Ball des Anstosses (2005)

Vorrede: Diese Geschichte ist 2005 in der Anthologie Golem & Goethe des Wurdack-Verlages erschienen; Herausgeber war Armin Rössler. Gewidmet ist sie meinem Autorenkollegen Markus Gerwinski. Wie man deutlich sieht, hatte ich da gerade Michael Moore gelesen.

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* * * * *

Ball des Anstoßes

Möglicherweise hatte die Zielperson den Verstand verloren. Raumkoller. Manchen gelang es einfach nicht, sich in Chasma Boreal Unity Prime einzufinden. Dieselben Leute, die auf Knien darum gebeten hatten, an der größten Aufgabe der Menschheit seit dem Bau der Chinesischen Mauer mithelfen zu dürfen, wurden verrückt dabei, sich an ein Drittel der Erdschwerkraft zu gewöhnen, ohne blauen Himmel zu leben und alle genetischen und sozialen Wurzeln so weit hinter sich zu wissen. Andererseits handelte es sich ganz und gar nicht um einen Routinefall.

Nachdenklich spähte Michail Komarow zum Horizont, wo das Weiß des Bodens auf das Rosarot der Atmosphäre traf.

Das Gefängnis, das unbestrittene Herz der Siedlung, lag still vor ihm – die anderen Polizisten hatten bereits die Zugangsstraßen abgeriegelt und die Ausgangssperre verhängt. Komarow wartete nur darauf, dass es zu einem großen Knall kommen würde, zu etwas, das dramatischer war als die Prügeleien und halbgaren Fluchtszenarien, mit denen er sich den ganzen Tag befassen musste. Unity Prime war alles andere als das beschauliche Plätzchen, das in den Broschüren und im Netz erschien. Hübsch sicherlich, weil alles neu war und man großen Wert auf glatte Fassaden legte. Mit dem roten Betongemisch hatte die Stadt ein fast mediterranes Flair. Urlaub machte man dagegen hier noch längst nicht.

Jenny klopfte an die Scheibe, und Komarow stieg aus. „Guten Abend, Michail.“

Das mit den Rangbezeichnungen setzte sich bei der kleinen Polizeistation nicht so recht durch, und selbst die Virtuellen hatten sich daran gewöhnt, die Realen so anzusprechen. Er nickte ihr zu. „’n Abend. Scheint, als würde das heute doch nichts mit dem Billard.“ Er spähte über die umliegenden Gebäude, sah die dunklen Gestalten auf den Dächern liegen, die Gewehre auf einen Punkt innerhalb der Gefängnismauern ausgerichtet. „Scharfschützen?“

„Es ist eine Geiselnahme“, erklärte sie kühl – der superprofessionelle Tonfall, den die Virtuelle für Begehungen von Tatorten und die Erstellung von psychologischen Profilen verwendete. Ihr strenges Gesicht und die aufgesteckten blonden Haare passten gut dazu, die Sorte Polizistin, der man Folge leistete, weil sie sich keine Blöße gab. „Es ist das …“

„Standardverfahren“, sagte Michail gedankenverloren. Hinter den rosafarbenen Mauern des Gefängnisses spielte sich gerade ein Drama ab, und sich mit der Virtuellen herumzustreiten, deren Sinn für Humor nicht gerade ausgeprägt war, ergab wenig Sinn.

„Ganz recht. Ich habe Sie verständigt, weil der Täter nicht positiv auf Virtuelle reagiert“, fuhr Jenny fort. „Das Memo haben Sie erhalten. Wie werden Sie weiter vorgehen?“

„Ich hatte noch keine Zeit.“ Das Letzte, was er an seinem Billardmittwoch gebrauchen konnte, waren lange Memos seiner virtuellen Beraterin, die sich den ganzen Tag mit statistischen Effizienzberechnungen vergnügte und dann allen Ernstes davon ausging, dass ihn dieser Zahlendurchfall interessierte. Er hatte sich durch seitenweise Berechnungen der durchschnittlichen Verlustquote von Büroklammern gekämpft. Dabei hatte er erfahren, dass die Polizeistation, wenn es gelang, die Büroklammern einer Wiederverwendung zuzuführen, im Jahr immerhin zwanzig Euro sparen konnte. Seither scrollte er sich durch ihre Analysen, um behaupten zu können, er habe es zumindest überflogen.

In Wirklichkeit erlitten ihre Analysen dasselbe Schicksal wie seine Tagebucheinträge – er ließ sie eine Weile in seinem Netz herumschwirren und löschte sie schließlich. Man konnte auch zu viel nachdenken. Aber solange die Typen auf der Erde so vernarrt waren in die Virtuellen, musste man wohl oder übel mit ihnen klarkommen.

Jenny runzelte missbilligend die Stirn, dann begann sie zu sprechen. „Um 16.21 Uhr Ortszeit wurde der Virtuelle Friedrich, betraut mit der Organisation und Verwaltung der Korrekturanstalt Neue Erde, von einem bisher unbekannten Täter als Geisel genommen. Der Täter hat keine Forderungen gestellt. Die New Earth Holding, Eigentümerin der Lizenz der Korrekturanstalt, hat die Anfrage zur Erlaubniserteilung für die Erstürmung der Korrekturanstalt abschlägig beantwortet.“

Mit anderen Worten, es blieb nur das Verhandeln, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen. „Ja, dann wollen wir mal“, erklärte er und zupfte sein Kom vom Rückspiegel im Wagen. Das Kom führte ihn durch die Benutzeroberfläche, dann war er auf dem Teamkanal. Die Polizisten meldeten, dass nichts zu sehen war.

„Könnt ihr mich in das Kom-System des Gefängnisses schalten?“

Jenny nickte, wohl froh, dass er endlich produktiv wurde. „Natürlich, Michail.“ Für solche Sachen waren die Virtuellen perfekt; weil sie dachten wie Maschinen, konnten sie am besten andere Maschinen manipulieren. Trotzdem waren Menschen nach wie vor die besten Hacker.

„Und wenn ihr drin seid, schaltet mich gleich für die Überwachungskameras frei.“ Er schob die Displays auf Augenhöhe hinunter. Noch zeigte der Schirm nichts weiter als den goldenen Schriftzug „MarsTac Systems“ auf Marsrot.

„Natürlich, Michail.“

Dann wurde der Schriftzug abgelöst von Bildern der Sicherheitskameras. Der Geiselnehmer war ganz offensichtlich ein blutiger Anfänger – die Kameras waren alle noch in Betrieb, obwohl er den virtuellen Gefängnisdirektor ohne weiteres hätte dazu zwingen können, alles abzuschalten. Erst ließ er sich den Grundriss des Gebäudes aufspielen, dann sprang er von Kamera zu Kamera. Bei den raschen Wechseln bekam er noch immer Kopfschmerzen, aber er hatte nicht vor, das über Stunden zu machen.

Da. Rechts vom Besuchertrakt (der kaum genutzt wurde, die meisten Angehörigen der Deportierten lebten auf der Erde) schloss sich das Büro des Direktors an. Hier bekamen Entlassene ihre Papiere ausgehändigt, hier wurden Disziplinarmaßnahmen verkündet. Der Nutzung entsprechend war es feudal eingerichtet – ein massiver Schreibtisch stand mitten im Raum, wie ein Altar in einer Kirche, obwohl man mittlerweile viel benutzerfreundlichere Arbeitsplätze schaffen konnte. Auf dem Schreibtisch ein großer Pappkarton, der eine Bombe hätte sein können, aber Michail verbannte den Gedanken ins Reich seiner überbordenden Phantasie.
Am Schreibtisch saß Friedrich. Der Virtuelle war ein freundlich-besorgt wirkender Bürokrat, dessen Stirnglatze und Brillengläser ihn wohl weniger seelenlos aussehen lassen sollten – eine Onkelfigur.

Dahinter stand jemand – ein bulliger Typ mit grauer Haut. Er stützte sich auf eine Krücke, sein rechtes Hosenbein war zerschnitten und zeigte einen Gips, der bis zur Mitte des Oberschenkels reichte. Er fuchtelte mit einer Nagelkanone herum – ein Werkzeug, das die Außenteams bei der Arbeit an den Kuppeln verwendeten. Stark genug, um damit die Hirnschale eines Virtuellen nicht nur zu durchdringen, sondern zu zerschmettern.

Deshalb also machte man sich Sorgen um Friedrich. Der Virtuelle konnte tatsächlich zerstört werden, und wenn er keine Gelegenheit gehabt hatte, seine Daten in das Netzwerk des Gefängnisses hochzuladen, mochte die New Earth Holding ihre gesamten Abrechnungen verlieren. Datenverlust auszugleichen war ein teurer Spaß, weil es kaum noch Folienausdrucke gab.

„Okay. Schickt eine Anfrage an den Gefängnisarzt, wer in den letzten Wochen eine Verletzung am rechten Bein davongetragen hat. Ich will die gesamte Akte.“
„Natürlich, Michail.“

Michail lächelte schmal, öffnete dann den Kanal zum Gefängniskom. Gleichzeitig sah er auf dem linken Auge, wie etwas auf dem Schreibtisch des Virtuellen zu blinken begann. Der Geiselnehmer machte fast einen kleinen Sprung, schien dann den Gefängnisdirektor anzuschreien, der auf das Kom deutete und entschuldigend die Schultern hochzog. Dann ein leises Läuten in der Leitung, um Michail darauf aufmerksam zu machen, dass der Kanal nunmehr offen war.

“Guten Abend“, sagte Komarow. „Hier spricht Michail Komarow von MarsTac.“

Der Geiselnehmer schnappte nach Luft, als sei er außerhalb der Kuppel und seine Nabelschnur habe ein Leck. Komarow hatte sie oft genug gesehen, die Arbeiter in den schweren leuchtendgrünen Anzügen, die nicht durch Fesseln oder Zäune gehalten wurden, sondern nur durch den Sauerstoffschlauch – und die Tatsache, dass die Anzüge keinen eigenen Vorrat hatten. Chasma Boreal bot wenig Deckung und noch weniger Sauerstoff. Vielleicht in zweihundert Jahren. Schließlich hatten die naturwissenschaftlichen Zufälle bei der Erde weit länger gebraucht. Die Steigerung der Effizienz vom Prototypen der Terraformung zum zweiten Beispiel war einfach ungeheuerlich – der Gedanke hätte Jenny gefallen.

„Ja, hallo?“

„Das ist sicher eine verdammt unangenehme Situation“, murmelte Michail in das Kom – gedämpft, um beruhigend zu klingen. Als wären sie alte Freunde. Einen Virtuellen konnte man damit nicht beeindrucken, aber dieser Typ hier sah so aus, als brauche er dringend Zuspruch. Im direkten Gespräch hätte Komarov dem Typ die Waffe sicher abschwatzen können, aber wenn er einfach in das Gefängnis marschierte, riskierte er eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu riskieren. So musste er es eben über Kom machen. „Ich meine, die Anspannung, die Nervosität. Und dann die Sache mit dem Bein.“

Der Geiselnehmer schluckte sichtlich. „Äh, ja.“

„Wie haben Sie sich verletzt? Arbeitsunfall?“ Diese menschlichen Töne sollten den Geiselnehmer davon überzeugen, dass er es mit einem Realen zu tun hatte.

„Bin mit dem Schweißbrenner auf Trockeneis gestoßen“, sagte der Mann. „Von der Düne runtergeknallt.“ Er verzog das Gesicht, als das letzte bisschen Kontrolle wegbrach. „Scheiße, ich will doch nur mein Leben zurück!“

„Sie haben da den Virtuellen. Mensch, ich kann das verstehen, ich mag die auch nicht sonderlich. Ich habe hier so einen Taktikcomputer, der mir ständig die Dienstvorschriften um die Ohren knallt.“

„Ich will nur mein Leben zurück!“, wiederholte der Geiselnehmer, diesmal lauter. „Sagen Sie das den Leuten. Ich will nach Hause. Oder Sie können diesen Scheißroboter wieder komplett neu bauen. Ich lasse kein Stückchen von dem über, das schwöre ich! Haben Sie das verstanden?“

Nun, die meisten Leute rasteten anders aus. Vandalismus, Schlägereien, politische Agitation, gelegentlich Sabotage. Das hier war kein Siedler, der sich freiwillig gemeldet hatte, sondern ein deportierter Schwerverbrecher; die kleinen Fische hielt man weiterhin in den Gefängnissen auf der Erde. Damit es sich für die Firma lohnte, musste die Strafe mindestens auf fünfzehn Jahre festgelegt worden sein, und die Sträflinge natürlich körperlich gesund und jung genug, damit sie die projektierte Arbeitsleistung erreichten. Die anderen Siedler waren dementsprechend Entlassene, deren Erspartes nicht ausreichte, um zurückzukehren. Das System hielt sich selbst stabil – wenn die Leute erst einmal begriffen, dass es keinen Ausweg gab, bissen sie die Zähne zusammen und arbeiteten hart, um sich zumindest die kleinen Prämien zu erhalten, die das Leben hier versüßten.

„Ja, ich habe verstanden“, murmelte Michail und sah aus dem Augenwinkel Jenny ein Zeichen geben. Gleichzeitig wurde ihm eine Datei aufgespielt. Ah, das medizinische Profil. Ned Sheffield, neunundzwanzig, gelernter Industrieschlosser, geschieden, zwei Kinder. Schlosser – perfekt für Unity Prime. Er hatte sich gestern bei einem Arbeitsunfall das Bein gebrochen, die Umstände sprachen gegen eine Selbstverstümmlung. Dass erst eine Ader gefrorenes Kohlendioxid explodierte und er dann die Düne herunterrutschte – er hätte dabei gut draufgehen können, die Dünen waren nicht ungefährlich, vor allem im Winter, wenn sie spiegelglatt gefroren waren. Armer Teufel.

„Sehen Sie, ich schaue, was ich tun kann. New Earth Holding will natürlich den Virtuellen wiederhaben, ist doch klar, oder?“

„Scheiß auf den Roboter“, schrie Ned Sheffield so laut, dass sich seine Stimme überschlug. Es fehlte nicht viel, und er würde zu weinen anfangen, das konnte Komarow deutlich hören. „Ich will mein Scheißleben zurück!“

Michail blickte zu Jenny hinüber. „Ich muss da rein. Der ist nicht stabil. Und der lässt auch nicht mit sich reden, dafür hat er zuviel Angst.“

„Das ist Hausfriedensbruch.“

Er seufzte und blickte zu dem seelenlosen Klotz des Gefängnisses hinüber, über dem sich, fast zum Greifen nah, die Kuppel wölbte. Er öffnete das Holster und legte die Pistole auf das Autodach. „Ich gehe so rein. Ich denke, man kann ihn mit ein paar guten Worten in den Griff kriegen.“

„New Earth Holding …“

„Ja. Ich schaue, dass ich auch Friedrich am Stück rausbringe.“ Er hörte sie weiter Dienstvorschriften rezitieren und ihm die taktische Situation erläutern, aber er hätte nicht dreizehn Jahre bei den Sicherheitskräften geschafft, wenn er immer auf die Virtuellen gehört hätte.

Langsam bewegte er sich auf das Tor zu. „Wissen Sie, Ned, ich komme mal zu Ihnen, nur ein bisschen reden, ich bin nicht bewaffnet. Sagen Sie Friedrich, er soll mir aufmachen.“ Er brachte die Entfernung zum Tor hinter sich, erwartete fast, es werde nichts geschehen, doch dann setzten sich die Rollen des Tores mit einem schleifenden Geräusch in Bewegung.

Dahinter gähnende Leere. Friedrich räumte ihm nacheinander alle Hindernisse des Systems aus dem Weg, die diversen Scanner wurden ausgeschaltet, als er sich näherte.

Er schwenkte nach rechts, den Besuchergang entlang. Dort hingen Metallplaketten, auf denen die Leistungen der Gefängnisinsassen dokumentiert waren – soundso viele Kilometer Versorgungsgänge, soundso viele Quadratmeter verbautes Kuppelmaterial, soundso viele Kubikmeter Eis, die in das Ökosystem von Unity Prime einbezogen worden waren.

Produktivitätssteigerungen auch hier – Friedrich machte seinen Job wohl mit derselben technokratischen Begeisterung wie Jenny. Vielleicht sollte man die beiden verkuppeln. Michail lächelte bei dem Gedanken. Natürlich hatten die Virtuellen kein wie auch immer geartetes Privatleben, aber ihre Gestalt verführte zu solchen Gedanken. Vielleicht rechneten sie zur Entspannung an der nächsthöheren Primzahl herum.

Ein Schild wies ihn zum Büro, gleichzeitig konnte er sich selbst auf den Überwachungskameras sehen, sein eingebauter Ko-Prozessor machte es möglich, beide Datenströme zu verarbeiten. Er erreichte die Tür, klopfte und schaltete wieder in das Büro zurück.

Ned Sheffield schwitzte wie ein Rennpferd auf der Zielgeraden, fuchtelte mit der Waffe herum. „Ich lasse mich nicht mehr um mein Leben betrügen“, schrie er, und Michail konnte es gleichzeitig durch die Tür und über Kom hören – ein seltsamer akustischer Effekt. Er klopfte erneut.

Er sah zu spät, was der Geiselnehmer tat. Ansatzlos setzte er dem Virtuellen die Nagelpistole an den Kopf und drückte ab, vielleicht mehrfach, das ließ sich nicht recht erkennen. Dann setzte er sich die Waffe selbst an das Kinn.

Michail rammte die schwere Tür mit der Schulter, wobei das Kom verrutschte. Der Schmerz zuckte ihm bis in die Hüfte hinunter, beim zweiten Anlauf splitterte endlich die Zarge.

Dahinter … Ned lag auf dem Boden. Im Fallen hatte er den Karton vom Schreibtisch gerissen, der sich geöffnet und Golfbälle ausgespieen hatte, die weiß auf dem blauen Teppich lagen. Kein Sprengstoff – das hätte Michail auch nicht erwartet, aber es war gut, sich nicht zu irren. Mit einigen großen Schritten eilte er zu Ned, dessen Beine und Hände zuckten, weil die Synapsen selbst um den Nagel im Gehirn herum feuerten. Er kniete neben ihm nieder – der Mann wirkte unendlich zerbrechlich – vom Nagel selbst war nichts zu sehen, bis auf den metallenen Knopf, der aus seinem Kiefer ragte. Michail fluchte. „Ich brauche einen Arzt und …“ Ein Blick zu Friedrich, „einen Datenspezialisten. Nemedlenno!“
Was die nicht alles mit einem menschlichen Körper machen konnten – für Friedrich sah es nicht so gut aus. Vermutlich ein Kurzschluss im Technokratengehirn. Hätte der Virtuelle dabei nicht fast ebenso hilflos und zerbrechlich ausgesehen wie Ned, hätte Michail das sardonische Grinsen nicht niederkämpfen können. Es war schon ironisch, wenn das beste Mittel gegen ein Werkzeug ein anderes Werkzeug war. Er strich Ned über die Hand, dann richtete er sich wieder auf, sah die Kamera – und trat dabei beinahe auf einen der Golfbälle.

Zum Inventar des Büros gehörten sie wohl nicht, Virtuelle spielten kein Golf. Und Ned hatte sich wohl kaum einige davon zum Zeitvertreib mitgebracht. Er schob den Stuhl mit Friedrich etwas zur Seite und stöpselte das Kom in das System des Gefängnisses. Von hier aus dürfte er nicht gerade Adminrechte haben, aber er sollte verdammt sein, wenn er es nicht versuchte.

Ah, da war die Datei. Personalakte, verlinkt auf seine Akte beim Gefängnisarzt. Alles bestens; Ned war nie auffällig geworden in den letzten dreiundzwanzig Monaten. Da waren auch die E-Mails an seine Frau und Familie abgespeichert. Michails Augen verengten sich, als er die letzte überflog. Er kopierte sie rasch auf sein System, dann unterbrach er die Verbindung, weil er auf dem Gang schon die Ärzte hören konnte.

Sein Job hier war getan. Ein letzter Blick auf Ned, bevor ihn die Ärzte stabilisierten, und er spürte einen metallenen Reif um die Kehle. Verfluchtes Spiel. Er schüttelte den Kopf und ging zurück, zog sich das Kom vom Kopf und hatte sich nie müder gefühlt. Es war was dran an dem, was Ned geschrieben hatte. Und er war nicht ganz sicher, ob man ihm einen Gefallen tat, wenn man ihn wieder zusammenflickte.

Er kehrte zu seinem Wagen zurück, wo Jenny ihn mit tadelndem Gesichtsausdruck erwartete. „Die Klage wegen Hausfriedensbruchs gegen MarsTac läuft bereits“, verkündete sie in neutralem Ton. „Ihre Statistik, Michail, hat sich gerade sehr negativ entwickelt, außerdem haben sie in den letzten fünfzehn Minuten zweiunddreißig Dienstvorschriften übertreten. Ihr unautorisiertes Eingreifen, der Verlust des Virtuellen und die Schadensersatzansprüche der New Earth Holding in Höhe von zwei Komma sieben Millionen Euro werden MarsTac dazu veranlassen, Ihren Arbeitsvertrag nicht zu verlängern, womit meinem Memo entsprochen wird, das ich gerade abgesetzt habe.“

Michail ließ sie reden, setzte sich in den Wagen und schloss demonstrativ die Tür. Sie blieb vor dem Wagen stehen, mit verschränkten Armen. Michails Hand lag auf der Kupplung, um den Rückwärtsgang einzulegen.

„… Liebling, du weißt, dass ich nie jemandem was tun wollte, Schatz, das musst du mir glauben. Aber ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten, ohne Job. Bei GolfPro zu arbeiten, das war schon Scheiße, die Maschinen umzustellen, aber wenigstens haben sie noch was bezahlt, trotz fünfzig Stunden die Woche und keine Überstundenzulage. Ich hätte uns schon durchgebracht, Scheiße, ich hab doch was gelernt. Dann hieß es, Sheffield ist auch gefeuert, sind gegen New Earth nicht konkurrenzfähig. Ich hab die Brüche doch nur gemacht, um uns durchzubringen, weil ich nichts gefunden hab. Ich wollte niemandem wehtun. Jedenfalls. Habe mir heute das Bein gebrochen, das heißt zumindest, ich muss nicht mehr daraus, das ist knochenhart, nicht zum Aushalten, und bezahlt wirst du auch nicht. Schatz, ich vermisse dich so. Die Kranken arbeiten was im Gefängnis, das ist nicht so hart, bis sie wieder auf die Beine kommen. Ich versuche, das hier durchzustehen, und dann fangen wir von vorne an. Liebe, Ned.“

New Earth Holding ließ in diesem Gefängnis auch Golfbälle herstellen. Die besten, mit zweischichtigem Kern in Urethan/Elastomer-Schale; extrem niedriger Spin, extrem hohe Geschwindigkeit – Michail kannte die Werbesendungen auswendig. Er spürte ein entsetzliches Gewicht auf den Schultern, als wäre er zur vollen Erdschwerkraft zurückgekehrt. Es war nur zu logisch, welchem Job man Ned zugeteilt hatte.

Noch immer stand Jenny vor dem Wagen, blickte ihn strafend an, oder es kam ihm so vor. Nicht konkurrenzfähig. Zu teuer. Virtuelle zumindest hielten sich an die Vorschriften, aber die besten Hacker blieben die Menschen.

Michail legte den Rückwärtsgang an, nahm etwa fünfzig Meter Anlauf, dann hieb er den Vorwärtsgang in das Getriebe und trat das Pedal bis zum Boden durch. Die beste Waffe gegen ein Werkzeug war und blieb ein Werkzeug.

Ned hatte ganz Recht.