gebrauchen und bin entsprechend auf “compassionate leave”, ich denke, ich haette vielleicht direkt nach der Diagnose rueberfliegen sollen und nicht auf Prognose bauen sollen. Aber ich hatte keine “offenen Rechnungen”, ich habe “closure”, den Abschluss.

Die schwarze Welle fing bei meiner Mutter an, ging dann zu meinem biologischen Vater, dann meinem Grossvater, jetzt meiner Grossmuter. Nicht nach Alter, Stand, oder irgendeiner Form von Gerechtigkeit. Jetzt steht noch die Generation meiner Mutter - ihre Geschwister - zwischen mir und dem Nichts. Ich habe noch eine Generation Zeit, oder es ist morgen vorbei, oder doch ganz anders. Auf jeden Fall wird mir wieder und wieder klar, wie begrenzt unsere Zeit ist und ich nicht ewig Zeit habe, um die Stories in meinem Kopf freizusetzen. Denn die muessen raus. Es waere zu schade drum.

Gleichzeitig, waehrend des Gespraechs mit meinem Onkel (der da viel emotionaler ist als ich) kam wieder die Sprache auf eine ganz boese Geschichte, die, so hoffte ich, als ich die Story das erste Mal hoerte, den Alkoholnebeln meiner Tante entstiegen ist - aber da meine Oma das bestaetigte, da sie den Taeter unbedingt vor ihrem Tod sehen wollte, dass sie ihn deswegen nicht angezeigt hat - das deutet alles in die Richtung, dass es doch kein Alkoholnebel ist. Und so ein Verbrechen in der eigenen Familie - das ist haerter wegzustecken als die Tatsache des Todes. Wir muessen alle sterben, aber wenn uns das eigene Fleisch und Blut zu Opfern macht, das ist so falsch, dass mir die Galle in der Kehle steht.

Aber was damit machen? Aussage gegen Aussage einer Toten? Welche Form von Gerechtigkeit kann man noch gewinnen? Warum, verdammt, ist sie damit nicht zur Polizei gegangen? Was tue ich, wenn ich dem Taeter wiederbegegne?

Vielleicht wird es langsam wirklich Zeit, die Familiensaga zu schreiben. Diesmal ohne viel Maskiererei. Aber das ist echt hartes Zeug, das wird gemein. Aus sowas ein Buch zu machen … hart, sehr hart. Ein Riesenstueck Arbeit. Vielleicht komme ich dem Level ein Stueck naeher, auf dem ich wenigstens den Versuch wagen kann.

In any case, Ruhe in Frieden, Beate.

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2 Comments on “Die schwarze Welle”

  1. Mao-B Says:

    … und ehe man sich versieht, gehört man selbst zu den “alten” …

  2. AlexW Says:

    Stimmt. Undererseits entwickelt man sich stetig vorwaerts - bis man zum hoechsten Punkt kommt und wieder abbaut. :)

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