Grüne Augen (2004)

Vorrede: Diese Geschichte ist meinen Onkel Curt gewidmet. Erschienen ist sie 2004 in der Anthologie Deus Ex Machina des Wurdack Verlages, herausgegeben von Armin Rössler und Dieter Schmitt.

Image Hosted by ImageShack.us

Grüne Augen

Er war ein zart besaiteter Killer, keiner der hirnlosen Schlächter, die nahmen, was kam. Das dauerte natürlich, aber er stand nicht unter Zeitdruck. Außerdem hatte er Anstand, Moral, wie sein Pate es nannte.

Anstand, sinnierte Andres Turell, konnte er sich mittlerweile sogar leisten. Wie alles, was es zu kaufen gab. Er brauchte den Job nicht mehr – einige Tausender pro Nacht waren jedes Mal drin, und im Vergleich zu seinen Berufskollegen lebte er wie ein Asket. Keine der verdrahteten Neuro-Huren, mit denen man sich verkabelte, um in der Matrix zu vögeln, keine speziell auf den Metabolismus zugeschnittenen Drogen, keine ‚Happy Suits’-Designerklamotten, die Glücklichmacher abgaben.

Sein Geld gab er für Verbesserungen aus. Augen, die mit Restlichtverstärker oder Infrarotlicht sehen konnten, Reflexe, die ihn schneller machten – sogar schneller als die Sportler, die ausnahmslos geboostet waren – ein Geschenk des Paten an seine Killer zum Dienstjubiläum. Kürzlich erst hatte er seinen Körper mit verstärkten Muskeln und Knochen ausgestattet.

Das alles verbarg sich hinter einer gefälligen italo-amerikanischen Fassade. Schwarzes, halblanges Haar, blaue Augen mit einem Stich ins Grüne, sonnengebräunte, von Schönheitschirurgen geglättete, makellose Haut. Aufgrund der Trainingsprogramme (Andres hörte seinen Paten Fortbildungsmaßnahmen sagen) war er athletisch und gewandt.

Jemand, der jetzt tot war, hatte einmal gesagt, er sehe aus wie ein Filmstar. Richtig, er sah nicht aus wie ein Jäger, sah nicht aus wie der Killer einer Mafia, die in Südamerika ein neues Vorbild gefunden hatte.

Mafia, das hatte einmal Stolz bedeutet.

Nur, wer wusste das noch? Nicht der außer Mode gekommene christliche Gott und die New-Age-Götzen wie Krishna oder die außerirdische Intelligenz Seth, die eine Religion ins Leben gerufen hatte. Keiner von denen kannte Antworten auf das, was ihn beschäftigte.

Nach dem Bancroft-Skandal waren Kirchen geplündert worden.

Früher, als Andres eben erst begriffen hatte, dass er seinem Paten gehörte, da hatte er in einer Kirche vor einem Heiligen gelegentlich eine Kerze angesteckt und sowohl für seine Seele als auch für das Heil seiner Opfer gebetet. Aus einer der geplünderten Kirchen stammte eine bemalte Holz-Madonna, ein altes Stück, bestimmt ein paar hundert Jahre alt. Ihre segnende Hand war abgebrochen. Das war das Einzige, was er noch mit Religion zu tun hatte.

Und der Pate, der Herr über Leben und Tod? Auch der Herr über ein zweites Leben, für viel Geld. Seit zu vielen Jahren hatte die Mafia sich aus ihren traditionellen Geschäften zurückgezogen. Nun gab es für Killer wie ihn andere Aufgaben.

Andres überprüfte seine Ausrüstung. Seit dem Beschluss des Senats, dass mit Betäubungsgeschossen geladene Waffen nicht illegal waren, konnte er jeden Polizisten freundlich anlächeln, wenn dieser wissen wollte, was das für eine unterarmlange, schlanke Waffe war, die er bei sich trug. Und Spritzen waren nie illegal gewesen.

Andres lächelte viel; er war unverwundbar. Der Schatten des Paten stand hinter ihm. Selbst, wenn jemand nicht auf Anhieb erkannte, zu wem er gehörte (die privaten Sicherheitsdienste hatten eine Zeit lang diese unangenehme Angewohnheit, solange, bis auch sie bis unter die Achseln geschmiert waren), würde Andres niemals länger als einige Stunden im Knast sitzen. Und verurteilt? Die Gerichte hatten längst aufgehört, Leute wie ihn zu verurteilen.

Andres kontrollierte die Waffe, während er an der Straßenecke stand, und legte sicherheitshalber noch eine Dosis ein. Dann klappte er das Gewehr zusammen.

Das einzige, was ihm das Genick brechen könnte, war das Missfallen des Paten. Der Pate verfügte über Möglichkeiten, die selbst Andres kaum einschätzen konnte. Auch das hatte sich verändert. Keine Familie mehr, die Mafia war nur ein Konzern, der versuchte, familiär zu wirken. Sollte ihm bei einem Essen der Wein von der falschen Seite aus eingeschenkt werden, war er tot. Und der Pate würde seine Überreste mit Gewinn verkaufen; vielleicht der Grund, weshalb er technische Verbesserungen seiner Killer immer gern bewilligte.

Andres musterte die Passanten, er sondierte, er suchte. Gegenüber vernarbte eine Neonreklame die Nacht – flackerte in tausend Farben über Gesichter, Häuserwände, Autos, brach sich in Fenstern und erfüllte die Stadt mit ihrem Geisterlicht.

In seinem Geschäft hatte es wenig Sinn, früh aufzustehen. Morgens war niemand in der Stimmung, sich auf einen Fremden einzulassen. Mittags auch nicht. Erst abends waren Andres’ Opfer unterwegs. Viele einzelne, nicht mehr Familien, Pärchen, sondern die ruhelos Suchenden, die Umherschweifenden, Streunenden, Motten, die man mit wenig Mühe anlocken konnte. Sie waren einsam, ohne Partner, ohne Familienanhang. Willige Opfer. Oder … beinahe willig. Sie stellten der neonerleuchteten Nacht Fragen. Ihre Gesichter spiegelten Schwärmerei, die Bereitwilligkeit, sich entführen zu lassen, zu flirten.

Mit ihm, Andres, zu flirten.

Andres warf einen Blick auf das Gewehr. Sie kamen gerade recht.

Und da war der Erste.

Ein gut gewachsener Mann mit weichem Gesicht, modisch blass, was ihn noch weicher, noch sanfter aussehen ließ. Dieser musste es sein.

Aber er war kein hirnloser Schlächter.

Andres suchte seinen Blick, fand ihn, ein leicht verwunderter Ausdruck in den großen Augen. Etwas durchfuhr Andres, langsam setzte er sich in Bewegung.

Der junge Mann blieb stehen.

Es war bereits zu spät. Wenn er gerannt wäre, hätte ihn das nicht mehr gerettet, dann hätte Andres das Gewehr gehoben, angelegt, geschossen. Die Falle war zugeschnappt.

Nur einen Schritt von seinem Opfer entfernt verharrte der Killer. Er lächelte charmant. “Ich suche etwas�?, sagte er dann und starrte dem jungen Mann in die Augen. Grüne Augen.

Als er das überraschte und geschmeichelte Lächeln sah, wünschte sich Andres, der andere hätte keine grünen Augen. Er wünschte es oft.

“Kann ich dir helfen?”

“Ich denke schon”, antwortete der Killer und bannte sein Opfer mit einem hinreißenden Lächeln. Nichts davon war gelogen. Er log sie nicht an. Nie.

Der andere erwiderte das Lächeln und blieb an seiner Seite. “Wohin gehen wir?”

“Wo wir ungestört sind”, antwortete der Killer. Er umfasste die Schultern des Mannes, spürte ihn unter seinem kräftigen Griff wohlig schaudern. Er wusste, was im Kopf seiner Opfer vorging. Sie hatten es ihm oft genug gesagt. Sie hatten ihn umschmeichelt, die Motten, und er verbrannte sie. Unweigerlich.

Manche hatten sogar erkannt, was er war. Meist die, mit denen er vorher geschlafen hatte. Als er das Private und das Geschäftliche noch nicht hatte auseinander halten können.

Sie gingen eine Zeit lang nebeneinander her, und der junge Mann schmiegte sich an Andres. Beinahe genoss der Killer die Wärme des anderen Mannes und gleichzeitig durchzuckten ihn Bilder. Fleischbrocken.

Sie waren in ein gesperrtes Viertel geraten, Abrissmaschinen und Trümmer hoben sich gegen den Vollmond ab. Andres zog den Jungen hinunter auf ein altes Sofa, das jemand den Nachtschwärmern zur Verfügung gestellt hatte. Sperrmüll gab es hier nicht mehr. Nur Gelegenheiten, um so etwas wie Menschlichkeit zu finden.

“Wer bist du?”

“Andres”, antwortete der Killer und zog ihm das Hemd aus.

“Ich heiße Damiano … Ich weiß, das ist ein seltsamer Name, aber meine Mutter mochte den altertümlichen Klang. Gefällt er dir?”

Andres hielt inne. Die haarlose, bleiche Brust lag verletzbar unter ihm. “Könnte italienisch oder spanisch sein”, brummte er schließlich.

Mit der Hand, die Damiano nicht sehen konnte, zog er eine fertig präparierte Spritze aus der Schlaufe in seinem Mantel.

Damiano versuchte, ihn zu umarmen. “Ich sollte nicht so viel reden, ich weiß. Nicht schlimm. Du brauchst nichts zu sagen.”

Andres stockte der Atem, und doch nahm er sanft, aber bestimmt Damianos Arm von seiner Taille und legte sie auf das Polster. Mit zwei Fingern tastete er nach einer Ader und legte die Spritze an. “Hab keine Angst, Kleiner. Das macht es … leichter”, sagte Andres und lächelte erneut, wie er hoffte, ermutigend.

Damiano war anzusehen, dass sich etwas in ihm sträubte, sich so anzuvertrauen. Er atmete zischend ein, als die Nadel seine Haut durchstieß.

Der Killer zog erst Blut in die Spritze und leerte sie dann in den Arm. Viele seiner Kollegen verzichteten darauf, sie schlugen das Opfer bewusstlos und begannen dann. Töten konnte man sie nicht sofort – es musste alles geschehen, während sie noch lebten.

Damianos Körper entspannte sich, er verdrehte die Augen, versuchte dann, ihn wieder zu fixieren und lächelte verblüfft. “Andres, das … das …”

Andres legte die Instrumente zurecht. Die Straßenlaterne gab nicht genug Licht, aber sein Wagen stand um die Ecke. Er würde einen kleinen Scheinwerfer holen. Er stand auf.

“Wo … wo-wohin …�”

“Ich bin gleich wieder da, Kleiner”, sagte Andres, dem es unmöglich war, den Namen auszusprechen. Wer, verdammt, hatte diesen Bastard nach seinem Namen gefragt?

Er legte die Entfernung im Laufschritt zurück. Es zählte jede Minute, die eigentliche Arbeit würde lange dauern. Der Scheinwerfer war nicht so hell, aber er musste den Schatten ausleuchten, wenn er sich über das Opfer beugte.

Als der Scheinwerfer aufflammte, blinzelte der Junge. Er blickte auf Andres’ Hand, die in einem Chirurgen-Handschuh steckte und eine Spritze hielt.

Dann sank er zurück.

Andres setzte mit kundiger Hand weitere Spritzen. In den einen Augenmuskel, um sie ruhig zu stellen, dann in den anderen, um den Lidschluss zu verhindern, und jeweils eine Spritze hinter das Auge.

Er hörte die Stimme der Chirurgin, die ihm – und seinen Kollegen – den Eingriff beigebracht hatte: “Besonders schmerzempfindlich sind das Integument, Conjuctiva und Cornea, und die vordere Urea, Iris und Ciliarkörper …”

Ihm bedeuteten die Fachbegriffe nichts, obwohl er mittlerweile ein passabler Chirurg war.

Auch der Rest interessierte ihn nicht, er entnahm den Glaskörper, das, was er früher als Auge bezeichnet hatte. Erst rechts, dann links. Muskeln, Sehnerv ließ er einfach dran.

Blutige Arbeit, denn gerade hier verliefen viele Adern.

Und leere Augenhöhlen starrten ihn an, während er das ganze Augengebilde jeweils mit einem Korsett umgab, damit es nicht deformiert wurde.

Der Junge war vermutlich bereits tot, oder er starb. Für einen schmerzhaften Augenblick erinnerte Andres sich an den Namen, Damiano, doch der Augenblick verging. Andres suchte nicht mehr nach einem Puls, er ging zu seinem Wagen, verstaute das erste Paar Augen dieses Abends und griff nach seinem Sprechfunkgerät. “Andres. Ich bin hier fertig”, gab er durch.

Er kehrte zurück zu der Leiche des jungen Mannes. Grüne Augen waren in Mode und damit ein Vermögen wert. Die Medizin oder Schönheitschirurgie hatte zwar noch nicht die Möglichkeiten, eine Iris dauerhaft einzufärben, wohl aber, ein ganzes Auge zu transplantieren.

Wenige Minuten später kam ein Wagen mit seinen Kollegen, vier Killer von kleinerem Kaliber. Sie stiegen aus.

“Na, bist aber früh dran heute”, lachte einer und blickte dann den leblosen Körper an. “Junges, belastungsfähiges Fleisch. Große Klasse. Der Herr hat heute einen erlesenen Geschmack.”

Andres nickte. “Das wird wohl so sein. Macht ihr hier weiter, ich muss mich um die Bestellung kümmern.”

Einer der anderen Killer, ein lebhafter Typ mit goldenen Ersatzaugen, die wie die eines Wolfes im Dunkeln schimmerten, brach den Brustkorb des Opfers auf.

Organe waren nach wie vor knapp. Ein zweites Herz, ein Paar Nieren, es war schlicht alles zu bekommen. Die Presse berichtete immer wieder über ausgeschlachtete Körper.

Heute Nacht würden es fünf sein.

Einige Tausender mehr.

Einige Gebete weniger.