Blakharons Fluch (2000)
Vorrede: Dieses Buch entstand 1999 in einer Planungssitzung in einem Eiscafé. Andere Leute reden über ihre Beziehungkisten; Christian und ich plotteten ein Buch. Das erste Mal, dass ich ernsthaft kreativ kooperierte. Wir schrieben die Kapitel im Wechsel, und lektorierten uns dann gegenseitig. Betreut wurde das Buch wunderbar von Momo Evers. Das Buch ist vergriffen, einzelne Exemplare tauchen schonmal hier oder bei Ebay auf. Ich wollte mit FanPro darüber reden, es hier komplett online zu stellen.

* * * * * * *
Klappentext: “Als der Bannstrahler Praiodan von Weissfels auszieht, um einem Paktierer das Handwerk zu legen, ahnt er noch nicht, in welche Gefahren diese Mission ihn und seine Begleiter stürzen wird. Gemeinsam mit der rätselhaften Elfe Silanandra Sternenlicht, einer mutigen Draconiterin und seinem ergebenen Schüler Sandres begibt er sich in den Schlund der Dunkelheit und muss erkennen, wie nahe Treue und Verrat, Gerechtigkeit und Rache beieinander liegen …”
* * * * *
Ucurian Jagos falkengleicher Blick blieb auf den Ausbilder der Gruppe junger Bannstrahler gerichtet, während er seinen Ratgeber ansprach. �Ihr meint Praiodan von Weißfels?�
Der Ratgeber trat respektvoll an seine Seite und deutete auf den Schwertmeister unten im Hof, der soeben einen der Schüler mit der behandschuhten Hand heranwinkte, um ihm eine Lektion zu erteilen. �Das ist er, Herr.�
Ucurian Jago beobachtete den Schwertmeister eine Weile. Von hier oben, vom Balkon von Jagos Studierzimmer aus, wirkte die Burg so gewaltig, dass einzelne Menschen in ihr kaum größer oder bedeutsamer als Ameisen schienen. Aber in der Betriebsamkeit und der kämpferischen Entschlossenheit der Bannstrahler unten im Hof war doch der Mann, auf den der Ratgeber deutete, leicht auszumachen. Es war weder seine Größe noch sein Aussehen; es war die Weise, wie das Licht um ihn herum heller zu sein schien – wie das Sonnenlicht sein Haar aufblitzen ließ als sei es Metall. Was Ucurian sah, gefiel ihm.
Wenn es nur um eine gewöhnliche Hexe gegangen wäre, oder um einen einzelnen Ketzer … Aber dieser Fall lag komplizierter, und Ucurian zögerte. Diese Dinge mussten wohl überlegt sein, und doch duldeten sie keinen Aufschub.
“Wenn Ihr gewiss seid, dass er der rechte Mann dafür ist, so sorgt dafür, dass er heute Abend an meinem Tisch speist. Danach wünsche ich ihn persönlich zu sprechen.â€?
�Sehr wohl, Herr.� Der Ratgeber raschelte mit seinen Notizen. �Es gibt keinen besseren Mann für diese besondere Mission.�
Jago nickte leicht. �Ich weiß.�
Praiodan bemerkte nicht, dass der Hochmeister des Ordens seinen Kampf studierte. In der Tat war er es gewohnt, dass man ihn anstarrte. Es war Teil seines Lebens, wie die Sonne Teil des Tages war.
Das übliche Treiben der Burg Auraleth kümmerte ihn nicht. Zu gut kannte er die Abläufe innerhalb der Festung, das Lärmen, den endlosen Strom von Karren, die Waren brachten und leer wieder nach Weiden oder in die umliegenden Gutshöfe zurückkehrten, zu gut kannte er den Anblick der gesichtslosen Knechte und Mägde, die den Bannstrahlern die mannigfaltig anfallenden niederen Arbeiten abnahmen.
Er war längst nicht der einzige Schwertmeister, der sich den späten Nachmittag und diesen Innenhof ausgesucht hatte, um seine Schüler auszubilden. Von weiter hinten hörte er den einäugigen Rordrim brüllen, der einen Schüler für einen Fehler zurechtstutzte.
Ja, dachte Praiodan, Rordrim wählte den Nachmittag, weil die Schüler so lernten, den Stand der Sonne in ihre taktischen Überlegungen einzubeziehen. Den Gegner zu blenden und aus der Sonne heraus anzugreifen - wie passend für einen Veteranen des Bannstrahls wie Rordrim. Als Rordrim damals ihn ausgebildet hatte, wie verblüfft war der alte Krieger gewesen, dass er diese Dinge bereits wusste. Der Anflug eines Lächeln kräuselte Praiodans Lippen.
Praiodan stand mitten auf dem Waffenhof, seitlich vor der Gruppe Schwertschüler, Angar, sein heutiges Opfer, ihm gegenüber. Er hatte das Langschwert trügerisch gesenkt, und wartete darauf, dass sich Angar dazu durchrang, ihn endlich anzugreifen. Dieser aber umkreiste ihn zuerst mit den vorsichtigen Schritten eines ungeübten Seiltänzers. Auch das würde ihm nichts nützen.
Zu gut war der letzte Übungskampf in Angars Gedächtnis geblieben. Praiodan verfluchte sich, dass er ihm beim letzten Mal Angst eingejagt hatte, statt ihm nur seine Fehler zu zeigen. Er blickte in die unsteten, mit Schreck erfüllten, blauen Augen, die nervös auf ein Zucken in seiner Schulter oder Hüfte warteten, das dem Schüler verraten würde, was der Meister im Schilde führte.
So, wie Angar ihn anblickte, fragte sich Praiodan, wie dieser reagieren würde, wenn er sich tatsächlich bewegte. Das Schwert fortwerfen und panisch wegrennen, vermutete er. Es würde sehr viel Zeit kosten, aus diesem Jungen einen Krieger zu machen. Falls es überhaupt möglich war und er nicht bei den Gelehrten oder Knechten besser aufgehoben wäre.
Schließlich war er es leid, auf eine Aktion seines Schülers zu warten. Blitzschnell schlug er zu. Mit einem Ausfallschritt und einer halben Drehung stand er plötzlich neben Angars Schulter und trat diesem von hinten hart in das rechte Knie. Überrascht aufschreiend, ging der Junge schwer und ungelenk zu Boden. Bevor er noch verstanden hatte, was geschehen war, richtete Praiodan bereits das stumpfe Übungsschwert auf sein Gesicht.
Praiodan starrte ihn an. �Du hast den Kampfgeist eines Schweinehirten, Angar.�
Niemand aus der Gruppe wagte zu lachen. Die anderen jungen Schüler blickten mit einer Mischung aus Respekt und Faszination auf das Schwert ihres Lehrmeisters, als er es wieder fort steckte.
Tiefrot vor Scham rappelte sich Angar wieder hoch.
Praiodan seufzte und musterte die sieben Halbwüchsigen, deren Schwertkampfausbildung seit einigen Tagen zu seinen Aufgaben gehörte. Es war keiner dabei. Keiner, der wirkliches Talent mitbrachte. Ihre weichen Kindergesichter waren nur von der Hoffnung erfüllt, er möge es für heute gut sein lassen und sie verschonen. Bis morgen. Und morgen würden sie wieder vor ihm kuschen wie verschüchterte Welpen. In keinem der auf ihn gerichteten Augenpaare glommen Trotz oder gar Kampfgeist.
Der Übungsplatz der stolzen Feste Auraleth erstreckte sich in der nachmittäglichen Hitze in flimmernde Fernen. Bannstrahler und Gesinde gingen ihrem Tagewerk nach, die Wachhunde lagen faul und dösend im Schatten der Mauern und betrachteten die Staubwolken, die die Schritte von Mensch und Tier empor wirbelten.
Rordrim erging sich in einer seiner endlosen, theoretischen Predigten, die keiner seiner Schüler verstand. Über die Reinheit des Bannstrahls, die Ehre des praiosgefälligen Kriegers, über die Gesetze, die einen wahren Gläubigen binden. Über die Feinheiten des Inquisitions-Codex‘. Es hatte wenig Sinn, Schwertschüler damit zu langweilen, die kaum Arme und Beine koordinieren konnten, ohne sich zu verletzen.
Praiodan ließ einen seiner Schüler vortreten. �Hol mir Sandres Atjan.�
Der Schüler nickte und rannte los. Praiodan löste die Scheide des Übungsschwertes von seinem Waffengürtel und ersetzte es durch die Schwertscheide, in der sein eigenes Schwert ruhte.
Die schweren Handschuhe wieder strammziehend, sagte Praiodan leise und bedächtig, als spreche er nur zu sich selbst: �Der Götterfürst herrscht über jeden Augenblick des Kampfes, vom ersten Blick bis zum letzten Stoß. Er gebietet uns, dem Gegner mit Respekt zu begegnen, und ihn ohne Furcht zu bekämpfen. Jedoch muss der Gegner sich dieses Respekts als würdig erweisen. Wer wie ein Schweinehirt kämpft, wird wie ein Schweinehirt sterben.�
Aus dem Augenwinkel sah er Angar, der nahezu purpurrot geworden war. Auch die anderen scharrten nervös im Staub des Kampfplatzes herum. �Um euch einen Geschmack davon zu geben, wie ihr kämpfen sollt, werde ich euch nun einen richtigen Kampf zeigen.�
Und da nahte bereits sein Gegner; Sandres Atjan trug noch den Bognerhandschuh und die Armschiene, die den Unterarm vor der vorschnellenden Sehne des Langbogens schützten. Vermutlich hatte ihn der Schüler bei seiner Lieblingsbeschäftigung unterbrochen. Sandres‘ Gesicht unter dem schwarzen Schopf war von der Anstrengung gerötet, aber Praiodans erster und bester Schüler bewegte sich mit der selbstverständlichen Zuversicht und Kraft, die einen wirklichen Krieger auszeichnete. Praiodan betrachtete ihn stolz.
Sein Schüler war bereits in den Rang eines Leutnants aufgestiegen. Nur eine wirkliche Schlacht konnte Sandres noch den letzten Schliff geben. Mit Genugtuung bemerkte er, dass Sandres ebenfalls sein Schwert gegürtet hatte.
�Ihr habt gerufen, Hauptmann?� fragte Sandres ernst, nachdem er sich knapp verneigt hatte.
�Zieh dein Schwert und kämpfe.�
�Sehr wohl, Hauptmann.�
Praiodan wich einige Schritte zurück, um seinem Schüler mehr Raum zu geben, zog das Schwert und grüßte ihn, sobald Sandres Aufstellung genommen hatte. Aufrecht wie ein junger Baum stand Sandres vor ihm, formvollendet, leichtfüßig und wachsam wie ein Leopard. Das Licht der Sonne brach sich auf der scharfen Klinge von Sandres Schwert. Die umstehenden Schüler bemerkten mit Unruhe, dass dieser Kampf mit richtigen Waffen ausgefochten werden würde.
Die Gefahr des Kampfes mit dem blanken Stahl, so gering sie für ihn in dieser Situation auch sein mochte, pumpte Aufregung und eine finstere Freude durch Praiodans Adern.
Kein Umkreisen, kein Lauern, kein Abwarten. Sandres brach über ihn herein wie ein Gewitter.
Ihre Klingen sangen ihr stählernes Lied, als Praiodan seinem Schüler mit gleicher Wucht begegnete. Er kannte jedes seiner Manöver, schließlich hatte er sie ihm beigebracht. Aber Sandres war ein ausgezeichneter und ungeheuer schneller Kämpfer. Praiodan musste alle Erfahrung und Raffinesse aufbieten, um Sandres‘ Klinge wieder und wieder abzufangen, deren Hiebe exakt und mit großer Kraft geführt waren.
Mit einer gewaltigen Anstrengung, die ihm die Schweißperlen auf die Stirn trieb, wendete Praiodan das Blatt. Er unterlief Sandres‘ Angriffsserie und hieb ihm das Schwert in die ungeschützte Seite. Im letzten Augenblick drehte er die Klinge, bevor sie auf Sandres` nur mit einem wattierten Wappenrock geschützten Oberkörper auftraf. Der Hieb presste seinem Gegner die Luft aus den Lungen.
Praiodan wich zurück wie ein Wolf, der die erste Wunde gerissen hat.
Sandres hustete, hielt sich die Seite und wich ebenfalls zurück.
�Nicht zu viel Kraft�, mahnte Praiodan. �Du öffnest dich zu sehr.� In der Tat war die Lücke in der Deckung nur winzig gewesen, aber es war Fehler genug, um im Kampf gegen einen weniger freundlich gesinnten Gegner sein Leben zu lassen.
Sein Schüler nickte zum Dank für die Warnung und sammelte sich für den nächsten Waffengang.
Praiodan, der diesen Kampf gleichermaßen aus Freude und als Exempel für seine anderen Schüler focht, ging nun seinerseits zum Angriff über. Er täuschte einen Schlag gegen die bereits wunde Seite an. In einem scharfen, riskanten Manöver drehte er die Klinge. Er traf Sandres‘ Schulter, als dieser versuchte, die Finte abzuwehren. Erneut traf die breite Seite des Schwertes mit voller Wucht, kaum durch den Wappenrock gedämpft.
Sandres keuchte wieder auf. Er wusste gut, dass sein Lehrer keine Aufgabe akzeptieren würde, um die er leichthin bat. Sie kannten einander bereits zu gut dafür.
Mit großer Freude sah Praiodan, wie sich sein Schüler gegen die Schmerzen stählte, die beiden schweren Treffer ignorierte. Mehr noch – Sandres konterte mit einem noch immer präzisen und kraftvollen Gegenangriff und wandelte diesen sogar in eine neue Serie um. Diese zwang Praiodan, fast zehn Schritt zurückzuweichen, während er unablässig Paraden ausführte. Unmöglich für ihn, dabei einen einzigen Schlag anzubringen.
Schließlich, als Sandres seine Schnelligkeit in die Waagschale warf, traf sein Schwert Praiodan am Oberschenkel. Der dumpfe Schmerz, den die breite Klingenseite verursachte, zuckte bis zu seiner Kehle hoch.
Praiodan beschloss, dass es nun genug war. Er bot Sandres eine Schwäche an, eine Lücke in seiner Verteidigung. Sandres, ebenfalls darum bemüht, den Kampf rasch zu beenden, nahm die Gelegenheit wahr. Er schlug zu - nur um verblüfft auf seine Hand zu blicken, als Praiodan ihn mit einer raschen Drehung des eigenen Schwertes entwaffnete.
Praiodan fing die Klinge geschickt mit dem gepanzerten Handschuh auf und reichte sie, Griff voran, seinem keuchenden Schüler. �Gut gemacht�, sagte er knapp und klopfte ihm auf die Schulter.
Sandres grinste jungenhaft und nickte. â€?Schöner Kampf … Hauptmann.â€?
Mit vor Ehrfurcht offenen Mündern blickten nun die anderen Schüler ihren Schwertmeister an. Natürlich, so dachte Praiodan, hatten sie nur die Oberfläche des Kampfes gesehen, aber es mochte ihnen eine Ahnung geben, worum es ging, und eine noch deutlichere Ahnung von dem, was er von ihnen erwartete. Praiodan sah, wie tief sie die Vorführung beeindruckt hatte und nickte knapp.
“Ihr seid entlassen.â€?
Für gewöhnlich stoben sie daraufhin davon wie gehetztes Wild, diesmal jedoch zogen sie gemeinsam zum Schülertrakt der Burg zurück. Die Stilleren sehr nachdenklich, die zwei Offeneren diskutierend, wie ihr Lehrmeister es wohl zustande gebracht haben mochte, Sandres zu entwaffnen.
�Sie machen Euch Sorgen, Hauptmann?�
�Allerdings. Ich scheine sie eher zu erschrecken, als dass ich sie ausbilde�, erklärte Praiodan mit einem knappen Lächeln. Er schob das Schwert in die Scheide zurück und blickte Sandres forschend an.
Sandres erwiderte das Lächeln. �Ihr macht jedem Schüler Angst, Praiodan. Mein Jahrgang hat Euch gehasst.�
�Deswegen sind gute Bannstrahler aus ihnen geworden�, entgegnete Praiodan. �Das war meine Aufgabe, und ich habe sie erfüllt.�
Die Sonnenuhr am zentralen Hauptturm der Burg verriet ihm, dass er die Stunde bereits wieder verlängert hatte. Es fiel ihm schwer, Schwertkampf nach einem festen Zeitplan zu lehren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie nach diesem Kampf noch weiter in der Schwertkunst unterrichtet, bis in die Nacht hinein, wenn es nötig gewesen wäre.
Aber das Leben auf der Ordensburg war nach anderen Gesetzen geregelt, Gesetze, auf die er keinen Einfluss hatte. Geduld, mahnte er sich. In den nächsten zwei Jahren würde er sie zu Kriegern formen, die die Bezeichnung Bannstrahler verdienen und Praios‘ Ehre mehren würden. Weitere Krieger, die das Böse aufspüren und vernichten würden. Es war ein geringer Preis für die Tatsache, dass sie alle vermutlich jetzt zu spät zum Abendessen kamen. Kurz dachte er an den dicklichen Erend; Schüler wie ihn würde es ohnehin nicht umbringen, ein Abendessen zu verpassen.
Sandres deutete seinen Blick richtig und nickte. �Bis später dann, Hauptmann.�
Praiodan ging mit der Würde, die untrennbar mit seiner Stellung als Ausbilder verbunden war, in den Haupttrakt der Burg, wo sich seine Kammer befand. Auraleth als Burg zu bezeichnen, war, als bezeichnete man Gareth als Dorf. Auraleth war eine eigene Stadt, die vielen hundert Kriegern Unterkunft bot, eine wahre Festung des Lichtes, unbezwungen und unbezwingbar.
Der hellgraue darpatische Granit machte sie mehr trutzig als schön, aber, so dachte Praiodan, eine so perfekt geplante und angelegte Festung hatte ihre eigene Schönheit. Befestigte Wehrgänge, von niedrigeren Mauern durchschnittene Innenhöfe, von denen jeder einzelne hervorragend verteidigt werden konnte, kantige Wehrtürme, die bis zu den breiten Zinnen mit Waffen, Pfeilen und Pech angefüllt waren - nein, Auraleth war keine Festung. Sie war viele Festungen.
So trutzig und gut befestigt sie von außen war, so trutzig und fest in ihren Überzeugungen waren auch ihre Bewohner. Der Bannstrahl war der Praios ergebene kämpfende Arm der Inquisition, und sie stellten sich sowohl gegen menschliche Gegner als auch gegen dämonische Verderbnis, die Aventurien bedrohte.
Er stieg die Treppen hinauf, und durchmaß die weiten Gänge, die von gedämpften Gesprächen und militärisch-forschen Schritten widerhallten. Seine Vorgesetzten grüßte er mit einer Verbeugung, bei der er die Faust auf das Herz legte, seine Kameraden mit einem knappen Gruß und seine Untergebenen mit einem kühlen Blick.
Schießscharten und mit Blei eingefasste Butzenscheiben warfen dämmriges Licht in das Innere der Burg.
Schließlich öffnete er die Tür zu seiner spartanischen Kammer. Weder besaß er viel, noch hatte er etwas zu verbergen, daher verschloss er weder die Tür, noch verriegelte er sie jemals. Ein schmales Fenster gen Osten, das Bett, das so stand, das ihm morgens die Sonne ins Gesicht schien und ihn so weckte, eine dunkle Holztruhe für seine persönliche Habe am Fußende des Bettes.
Unter dem Fenster befand sich ein kleiner Praios-Altar, auf dem eine vergoldete Statue des Götterfürsten zwischen zwei Kerzen und einem Buch thronte. Praiodan kniete kurz vor der Statue nieder, dann erhob er sich wieder.
In einer Ecke des Raumes stand eine Kommode mit einer Waschschüssel und einem bauchigen, tönernen Krug, neben dem ein sorgfältig gefaltetes Handtuch lag. An einem Haken an der Wand daneben hing frische Kleidung. Seufzend legte er den wattierten Wappenrock ab, wusch sich mit dem kalten Wasser den Schweiß von Körper und Gesicht. In der Kühle und Stille des Raumes fröstelte Praiodan, der den Kampfplatz oder den Tempel seiner Kammer vorzog, und jederzeit den Kampf anstelle der Ruhe oder Einsamkeit gewählt hätte.
Schließlich prüfte er die Stelle, wo Sandres ihn getroffen hatte. Sie war gerötet und heiß, aber er bezweifelte, dass sie dunkel anlaufen würde. Er würde das Bein etwas schonen und in zukünftigen Kämpfen besser darauf Acht geben.
Als er die Stelle mit einer belebenden Kräutertinktur eingerieben hatte, deckte er sie mit einem leichten Verband ab, dann zog er eine helle Leinentunika und lederne Hosen an, dazu die blanken schwarzen Stiefel, darüber seine reinweiße, mit Gold bestickte Robe. Mit einem geölten Lappen wischte er das Schwert ab und gürtete es zum Zeichen der ständigen Kampfbereitschaft.
Ein letzter Blick in den kleinen, polierten Metallspiegel auf der Kommode verriet ihm, dass er sich so zum Abendessen begeben konnte. Sein kurzes blondes Haar war beinahe wieder getrocknet, seine gebräunten Wangen waren mit einem fast silbern scheinenden Bartschatten bedeckt und seine Haltung war einem Krieger seiner Erfahrung angemessen. Er war nicht eitel, aber er konnte erahnen, wie er auf andere wirkte. Aus einem unscheinbaren Jungen war ein beeindruckender Krieger geworden. Ein vollendeter Bannstrahler. Praios hatte ihn so geschaffen. Praios hatte sein Haar versilbert, seinen Körper braun verbrannt, seine Augen zu hellstem Saphir gebleicht. Die Schwertübungen hatten seinen Körper gestählt und seinen Sinn hart und gerecht gemacht.
Praiodan warf seinem eigenen Spiegelbild ein selbstgefälliges Lächeln zu, bevor er sich abwandte, um den Weg zum Speisesaal anzutreten, für einen Moment von dem Blick aus seinen eigenen Augen verfolgt.
Im Laufschritt eilte er zum Speisesaal und kam als Letzter dort an. Der Speisesaal von Auraleth war so gewaltig wie die gesamte Burg – er bot gewiss siebenhundert Kriegern Platz. Der Raum selbst unterteilte sich in eine große Halle und ein Podest. Essensgeruch hing in der Luft, das Geräusch hunderter Krieger, die sich auf ihre Plätze begaben, die Stühle und Bänke herumrückten und sich noch gedämpft unterhielten.
An der am weitesten entfernten Wand, der doppelflügeligen Eingangstür gegenüber, durch die zwei Fuhrwerke nebeneinander hätten hindurchfahren können, stand auf dem Podest der Tisch der Würdenträger des Ordens.
In langen Reihen waren die Bänke und Tische aufgestellt. Die Bannstrahler standen an ihren Plätzen, die Blicke auf das Podest gerichtet, wo die hohen Würdenträger darauf warteten, dass sich Hochmeister Ucurian Jago zum Mahle setzte. Und doch war ein Würdenträger offenbar noch nicht erschienen – ein Platz war leer.
Den Kopf gesenkt, wollte sich Praiodan rasch zwischen die anderen Ausbilder an seinen Platz setzen. Mit einem Anflug verlegener Panik stellte er fest, dass an dem Tisch, an dem er gewöhnlich mit den anderen Ausbildern aß, kein Platz mehr frei war. Jetzt verstellte ihm ein Page den Weg. �Hauptmann von Weißfels?�
Sich der Situation unangenehm bewusst, antwortete Praiodan mit gesenkter Stimme: �Der bin ich.�
�Der Hochmeister bittet Euch an seinen Tisch. Folgt mir.�
Verwirrt folgte Praiodan dem Pagen und trat respektvoll auf das Podest. Der Erwählte, Ucurian Jago, eine in Würden ergraute schlanke Gestalt im prächtigen goldenen und weißen Ornat eines Hochmeisters nickte ihm kurz zu, schien aber durch ihn hindurchzublicken. Praiodan verneigte sich tief vor ihm und den übrigen Würdenträgern. Dann zog ihm der Page den schweren Stuhl zurück. Der leere Platz war tatsächlich für ihn bestimmt gewesen.
Nur bei einigen der jüngeren Schüler brach Getuschel aus, die älteren Krieger bezähmten ihre Verwunderung. Praiodan selbst hatte alle Mühe, seine Nervosität zu verbergen. Die durch die Exerzitien verursachte Müdigkeit half ihm dabei, ruhig zu bleiben.
Erst, als Ucurian Jago sich setzte, nahmen die anderen Bannstrahler ebenfalls Platz, mit ihnen Praiodan. Stille kehrte ein. Während des Mahles wurde geschwiegen.
Ein Mitbruder trat an ein Lesepult, wo, wie stets zu den Mahlzeiten, Passagen aus den heiligen Büchern des Praios gelesen wurden: “Es begab sich zu Punin, deroselbst dem Zorne Praios‘ überantwortet wurden fünfzehn Häretiker, die es gewagt hatten, eine Schrift wider die geheiligte Inquisition in Umlauf zu bringen. Doch nicht ungestraft - der Zorn des höchsten Alveraniers traf sie überraschend und fuhr Leuchtfeuer in die Dunkelheit, derer sie sich verschworen hatten, und bevor noch der Abend dämmerte, schworen sie ihren ketzerischen Gepflogenheiten ab und bereuten unter Tränen und Schmerzensschreien, bevor sie in das reinigende Feuer geschleudert wurden …â€?
Für Praiodan war es überaus schwierig, sich auf die Lesung zu konzentrieren, da er diese Passage des Buches bereits auswendig kannte und sich außerdem darum bemühte, sich am Tisch der Ordensoberen keine Blöße zu geben.
Niemand starrte ihn direkt an, aber Praiodan fühlte sich taxiert, gewogen und beobachtet. Auch die anderen schienen nicht zu wissen, warum ein gewöhnlicher Hauptmann zwischen die höchsten Offiziere des Bannstrahls gesetzt wurde, und diese Unsicherheit und Verwunderung nagte an Praiodans Selbstsicherheit.
Nachdem das Mahl beendet war, hätte er auf die Frage, was und ob er überhaupt gegessen hatte, keine genaue Antwort geben können.
Ucurian Jago saß zwei Plätze weiter links, zwischen ihnen saß nur ein Ratgeber, der während des Essens still lächelte. Niemand verriet ihm, warum ihm dieser Platz zugwiesen worden war, und Praiodan fragte sich unentwegt, welcher Tat er diese unverhoffte Ehre zu verdanken hatte.
Das Ende der Lesung und der Gong, der die Versammlung auflöste, kamen wie eine Erlösung, befreiten sie ihn doch von der Anspannung. Praiodan stand auf und wollte sich zum Gehen wenden, als der Ratgeber ihn ansprach, laut genug, dass es der halbe Saal hören musste. �Der Erwählte wünscht Euch in einer Stunde in seinen privaten Gemächern zu sehen.�
Praiodan verneigte sich in Richtung des Hochmeisters. �Ich höre und gehorche.�
Mit hölzernen Schritten verließ er die Halle. Er erwiderte keinen der verwunderten Blicke, zögerte nicht, blieb auch nicht stehen, um mit einem der anderen Bannstrahler zu sprechen. Erst, als er wieder in seiner eigenen Kammer war, atmete er auf. Vermutlich war es als Belohnung gedacht gewesen, oder als Auszeichnung, aber ihn erfüllte nur Unruhe ob des Bruches seiner jahrelangen Routine. Etwas sagte ihm, dass heute etwas geschehen war, etwas, das sein ganzes Leben verändern würde.
Er kniete vor dem kleinen Altar nieder, faltete die Hände und sprach einige Gebete. Es gelang ihm nicht, seinen Geist genug zu beruhigen, als dass er Praios tatsächlich seine gesamte Aufmerksamkeit hätte schenken können, und fast schuldbewusst bemerkte er, wie erleichtert er war, als ein Klopfen an der Tür sein Gebet unterbrach. Nach einer weiteren Verbeugung stand Praiodan auf und wandte sich zur Tür. �Herein.�
Sandres trat ein und verneigte sich.
Obwohl er einfach nur dankbar für Sandres‘ Gegenwart war, die ihn von seinen eigenen Gedanken ablenkte, fragte Praiodan barsch: �Was gibt es?�
Sandres räusperte sich. �Der Hochmeister hat einen Gast, Hauptmann. Einen seltsamen Gast an diesem Ort.�
�Ist das so?� Praiodan öffnete während des Gespräches die Truhe, entnahm dem groben Leinensack das frisch geölte, blinkende Kettenhemd und legte es an. Darüber zog er den weißen Wappenrock des Bannstrahles.
�Ja, Hauptmann. Da Ihr zum Erwählten gerufen wurdet, könnte Euch das möglicherweise interessieren. Vorhin ritten zwei Gäste durch das Tor. Ein Soldat und eine Draconiterin.�
Eine Draconiterin? Was mochte eine Geweihte der Hesinde in einer Burg des Bannstrahls verloren haben? Fragte sich Praiodan flüchtig, wandte seine Aufmerksamkeit dann aber wieder seinem Schüler zu.
Nun, Sandres hatte seiner scharfen Beobachtungsgabe wieder alle Ehre gemacht. Aus Sandres‘ Worten sprach aufrichtiger Stolz auf seinen Lehrmeister, so dass Praiodan sich bewusst knapp hielt, um seinem ersten Schüler nicht zu verraten, wie sehr ihn dessen Bewunderung rührte. Sandres erwartete offenbar, dass der Hochmeister ihn hatte rufen lassen, um ihm eine besonders wichtige Mission anzuvertrauen oder ihn zu befördern.
Praiodan nickte. �Interessant.�
�Noch interessanter ist, dass die Draconiterin offenbar in Eile war.�
�In Eile, nach Auraleth zu kommen?� fragte Praiodan ironisch. Er gürtete sein Schwert, und rückte den doppelt gelegten Waffengurt um seine Hüfte zurecht. �Die arme Frau. Sie muss sehr verzweifelt sein, sich an uns um Hilfe zu wenden.�
Sandres lachte auf. �Allerdings.�
�Vielleicht kannst du etwas von ihrem Leibwächter erfahren�, meinte Praiodan an, als er den Verschluss des weißen, goldbestickten Mantels an seiner Schulter schloss.
Sandres salutierte. �Sehr wohl.�
�Hast du Schmerzen?�
Erfreut über die Anteilnahme, schüttelte Sandres den Kopf. �Keine, Hauptmann.�
�Sei ehrlich.�
�Die Rippen, Hauptmann�, gestand sein Schüler.
�Lass einen Medicus nachsehen.�
�Sehr wohl. Sonst noch etwas, Hauptmann?�
�Nein, Sandres, es ist gut.� Mit diesen Worten schob er den lederumwickelten Griff der Geißel in den Waffengürtel und zog die Handschuhe an. Er konnte nicht mehr sagen. Es war unmöglich, Sandres mitzuteilen, wie sehr ihn seine Tapferkeit, Gewandtheit und Ergebenheit freuten. Es war unmöglich und unpassend, aber Praiodan war sicher, dass sein Schüler ohnehin längst wusste, dass er in ihm eigentlich einen Bruder sah, obwohl sie sich kaum unähnlicher hätten sein können.
Der dunkelhaarige, gewandte Sandres wirkte neben ihm wie ein Panther neben einem Tiger. Und doch wusste Praiodan, dass ihr Herz aus demselben Metall geschmiedet worden war. Sie waren Bannstrahler, und das einzige, was Sandres noch zur Vervollkommnung fehlte, war Erfahrung. Anders als sein leiblicher Bruder es getan hatte, würde Sandres ihn niemals enttäuschen, das wusste er.
Sandres würde werden wie er. Sandres würde ihm alle Familie sein, die er je brauchen würde, jüngerer Bruder und Sohn in einem. Praiodan schüttelte den Kopf, verdrängte die Erinnerung, die sich ihm ungebeten aufdrängen wollte.
�Soll ich Euch begleiten?� bot Sandres an, der zu spüren schien, wie nervös er war.
�Hast du heute keine Wache?�
�Erst die letzte, Herr.�
�Die Hundswache?� Praiodan grinste sardonisch. �Hast du den alten Gristan verärgert?�
�Nein. Ich sehe mir gern den Sonnenaufgang an�, erwiderte Sandres geschliffen.
Eine gute Antwort, entschied Praiodan. Keine Lüge, nur eine geschickte Finte, die von der Tatsache ablenkte, dass Sandres die Hundswache ebenso sehr hasste wie jeder Krieger.
�Recht so.� Praiodan bedeutete Sandres, ihm zu folgen. Es war noch genug Zeit, bis er erwartet würde, aber er fand sich lieber früher als zu spät beim Hochmeister ein, besonders, nachdem er heute Abend der letzte gewesen war und damit unzweifelhaft nicht den vorteilhaftesten Eindruck hinterlassen hatte.
Sandres schritt an seiner Seite, ahmte ihn in allem nach, formte sich nach seinem Bild. Seine Schritte hatten dieselbe Länge, seine Haltung war so aufrecht und stolz wie die seines Schwertmeisters.
Entgegenkommende Diener wichen mit gesenkten Blicken in die Alkoven oder Seitengänge aus, bemüht, ihnen nicht im Weg zu stehen. Auf dem hölzernen Boden der Gänge hallten Praiodans schwere, beschlagene Stiefel in einem umbarmherzigen Herzschlag, und Sandres ging so exakt neben ihm, dass die Geräusche ihrer Schritte eins wurden.
Sie waren wie der Bannstrahl, so ging es Praiodan durch den Kopf. Ein Bannstrahler war ein furchtbarer Feind, zwei Bannstrahler eine Einheit und zehn, richtig aufeinander eingestimmt und mit Praios‘ Willen ausgestattet, eine kleine Armee, willens und fähig, eine mehrfache Übermacht nicht nur aufzuhalten, sondern auch zurückzuschlagen. Das hatte der letzte Krieg mehrfach erwiesen.
�Hauptmann�, setzte Sandres schließlich an, ohne ihren Schritt zu verlangsamen.
Praiodan hob die Hand zum Zeichen, dass er Sandres zu sprechen gestattete.
�Nun, wo ich den Prüfungen entgegen sehe, fragte ich mich, ob� - nur ein leichtes Zögern in Sandres‘ Stimme verriet seine Nervosität - �ich Euch darum bitten darf, mit mir zu üben.�
Die Aussicht, seine morgendlichen Übungen nicht mehr mit einem anderen Ausbilder oder seinem eigenen Schatten auszuführen, reizte Praiodan. Er würde einen interessanten Gegner bekommen, und damit Sandres den Weg in den nächsthöheren Rang ebnen, wie er es ohnehin vorgesehen hatte. �Gut. Ich werde beginnen, wenn deine Wache endet.�
Sandres strahlte. �Ich werde Euch erwarten.�
â€?Du wirst müde seinâ€?, gab ihm Praiodan zu bedenken. â€?Die Nacht ohne Schlaf, die Hundswache …â€?
Sandres schüttelte den Kopf. �Nein, Hauptmann. Ich werde dort sein.�
Sie kamen in den zentralen Innenhof der Burg. Die Sonne war goldrot und stand tief über dem Horizont. Nur eine rot glosende Sichel spähte noch über die Außenmauern der Burg. Die Soldaten auf den Wehrgängen trugen bereits warme Mäntel – obwohl der Herbst erst vor wenigen Tagen begonnen hatte, waren die vergangenen Nächte verblüffend kühl gewesen.
Durch das offene Tor kehrte soeben eine Patrouille Bannstrahler auf müden Pferden zurück, offenbar, ohne in ein Gefecht geraten zu sein. Steifbeinig stiegen die Reiter ab, Praiodans geübtes Auge sah, wie reisemüde die Bannstrahler waren. Für jeden Bauern mussten sie jedoch so stolz und unnahbar wirken, wie sie es beabsichtigten. Eine weitere Patrouille ritt aus, nachdem der Anführer der Angekommenen mit dem Anführer der Aufbrechenden einige kurze Sätze gesprochen hatte.
Alles ruhig um Auraleth.
Durch die Vorkommnisse des letzten Krieges ungemein vorsichtig und misstrauisch geworden, ritten Patrouillen unentwegt die nähere und weitere Entfernung um Auraleth herum ab. Man erwartete den nächsten Schlag, die nächste List, den nächsten Krieg.
Praiodan blieb im Innenhof stehen und wandte sich zu Sandres um. �Bis morgen dann. Praios mit dir.�
Sandres salutierte vor ihm, und Praiodan ließ ihn stehen, nahm seinen schnellen Schritt wieder auf und eilte mit wehendem Mantel über den Innenhof. Knapp grüßte er die beiden Wachen, die vor jenem Wehrturm standen, in dem sich Ucurian Jagos Gemächer befanden. Wie der Götterfalke, nachdem er sich benannt hatte, schätzte Jago eine hochgelegene Position, um das Land und die Burg überblicken zu können.
Die Wachen ließen ihn anstandslos passieren. Offenbar wussten sie, dass er erwartet wurde. Mit der einfachen Einladung an seinen Tisch hatte der Hochmeister Praiodan allen als den Mann vorgestellt, den er zu sehen wünschte. Was auch immer das für Praiodans weitere Zukunft bedeuten mochte.
Vielleicht beabsichtigte der Hochmeister, ihn zu befördern, doch hätte er das einem Geringeren überlassen können. In seinem Rang war es unwahrscheinlich, dass er tatsächlich das Interesse eines Mannes wie Jago auf sich zog. Mit einem Kopfschütteln verdrängte er diese Überlegungen. Er würde es früh genug erfahren. Hätte Jago gewollt, dass er es wusste, hätte er ihm eine Nachricht zustellen lassen. Nein, was auch immer der Hochmeister zu tun gedachte, es bedurfte offenbar seiner, Praiodans Anwesenheit in den Gemächern des Hochmeisters.
Er stieg die steilen Turmtreppen hinauf. Der Turm war selbst großzügig angelegt, eine steinerne Wendeltreppe führte hinauf – vorbei an den Zimmern der Schreiber, der Kanzlei und dem Archiv. Fackeln in Wandhalterungen erleuchteten den Turm, aber sie erwärmten ihn nicht; die Schießscharten ließen genug kalte Herbstluft hinein, um Praiodan frösteln zu lassen.
Schließlich erreichte er das Ende der Treppe. Sein Herzschlag hatte sich etwas beschleunigt, aber der Aufstieg hatte ihn nicht wirklich angestrengt.
Er trat in den Vorraum zum Audienzzimmer. Es war nicht das letzte Geschoss des Turms, aber das einzige, das noch darüber lag, war nur durch Jagos eigene Gemächer zu erreichen. Zwei schwere, aus dunklem Schmiedeeisen gefertigte mannshohe Kandelaber erfüllten den Raum mit Licht und dem süßen, aromatischen Geruch von Bienenwachskerzen.
An einer Wand standen in einer Reihe komfortable, mit weiß-goldenem Brokat gepolsterte Stühle. Ein Page stand in einer Ecke des Raumes, wartete mit steinernem Gesicht auf Anordnungen.
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine junge Frau verließ Jagos Audienzzimmer. Sie war in die grüne Robe der Draconiter gekleidet, und ihr rotes Haar fing das warme Kerzenlicht überaus vorteilhaft ein. Offensichtlich war sie bester Laune. Mit einem Scherzwort, das Praiodan nicht verstand, verließ sie den Raum und schloss die Tür leise hinter sich. Der Page trat vor und half ihr wortlos in den Reisemantel. Als sie den Kopf wendete, um ihr langes Haar aus dem Mantel zu befreien, fiel ihr Blick auf Praiodan. Sie stockte.
Praiodan entschloss sich zu einem Nicken, das so knapp war, dass es andernorts als Beleidigung hätte gelten können.
Ihre Antwort war ein unsicheres Lächeln, das er nicht erwiderte. Ihre gute Laune war nur Fassade, stellte er fest, als sie ging. Obwohl ihre Schritte rasch und regelmäßig waren, verriet ihm alles an ihr, dass sie eine harte Reise hinter sich hatte und dass die Dringlichkeit ihres Anliegens keinen Aufschub geduldet hatte.
Der Saum ihrer Robe war mit Schlamm bespritzt und der Gürtel nachlässig gebunden. Die Blässe ihres Gesichts verkündete unmissverständlich, dass sie sich nach nichts mehr sehnte als nach Schlaf und Ruhe. Sie musste tagelang gereist sein und wirkte nicht, als sei sie derlei gewöhnt oder habe es jemals zuvor für nötig befunden.
Auch als ihre Schritte auf der Treppe längst verhallt waren, wurde Praiodan noch immer nicht vorgelassen.
Die Zeit verging. Das schmale Fenster des Raumes zeigte bereits die tief azurne Dunkelheit der Nacht und das aufgehende Madamal, das seinen Schein über die umliegende Ebene und die Wälder dahinter ausgoss.
Was, wenn seine Vorladung im Zusammenhang mit der Draconiterin stand?
Praiodan erwog, sich zu setzen, aber die Unruhe in seinem Herzen erlaubte es nicht. Es erschien ihm jedoch noch unpassender, im Vorzimmer des Hochmeisters wie ein gefangener Löwe auf- und abzuschreiten. Daher legte er die Arme vor der Brust zusammen, richtete sich, ähnlich wie der stumme und reglose Page, zu voller Größe auf und blieb stoisch stehen.
Wenn er eines gelernt hatte, dann, die Lehrzeit im Bannstrahl zu nutzen, die zum großen Teil aus langweiligem, aber die Disziplin ungemein förderlichen Warten und Bewachungsaufgaben bestanden hatte. Starr richtete er den Blick geradeaus und zwang seinen Körper zur Ruhe, zählte seine Atemzüge.
Für einen einzigen Moment geriet er dennoch ins Stocken. Das Muster des Teppichs bestand aus kämpfenden Drachen und Greifen.
Greifen.