Die Rasur (2008)
Vorrede: Mal was “ganz anderes” von mir - und unter einem anderen Pseudonym erschienen. Cliff Morten, der eigentliche Herausgeber, schrieb mich aufgrund meiner frei im Netz verfuegbaren Soldatenoper an, ob ich nicht Lust haette, eine Geschichte fuer die aktuelle Anthologie beizusteuern. Nachdem ich bereits ca im Jahre 2000/2001 aufgegeben hatte, im Gay-Bereich je kommerziell zu veroeffentlichen, hat es jetzt durch die Hintertuer (pun intended) geklappt. Als persoenlicher Witz tritt eine Figur der Soldatenoper hier kurz (und mysterioes) auf.
Die Kurzgeschichte weicht in Stil und Duktus von dem ab, was ich sonst mache; da der Rest der Anthologie schon stand und meine Geschichte sich nahtlos einfuegen sollte, habe ich meinen Stil angeglichen und mit denselben Figuren gearbeitet, mit denen die anderen Autoren gearbeitet haben. Das war tatsaechlich das Aufwendigste; in die Koepfe fremder Figuren reinzukommen.
Die Story heisst “Die Rasur” und wurde geschrieben von Aleksandr Voinov, was jetzt mein Porno-Pseudonym ist. Die Anthologie erscheint im Bruno Gmünder-Verlag in deren Porno-Reihe “Loverboys”. Die Daten:
Herausgeber: Aiden Kell
Titel: Loverboys 89: Jungs auf Entdeckungsreise
ISBN-10: 3867871914
ISBN-13: 978-3867871914
Das Buch erscheint im August, kann aber hier vorbestellt werden.
Einen Teaser gibt’s hier:
* * * *
Die Rasur
Aleksandr Voinov
»Dieser Dreh bringt mich noch um«, schimpfte Nico, allerdings weit genug von den Kameras entfernt, damit das Team das nicht mitbekam.
Hollywood riss sich darum, mit diesem Regisseur zu drehen, und es bestand kein Zweifel daran, dass Divengetue dazu führte, dass man nie wieder eine Möglichkeit bekam. Der Mann war Franzose, ein Künstler durch und durch, der sich mit Psychodramen einen Namen gemacht hatte und jetzt nur die Hand ausstrecken musste, und alle Schauspieler, denen noch ein Oscar fehlte, standen Schlange oder wuschen ihm den Wagen.
Dass ausgerechnet er Nico Petersen und Jason Hart casten ließ, war eine Ehre, und Jason würde sich die Chance auf einen »Golden Boy« auf keinen Fall versauen lassen, nur weil Nico, die zweite männliche Hauptrolle, seinem Temperament freien Lauf ließ. Streng genommen konkurrierte Jason sogar mit Nico um die Auszeichnung, denn ihre Rollen waren beide als Hauptrollen ausgewiesen.
»Hab dich nicht so!«, brummte Jason, die Nase wieder im Skript. Die nächste Szene hatte sehr wenig Text; umso wichtiger war es, jedes Wort davon zu empfinden und die Leerstellen mit seinen Gefühlen zu füllen.
Nico schnappte wütend und – Jason hätte schwören können – überrascht nach Luft.
Jason musste grinsen und versteckte sich hinter dem zerlesenen Drehbuch. »Wir haben nicht mehr so viele Drehtage, das schaffen wir auch noch«, sagte er jetzt versöhnlicher.
Nico ließ sich davon allerdings nicht von der Palme holen. »Der Typ hat sie doch nicht mehr alle! Erst heißt es, im Hochsommer in die Rockys, wo einem die Suppe so runterläuft, dass man ständig in die Maske muss, und dann die Sache mit dem Keuschheitsgürtel! Mir platzen bald die Eier, wie soll ich mich da auf meinen Text konzentrieren?«
›Keuschheitsgürtel‹ stimmte nicht ganz, aber Jason wies ihn nicht darauf hin. Es war vielmehr so, dass ihnen der Regisseur dringend geraten hatte, die Finger voneinander zu lassen. Jeder wusste, dass Nico und Jason Liebhaber waren, und Jason war mittlerweile sicher, dass das auch der Grund war, weshalb sie für diesen Streifen gemeinsam vor der Kamera standen. Der Regisseur hatte begriffen, was sie für ein unglaubliches Team abgaben – und baute seinen ganzen Film darauf auf. Gleichzeitig hatten sie einen Vertrag unterschrieben – aus Geilheit auf den Oscar –, der sich gegen einen normalen Knebelvertrag wie ein Bondagevertrag inklusive Auspeitschen und Sklavenauktion ausnahm.
Auch Jason stand der Saft bis zum Kinn. Sie schliefen jeder in einem eigenen Wohnwagen, so dass ihnen nur das Wichsen blieb, solange sie mit diesem Kontrollfreak drehten. Nicht, dass Jasons Vorstellungskraft nicht reichte, um Nicos Mund an seinem Schwanz lutschen zu fühlen, und zu Drehbeginn hatten er und Nico sich in einer Pause rasch gegenseitig einen – oder auch zwei – runtergeholt, aber das reichte nicht. Um sich abzureagieren, brauchten sie beide mehr. Sie konnten ohne Mühe die halbe Nacht lang Sex haben – unterbrochen nur von kurzen Pausen –, weil Nico immer einen Weg fand, Jason geil zu machen, seine Grenzen auszutesten, weil er selbst unersättlich war. Wenn man sie ließ, fickten sie wie Kaninchen. Nur ließ dieser Regisseur sie nicht, und sie konnten hier auch nicht. Im ganzen Umkreis gab es nichts, keine Bar, kein Gloryhole, keine Sauna, und der Film kam mit sehr wenigen Komparsen aus, deren Szenen jetzt aber schon alle im Kasten waren.
»Es war deine Idee«, brummte Jason. »Du wolltest eine Charakterrolle. ‚Ich bin mehr als ein hübsches Gesicht’«, machte er Nico nach, dessen Augen dabei schmal und ärgerlich wurden.
Ertappt, Herr Petersen, dachte Jason. »Wenn ich dich daran erinnern darf: Du wolltest mit diesem Irren drehen. Ich hätte auch den Serienkiller in dem anderen Projekt gespielt. Aber nein, Nico Petersen wollte ins Charaktergeschäft.«
»Und?«, fauchte Nico. »Heißt das, zur Strafe müssen mir jetzt die Eier platzen?«
»Tja …« Jason blickte auf und sah den Regisseur auf sie zukommen und winken. »Ach, Nico. Sind doch jetzt nicht mehr viele Drehtage.« Er stand auf, grinste und brummte aus dem Mundwinkel: »Und wenn wir hier erstmal weg sind, spendiere ich dir eine Woche in einem Fünf-Sterne-Hotel in Vegas, und wir ficken uns das alles aus dem Leib.«
Nico knurrte ungnädig. »Zwei Wochen.«
Jason lachte. »Okay. Zwei.« Er warf das Drehbuch auf den Stuhl, auf dem er gerade gesessen hatte, packte Nico bei der Schulter und schob ihn auf das Set zu, das inzwischen richtig ausgeleuchtet war. Bei dem Perfektionismus des Regisseurs hätte ihn nicht gewundert, wenn die vielen Helfer vorher die Steine am Berg hätten umsortieren müssen.
* * *
Nico sah zu, wie einer der Regieassistenten Jason die Stricke um die Handgelenke band, ihn sich dann umdrehen ließ und ihm die Uniformjacke von den Schultern zog, dass das schmutzige, zerrissene und verschwitzte T-Shirt zu sehen war – und Jasons perfekte Schultern, sein muskulöser Nacken, die Kratzer, die sie ihm aufgeschminkt hatten.
Ihm lief sofort das Wasser im Mund zusammen, obwohl, oder gerade weil Jason ein elendes Bild abgab. Er war laut Drehbuch verletzt, erst drei Tage zuvor hatten sie die Szene gedreht, in der Jasons Wunden versorgt worden waren. Und es war einfach nicht fair, Jason so herzurichten, vor allem nicht, wenn Nico ihn nach dem Dreh nicht nach Herzenslust durchficken durfte. Denn Jason war ein Bild für die Götter:
Die staubige, schmutzige Uniform war an mehreren Stellen zerrissen, und Jasons hochgewachsene Gestalt passte perfekt in eine Uniform. Obwohl Jason nach eigenem Bekunden überzeugter Pazifist war, gab er tolle Soldaten oder Krieger ab, egal, ob es sich um einen Sternenkrieger in einer SciFi-Serie handelte, um einen kriegsmüden Schwerthelden in einem Fantasy-Epos, der den jungen Einzelkämpfer ausbildete, oder wie jetzt einen sowjetischen Offizier.
Die Maske hatte ganze Arbeit geleistet, dazu kam der zehn Tage alte Stoppelbart, der das Gesicht verfremdete, aber das i-Tüpfelchen war der kurze Haarschnitt, dem Jasons in letzter Zeit schulterlange Strähnen zum Opfer gefallen waren. Was an Haar noch stand, war nach vorn gekämmt – typisch russisch –, und die Maske hatte aus seinem Gesicht alles rausgeholt, was irgendwie slawisch aussah. Jasons berühmte Wandlungsfähigkeit kam wieder einmal voll zur Geltung – selbst seine Fans würden ihn wohl nur an der Stimme erkennen, davon war Nico überzeugt.
Der Mann war gefesselt, und die aufgerollte Uniformjacke entblößte seine starken Unterarme, das Seil betonte nur die knochigen Finger seiner Hände. Nico betrachtete versonnen die langen Beine und den Arsch, und fügte seiner inneren Liste von Outfits, die er öfter an Jason sehen wollte, Uniformhosen hinzu. Dass er da noch nicht früher drauf gekommen war … Nico grinste und ließ zu, dass der Typ von der Maske ihn kurz abpuderte. Er selbst fühlte sich in seinen Kampfhosen und Stiefeln auch ganz anders.
Der Regisseur setzte sich, dann …
»Klappe!«
Nico konzentrierte sich voll auf seine Rolle. Nico Peterson wurde zu einem Mann, der selbst im Drehbuch keinen Namen besaß. Das irritierte ihn, und das war die Absicht des Regisseurs, der sie voneinander nicht unterscheiden wollte. Denn ihm ging es um ein viel größeres Thema. Entsprechend war Nico »der CIA-Agent«. Dieser Flecken Rocky Mountains wurde zum Hindukusch, und Jason, der jetzt keuchend am Boden lag, weil er im letzten Take hingefallen war, der sowjetische Offizier.
»Steh auf, du Wichser!«, knurrte Nico, griff mit beiden Händen nach unten, packte Jason am Kragen und zwang ihn hoch. Dann rammte er ihn gegen einen Felsen, spürte den Widerstand in Jasons Körper, den Widerwillen, so behandelt zu werden, und seinen gottverdammten, unfassbar erotischen Stolz. Der Russe starrte ihn aus intensiv-grünen Augen an, die einzige Farbe in einem staubig, schmutzig, erschöpften Gesicht. Du kannst mich nicht brechen, sagte dieser Blick, die Arroganz so natürlich und so überzeugend, dass Nico in seinen Kampfhosen einen Ständer bekam.
Ihre Beziehung in diesem Film war die zweier Männer, die einander auf den Tod hassten. Der Russe war der schwierigere von beiden, ein linientreuer Typ, wie eine Rückblende gezeigt hatte. Nico dagegen war der CIA-Agent, der manchmal über die Stränge schlug, ein verantwortungsloser, chaotischer Typ, dessen Karriere auf dem Spiel stand. Er hatte den Russen, der seine Truppe verloren hatte, verletzt aufgefunden und am Leben gehalten, um ihn zu befragen oder genauer, um ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln, weil der Russe sich weigerte, zu sprechen. Dann versuchte der Russe zu flüchten, was sie beide in höchste Gefahr brachte, und nach und nach wurde ihnen beiden klar, dass sie einander brauchten, wenn sie überleben wollten. In der entsetzlichen Kälte der Bergnacht mussten sie einander sogar wärmen – eine Szene, die Nico fast um den Verstand gebracht hätte, weil er Jason so nahe sein musste, wie er es nach dem Dreh nicht sein durfte, weil er seinen Geliebten spüren und riechen, aber nicht haben durfte. Im Gegenteil, der CIA-Agent war wohl straight, jedenfalls trug Nico einen Ehering an der rechten Hand.
Sie waren jetzt in der Endphase des Films, wo der Hass nicht mehr so ausgeprägt war. Und wo ein Blick von Jason genügte, ein Zucken der Nasenflügel, um Nico noch härter zu machen. Verdammter »Keuschheitsgürtel-Vertrag«.
»Es ist nicht mehr weit. Steh auf!«, brüllte der CIA-Agent seinen Gefangenen an, der sich redlich mühte, sich voran zu schleppen. Jason stellte die völlige Erschöpfung überzeugend dar – ihm knickten die Knie durch, er keuchte, und nach einigen langen, endlos erscheinenden Momenten war es der nackte Stolz, der ihn wieder auf die Beine brachte. Das passte so gut zu Jason, dass Nico wohlig schauderte.
Der CIA-Agent drehte den Russen gewaltsam halb herum, flache Hand zwischen den Schulterblättern, und schob ihn unsanft weiter den Berg hinauf. »Wir müssen über den Pass, oder wir gehen beide drauf.«
»Wozu?«, fragte Jason, der russische Akzent so verdammt echt.
Aber der CIA-Agent ließ sich nicht beirren, sondern schob, zerrte, bugsierte seinen Gefangenen weiter den Berg hoch, stieß ihm immer mal wieder die Hand in die Rippen, bis Nico in einem Moment die starke Schulter umfasste und die Berührung einen Moment zu lang dauerte. Fand er. Er erschrak – er wollte keine Wiederholung des Takes, aber der Regisseur hatte es vielleicht nicht mitgekriegt. Oder passte es zur Rolle? Oder mochte er den Hauch von Improvisation, dieses sadistische Arschloch?
(…)