Leseprobe - Kapitel 1 - Szene 2
Dunstan Wladimirowitsch blinzelte überrascht, als der Wagen des Inspektors in den Hof fuhr, dahinter folgten zwei Jeeps und ein Lieferwagen. Die Wachen am Tor ließen sich Zeit damit, die Wagen zu durchsuchen; faules Pack oder besoffen, aber das gab Wladimirowitsch Gelegenheit, sich den Konvoi genauer anzusehen. Er war nicht sicher, ob ihm die Sache gefiel. Tendenziell eher nicht. Wenn der Inspektor kam, um ihm Schwierigkeiten zu machen, hätte er die Polizei mitgebracht, aber es stiegen nur rotgesichtige Jugendliche in Uniformen mit Sturmgewehren aus. Soldaten. Vermutlich aus der Moskauer Kaserne.
Wladimirowitsch schnaufte ärgerlich und trat vom Fenster zurück, nahm die Uniformjacke vom Haken und schlüpfte hinein. Sie spannte über dem Bauch, sehr ärgerlich. Auch an den Schultern war sie zu eng. Wenn er genau darüber nachdachte, war er nicht sicher, ob sie ihm je richtig gepasst hatte. Wie alles hier. Die Stiefel waren dreckig, er rieb die Spitzen am Hosenstoff der Waden, während er sich mit den Uniformknöpfen abmühte. Zwei der Knöpfe baumelten locker an ihren Fäden. Daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Er zwängte den Hals in die Uniform, den steifen Kragen mit den Abzeichen, die kühl waren unter den verschwitzten Händen. Die Klimaanlage hätte längst repariert werden müssen, aber die da oben waren mit der Sicherheitsüberprüfung der Handwerker noch nicht fertig. Wie relevant konnte es sicherheitstechnisch sein, eine Klimaanlage zu reparieren? Sein Büro befand sich nicht gerade im Hochsicherheitstrakt.
Wladimirowitsch knurrte einen Fluch, als ihm der oberste Knopf erneut aus den Fingern rutschte.
Dass diese Inspektoren nie den Anstand hatten, sich vorher anzukündigen. Sie schnüffelten nur in anderer Leute Angelegenheiten herum, um Scherereien zu machen. Wenn die stattdessen mal den wichtigen Leuten auf die Finger schauen würden, aber nein, da wurde um die Wette gebuckelt, dass es krachte.
Endlich ging der verfluchte Knopf zu und drückte hart gegen seinen Adamsapfel. Wladimirowitsch schnappte sich die Kappe und verließ das Büro, lief keuchend die Treppe hinunter und überquerte den Innenhof.
Der Bonze war noch nicht ausgestiegen. Im Hintergrund standen die blutjungen Soldaten, die der Inspektor mitgebracht hatte. Keiner von denen hatte die Nerven, Wachmann zu werden – seine Sträflinge würden dieses Junggemüse in der Luft zerreißen.
Wladimirowitsch trat neben den Wagen und sah die getönte Scheibe des Wagenverschlags an. Er spürte den Druck des Kragens, und wie die Uniform jeden Atemzug zu bekämpfen schien. Unwillkürlich ballte er die Fäuste, als sich in dem Wagen noch immer nichts regte. Was der sich einbildete. Aber Wladimirowitsch wäre nicht bis hierher gekommen, wenn er nicht gewusst hätte, wie man das Maul hielt.
Die Wachen am Tor hatten den Wagen passieren lassen, was bedeutete, dass er Macht hatte. Das war eine Sprache, die jeder in Moskau verstand. Buckeln und Treten, die beiden wichtigsten Tugenden, wenn man es zu etwas bringen wollte. Das hieß natürlich, dass der Bonze auch wusste, wie man trat.
Endlich öffnete sich die Tür, und zwei scharfe Bügelfalten erschienen, blank geputzte Halbschuhe und schließlich ein Anzug. Keine Uniform, was ungewöhnlich genug war. Der Mann stand auf, ließ den Blick schweifen, dann bewegte er tonlos die Lippen und zog einen Knopf aus dem Ohr, wickelte ein dünnes Kabel auf und schob es in die Tasche seines Anzugs. Er hatte telefoniert. Frechheit.
„Ich weiß, dass Sie ein vielbeschäftigter Mann sind, Genosse Gefängnisdirektor“, sagte der Bonze leise in übertrieben sauberem Muskowitisch. „Ich möchte Sie daher bitten, mich ohne Verzögerung in den Block Fünf zu begleiten.“
Hochsicherheitstrakt. Wladimirowitsch blinzelte überrascht, aber der Mann hatte gesprochen, als wäre der Gedanke, ihm die Zusammenarbeit zu verweigern, absurd.
„Natürlich, Genosse …?“
Der Anzug sah ihn ironisch an. „Danke.“
Der Bonze ließ ihn vorausgehen, offensichtlich nicht an einem Gespräch interessiert. Für den Überraschungsbesuch einer Kommission lief das alles sehr seltsam ab. Bei einer normalen Überprüfung brachten die Inspektoren keine Soldaten, sondern Unterinspektoren mit, die das Gefängnis und alle elektronischen Systeme auf den Kopf stellten. Dann bekam er eine Mängelliste zugeschickt und ein Budget wurde veranschlagt, und natürlich eine Frist, bis wann er die Mängel zu beseitigen hatte. Wenn ihm das gelang, gab es ein Fleißsternchen in seiner Akte. Wenn nicht, bestach er die Leute, die dafür zuständig waren, und die Sache kam nie ans Licht. Schließlich mochte er seinen Job und wollte ihn nicht wegen irgendwelcher Zahlenschubser verlieren.
Ihre Schritte auf dem Linoleum klangen dumpf. Dieser Teil war schallisoliert und viel zu ruhig, wenn man die normale Geräuschkulisse des Gefängnisses kannte.
An jedem Tor und jeder Schleuse standen seine Wachleute mit automatischen Waffen. Block Fünf war nicht gerade der Kinderspielplatz.
Plötzlich waren die Schritte des anderen nicht mehr zu hören. Wladimirowitsch drehte sich um. Der Bonze stand vor dem Aufzug und sah ihn erwartungsvoll an. „Und jetzt Ebene Null.“
Die Uniform schien sich um ihn zusammenzuziehen. „Ebene Null?“
“Ganz recht.“
Wladimirowitsch sah sich um. Ein Wink, ein Ruf hätte gereicht, um ihn festnehmen und überprüfen zu lassen. Eigentlich wäre das seine Pflicht. „Ich weiß nicht, was Sie hier wollen …“
„Ich möchte auf Ebene Null.“ Der Inspektor sah ihm in die Augen. „Ich denke nicht, dass das ein Problem darstellt, Genosse.“
„Es gibt keine Ebene Null.“
Der Inspektor hob die Augenbraue. „Ich hoffe stark, dass Sie die dortigen Insassen nicht haben verhungern lassen. Kommen Sie schon, Wladimirowitsch.“
„Ich kenne die … Reichweite Ihrer Autorisierung nicht.“ Er hatte selbst jeden Eid geschworen, dass er auf die Insassen der Ebene Null achten würde. Offiziell gab es sie gar nicht.
„Machen Sie sich keine Gedanken darüber. Ich habe ihn damals wegsperren lassen; ich habe alles persönlich autorisiert, auch den Eingriff.“ Der Inspektor trat an den Fahrstuhl und legte die Hand auf das Feld, sah dann in den Augenscanner.
„Autorisation erteilt. Willkommen, Generalinspektor“, sagte der Fahrstuhl.
Der Inspektor trat durch die Türen. „Kommen Sie, Genosse.“
Generalinspektor. Wenn das wirklich der Mann war, der er zu sein behauptete, dann …
… steckte mindestens der Geheimdienst dahinter.
Wladimirowitsch beeilte sich, in den Fahrstuhl zu treten und begann wieder zu schwitzen. Diese Autorisierungsstufe bekam man nur, wenn man in höchstem Ansehen stand.
Wenn diesem Mann ein Versäumnis auffiel, etwa, dass das Personal hier hätte entgegenkommender sein können, dann halfen auch Bestechungsgelder nichts mehr.
Der Fahrstuhl öffnete sich. Hier unten war alles automatisiert, es gab keine Wachleute, das war zu gefährlich, Menschen waren zu anfällig.
Der Inspektor ging nach rechts und blieb vor der ersten Zelle stehen.
Es summte nicht einmal, als die Neoscheinwerfer ansprangen. Ihr kaltes Licht war auf die Sicherglasscheibe der Zelle gerichtet, erlaubte keine Schatten und umriss die Toilette ohne Deckel, die Bettwäsche aus durchsichtiger Folie, die bewegungslose Gestalt darunter und jede weiße Kachel des Raumes scharf wie mit einem Skalpell. Und doch gab es nichts in der Zelle, das sich bearbeiten oder verändern, nichts, was sich in eine Waffe verwandeln ließ. Hier verblassten alle Farben.
Und aufgrund der Natur dieses Gefangenen befand er sich natürlich in Isolationshaft. Er lag mit angezogenen Beinen auf der Matratze, die Arme ausgebreitet, nicht um den Körper geschlungen, wie es andere taten.
Am sauber rasierten Schädel glänzte ein Datenport, in dem die Sicherung steckte, die den Gefangenen handlungsunfähig machte. Um sie zu lösen brauchte man einen besonderen Schlüssel, aber Wladimirowitsch war nicht mehr sicher, ob der Generalinspektor ihn nicht sogar besaß.
„Wie Sie sehen, ist er noch da“, sagte Wladimirowitsch und zwang sich zu einem Lächeln. „Es besteht also kein Grund zur Sorge.“
Der Inspektor sagte nichts, betrachtete nur die Gestalt auf dem Bett. Dabei sah der Gefangene gar nicht schlecht aus. Er hatte etwas Gewicht verloren, was ihn in den Shorts sehnig und mager wirken ließ. Ein Mustergefangener, der sich nicht rührte, niemanden bedrohte – und vor allem nicht zu fliehen versuchte. Wenn man nur alle Insassen so ruhigstellen könnte … aber das wäre zu teuer und zu aufwendig.
Wieder legte der Inspektor die Hand auf das Schloss. „Autorisation erteilt“, erklang es aus dem Lautsprecher, und die durchsichtige Wand schob sich zur Seite. Der Inspektor trat in die Zelle, und Wladimirowitsch folgte, zu perplex, um zu protestieren. Wurde der Gefangene verlegt? Oder exekutiert?
Der Inspektor trat an das Bett und legte die Hand auf die Halsschlagader des Gefangenen. Man konnte den Atem nur wahrnehmen, wenn man genau hinsah.
“Ich danke Ihnen für die Kooperation“, sagte der Inspektor, während er die Decke fortzog. In seinem Blick lag vielleicht ein Funken Mitgefühl, aber Wladimirowitsch war sich nicht sicher.
„Was haben Sie … mit ihm vor?“ Erst als er den Satz ausgesprochen hatte, begriff Wladimirowitsch das Ausmaß seines Patzers.
Der Inspektor richtete sich wieder auf, sah ihn an. „Wir beide wissen, dass es ihn nicht gibt und nie gegeben hat“, sagte er. „Es kann also auch nichts geschehen.“
Tatsächlich hatte Wladimirowitsch nie die Autorisation für die gesamte Akte erhalten. Er kannte die Blutgruppe des Gefangenen, und das Modell des Datenports, das man ihm eingebaut hatte, wusste über Allergien und Unverträglichkeiten Bescheid. Der Mann war magisch erwacht, weshalb man ihn so ruhigstellen musste. Magiern war anders nicht beizukommen.
Der Generalinspektor nahm den rechten Arm des Mannes und legte ihn an dessen Körper an. Ein Zittern durchlief den Gefangenen. Der Inspektor zögerte, sah dem Häftling dann lange ins Gesicht, als erwarte er, er werde aus seiner Starre erwachen und ihn anfallen.
Nichts geschah. Der Inspektor atmete kaum hörbar auf, nahm dann den linken Arm, platzierte ihn vor der Brust, beugte er sich über ihn, setzte den Magier auf und brachte ihn in Position, sodass er sich den Mann über die Schulter legen konnte, wie ein Soldat einen verwundeten Kameraden.
Das Bild war so absurd wie bedrohlich: ein hoher Funktionär, der einen halbnackten Gefangenen trug, der so gefährlich war, dass man ihn in Isolationshaft hielt.
Wladimirowitsch wurde der Kragen noch enger. Er wollte eigentlich gar nicht wissen, was sie mit ihm vorhatten oder wer der Gefangene war – oder der Mann, der ihn mitnahm. Wenn der Häftling nicht existierte, dann gab es auch keine Verlegungsanweisung. Keine Papiere, keine Daten, nur einige Zeugen. Wenn ein Bonze sagte, dieser Gefangene sei auf der Flucht erschossen worden, dann war das so, und Wachleute, die das anders gesehen haben wollten, kamen wegen Meineids und Pflichtvergessenheit in den Knast. Schließlich war es in Russland die oberste Pflicht, das Maul zu halten.