Leseprobe - Kapitel 1 - Szene 1

London war gespenstisch um fünf Uhr morgens, ein grauer Schimmer lag über allem, Penner schliefen friedlich in den Eingängen der Geschäfte. Die schweren Rollgitter schienen gleichermaßen zu drohen und zu schützen. Noch eine Stunde, und der ein oder andere Jogger würde auftauchen, danach Taxifahrer. Und zuletzt die gesichtslose Horde Sararimänner und –frauen, die zu ihren Konzerngebäuden eilten.

Jari stieg aus dem Wagen, spürte seine Beine protestieren und steuerte auf eine schmale Gasse zu.

Seine Leute bewachten Eingang und Ende der Gasse – Macht der Gewohnheit. Hätte er Ärger erwartet, wäre er nicht hier. Oder würde mehr Panzerung tragen.

Die Gasse führte geradewegs auf den Seiteneingang des St Petersburg zu, Russian Tea Room stand unter dem Schild mit dem Reiter auf dem sich aufbäumenden Pferd. In dem kleinen Innenhof, den sich das St Petersburg mit einer Boutique und einem winzigen Restaurant teilte (und mit einer illegalen Straßenklinik), waren Müllbeutel aufgehäuft, aus denen diverse Flüssigkeiten sickerten.

In einer Ecke schlief ein weiterer Penner – Vanya, dessen massige Gestalt sein Sturmgewehr sauber verdeckte.

Jari klopfte an die Tür, drückte dann mit der Schulter dagegen. Dmitri, ein begnadeter Nahkämpfer, gab den Weg frei.

Jari lief an gestapelten Soybierkisten vorbei. Kalter Zigarettenrauch, dazu der abgestandene Dunst von Bier, Schweiß, Tee und fettigem Essen.

Im Innenraum dann Lackarbeiten, ein zaristischer, doppelköpfiger Adler in Plastik, vergilbte Poster, in einer Ecke hing eine Balalaika. Nicht nur Touristen-Programm. Es gab genug Russen, die dem Kitsch verfielen, wenn sie das Mutterland verließen.

Ein Tisch stand in der Mitte des Raums, zusammengerückt aus drei anderen Tischen, drum herum viel Platz. Die vergilbten Vorhänge waren zwar zugezogen, aber die Stühle waren so ausgerichtet, dass die beiden Scharfschützen auf der gegenüberliegenden Hofseite Sicht und Schussfeld hatten.

Jari rieb sich den Nacken, fasste dabei die beiden Männer ins Auge, die am anderen Ende des Raums standen.

Er setzte sich, legte die Hände auf die Tischplatte, sah die Männer aufmerksam und geduldig an.

Die beiden wechselten einen Blick und traten dann aus dem Halbdunkel.

Mittlerer Osten, dachte Jari. Sie könnten Brüder sein, schwarzes, gewelltes Haar, dabei helle Haut. Vielleicht waren das Perser, Iraner oder Iraker. Die schwarzen Anzüge waren teuer, englisch. Die Augen des einen waren dunkel, die des anderen hinter einer Pilotensonnenbrille verborgen.

„Salam alaikum“, sagte der ohne Sonnenbrille. Schwer zu sagen, wer Sekretär und wer Auftraggeber war. Sie hatten auf einem persönlichen Treffen bestanden, und Jari darauf, den Ort zu wählen.

„Alaikum salam. Ich bin Jari. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Der Perser lehnte sich etwas vor und lächelte geschäftsmäßig. „Uns wurde gesagt, Sie nehmen internationale Aufträge an. Das heißt, Sie können dafür sorgen, dass diese Aufträge erledigt werden.“ Sein Kollege mit der Sonnenbrille hielt eine Gebetskette in der Hand und ließ die Perlen langsam durch die Finger laufen, sagte aber nichts.

Jari breitete die Hände aus. „London. Internationaler geht’s nicht. Welche Art Job?“

“Militärische Fertigkeiten wären von Vorteil. Uns wurde gesagt, Sie verfügen über einen ausreichenden Pool militärischer Fachkräfte, die bereit sind, für einen entsprechenden Gegenwert einen nicht ungefährlichen Transportdienst zu übernehmen.“

„Nehmen wir das einmal an. Worum geht es?“

„Um die Tränen Fatimas“, sagte da der Mann mit der Sonnenbrille. Seine Stimme stellte Jari die Nackenhaare auf; ein Knistern lag darin, als zerknülle jemand Papier. Er spürte sein Herz klopfen und wollte aufstehen und weggehen. „Und wer sind Sie?“

Um die Lippen des Mannes zuckte ein Lächeln. „Nennen Sie mich Abu Lahab. Es ist nicht mein richtiger Name, aber unsereins ist sehr vorsichtig mit seinem wahren Namen.“ Er tippte gegen den Bügel der Sonnenbrille, und irgendetwas sagte Jari, dass er die Brille aus Rücksicht trug. „Es handelt sich dabei um Artefakte aus einer Zeit, an die sich nur die Berge erinnern. Sie befinden sich in Jalalabad, und ich brauche sie in Mazar-i-Sharif, wo ich sie in Empfang nehmen werde.“

Mehr Knistern und Knacken, wie eine Funkverbindung im Sonnenwind.

„Afghanistan“, brummte Jari und ärgerte sich über seine eigene Gänsehaut. Er war nun wirklich einige Psycho-Tricks gewohnt und hätte sich für weitgehend unempfindlich gehalten, aber das hier war anders. „Ist doch ironisch, ausgerechnet einen Russen zu fragen, oder?“

Abu Lahab schmunzelte, und das Rasseln der Gebetskette kam zum Stillstand. „Sie erlauben, dass ich in meine Tasche greife?“

Jari hob die Schultern. Boris stand in der Nähe der Bar, und der Ork war schnell und allem gewachsen. „Bitte.“

“Ich danke Ihnen.“ Abu Lahab griff mit zwei Fingern in die Tasche seines Jackets, zog einen PocSec heraus und legte ihn vor Jari ab.

Jari klappte ihn auf. Das Gerät zeigte ein Bild: ein blonder Mann in der Kleidung der Gebirgsstämme, zu Pferd, die Zügel hatte er kurz genommen und schien im Begriff, das Tier zu wenden.

Wortlos klappte Jari das Etui zu, wog das Gerät für einige Atemzüge in der Hand, legte es dann vorsichtig ab, als könne es explodieren. „Sie wissen, was Sie verlangen?”

„Ich verlange nicht, ich bitte“, sagte Abu Lahab milde. „Ich weiß, dass dieser Mann den Auftrag erfüllen kann. Und Sie haben Zugang zu ihm.“

Jari holte tief Luft. Zugang. Vermutlich die Übertreibung des Jahres. „Ist es etwas Persönliches zwischen Ihnen und … ihm?“

Abu Lahab faltete die Hände mit der Gebetskette vor sich auf dem Tisch. „Wir sind keine Feinde, falls Sie das meinen. Ich kann ihn nicht erreichen, aber er vermag es, mir einen Dienst zu erweisen. Den größten von allen.“

Ein Kunstraub? Der Mann mochte Sammler sein, oder ein Magier. Er hatte wohl ein persönliches Interesse, aber Jari glaubte nicht, dass es ihm um den Mann auf dem Bild ging. Das wird seinem Ego aber wehtun, dachte Jari amüsiert und verkniff sich ein Grinsen. „Über was für eine Summe sprechen wir?“

„Fünf Millionen Nuyen“, sagte Abu Lahab. „Sie werden sicherlich beträchtliche Ausgaben haben. Die Tränen müssen vollständig sein, und sie müssen am letzten Tag des Ramadan in Mazar-i-Sharif sein, vor der Blauen Moschee. Alles andere bleibt Ihnen überlassen.“ Die Finger spielten wieder mit den Perlen – sie hatten die Farbe von Elfenbein oder alten Knochen.

Jari nickte und stand auf. „Sobald der Vorschuss gutgeschrieben ist, mache ich mich an die Arbeit.“

Abu Lahab lächelte, und etwas in Jari wünschte, er würde es nicht tun. Er trug das Lächeln so steif wie den Anzug.

„Was ist, wenn ich den Mann nicht bekomme?“

Abu Lahab schüttelte den Kopf. „Darüber mache ich mir keine Sorgen. Es ist ja nicht so, dass er wegfliegen könnte, da, wo er jetzt ist.“