Rausgeschnittenes II

Vorrede: Manchmal macht sich der Plot selbstständig. Am Grenzübergang zu Afghanistan trafen unsere “Helden” auf eine Gruppe britischer Presse-Leute, die in Afghanistan über die Buddhas berichten wollten. Leider führte dieser Nebenplot irgendwo hin - ich hab ihn nie richtig in das Buch integrieren können, also wurde der gestrichen, und damit wurden dann 7 Seiten gespart. Es handelt sich ausserdem um unüberarbeiteten Rohtext.

- Die Presse-Szene -

Voiatas Blick fiel auf jemanden, der aufgeregt gestikulierte, während er laut in sein Telefon sprach. Kein ungewöhnlicher Anblick, bis darauf, dass es sich bei ihm um einen Fremden handelte. Er kannte das Gesicht. Kein Söldner, kein abgelegter Liebhaber, kein Guerilla, den er ausgebildet hatte. Kein Wissenschafter. Blieb: Presse.

Da beendete der Mann abrupt sein Gespräch mit etwas, das nach „Dann gehen wir eben über den Berg!“ klang, und kam auf ihn zu.

Voiata runzelte die Stirn, dann konnte er ihn zumindest grob zuordnen. „Terry. International Geographic?“

Der Reporter lachte. „Schmeichler. BBC World Service, immer noch.“ Er deutete auf das Gewehr an Voiatas Schulter. „Ich sehe, du bist modisch auf der Höhe der Zeit.“

“Ich verlasse das Haus nie ohne.“ Voiata deutete auf Flechette und Reynard. „Reynard, Kamera, und Tony, mein Assi. Das ist Terry, BBC World Service.“ Er liess sich nicht nehmen, die standardisierte BBC-Aussprache nachzuahmen, und Terry lachte wieder. „Mensch, daß man dich mal wiedersieht. Was hast du so getrieben?“

„Ich war etwas festgekettet.“

„Großer Auftrag?“

„Mehr eine Umstrukturierung“, sagte Voiata und hob die Schultern. „Ich glaube, ich werde entgültig Freelancer.“

„Hast du unter Pseudonym gearbeitet? Ich habe seit ewigen Zeiten nichts mehr von dir gelesen.“

„Mein Boss hat darauf bestanden, daß ich eine Auszeit nehme. Du weißt, wie Chefs sind. Wenn sie glauben, daß du mehr Schaden anrichtest als Nutzen, dann sperren sie dich für eine Weile weg und verlieren den Schlüssel.“

Terry lachte. „Und jetzt bist du wieder da und schnappst mir meine Story weg. Ach, das Leben ist so ungerecht.“

Voiata hob die Schultern, spürte, wie die alte Identität nicht mehr passen wollte. Reporter. Fachmann für diese Region. Da hatte er noch geglaubt, Afghanistan und Pakistan zu verstehen und hatte darüber geschrieben, als erkläre er Kindern die Welt. Einen Namen hatte er sich mit dem polnischen Bürgerkrieg gemacht, hatte behauptet, er habe sich da frei bewegen können, weil er zum Teil Russe war, polnische Mutter. Man hatte ihn nie gefragt, wie das zustande gekommen war, aber die meisten gingen nicht von einer romantischen Geschichte dazu aus. Für Terry war er Yevgenij, der sich von Freunden Jeff nennen liess, und arbeitete für Cover-Age, eine kleine, feine Agentur, die von magischen Phänomenen bis zur Kriegsberichterstattung beinahe alles abdeckte, und dann an den Lizenzen verdiente. Voiata hatte sich dafür entschieden, weil eine kleine Agentur es zwar schwerer hatte, an die üblichen Schlüssel zu kommen, die Türen öffneten, wie Presseausweise und Akkreditierungen, aber sie konnten unkonventionell vorgehen. Zwei Reporterteams am selben Ort, das gab am Ende noch Futterneid.

„Afghanistan ist groß genug für uns beide. Vielleicht habe ich eine andere Story.”

„Ja, klar. Was Größeres als die Buddhas.“ Terry lachte auf, dann verstummte das Lachen, und Terry bekam diesen Gesichtsausdruck, der verriet, dass er wieder Hoffnung für seine Story schöpfte – und glaubte, er könne herausfinden, hinter welchem Brocken „Jeff“ her war. „Du hast doch bestimmt von den Buddhas gehört?“

Voiata schüttelte den Kopf. „Für mich sind es diesmal die Warlords. Was ist mit den Buddhas?“

„Die Warlords? Oh Junge, dein Boss macht es dir auch nicht einfach, oder?“

Voiata grinste. „Später. Buddhas.“

“Die Buddhas von Bamiyah“, sagte Terry, und auch Reynard wurde jetzt lebhafter.

„Nationalheiligtum der Afghanen, Ende des letzten Jahrhunderts zerstört, dann rekonstruiert. Beim Erwachen der Magie wurden seltsame Phänomene um die zwei größten Felsnischen beobachtet – Prozessionen buddhistischer Mönsche über Stufen im Stein, die es nicht mehr gibt. Die bedeutendsten und größten Buddhastatuen Asiens.“

„Ja, genau“, sagte Terry. „Sie leben.“

„Was?“

„Naja, jedenfalls laufen sie herum. Wir machen ein Feature, vielleicht eine Doku, projektiert auf Themenabende zu den vier Elementen. Die Buddhas machen den Auftakt mit dem Element Erde.“ Terry grinste. „Ursprünglich sollte es nach Ägypten gehen, wegen der Sphinx und so, aber ich dachte, die Buddhas sind schon sexier. Und da ich schon auf gepackten Koffern für Ägypten gesessen habe, konnte ich ganz schnell umdisponieren, und bin von Riyadh nach Peschawar geflogen. Und normalerweise hält Davina mir den Rücken frei, aber unsere Akkreditierung steckt noch bei den Pakistanis fest. Das wird auch von Jahr zu Jahr schlimmer – als wären wir Spione oder sowas.“

Voiata nickte. „Und jetzt willst du über den Berg?“

Terry seufzte, blickte hinüber, wo pakistanische Soldaten Wagen untersuchen und Credsticks prüfen, ob alles, Visum, Lebensberechtigungsschein und so weiter noch gültig waren. Ohne Akkreditierung war Terry aufgeschmissen. Er konnte noch versuchen, die Sache finanziell zu lösen, aber das verlangte sehr viel Fingerspitzengefühl, wenn man nicht ganz schnell für die nächsten zwanzig Jahre in einem pakistanischen Knast verschwinden wollte. Voiata vermutete, dass Khan ihm den Rücken freihalten würde, wenn auch unwillig, aber das konnte Terry nicht wissen, und verlassen wollte er sich auch nicht darauf. Eine Gruppe Reporter konnte als Ablenkung dienen. „Wenn ich warte, bis Davina das geklärt hat, waren die Amerikaner da und schmeißen das Material zum Dumpingkurs auf den Markt. Immer über Syndikate kaufen hat uns die Quoten gebracht, die uns fast in die Knie gezwungen haben. Ich glaube einfach, daß es Leute gibt, die mehr sehen wollen als blitzblanke Rekonstruktionen mit zweitklassigen SimSense-Sternchen und einer Menge Explosionen. Aber dafür muß man nah ran, und das möglichst als erster.“

Voiata nickte wieder, spähte in Richtung des Passes. „Bamiyah ist weit drinnen, soweit gehen wir nicht.“

„Du könntest mitkommen“, bot Terry großzügig an, trotz des beruflichen Futterneides.

„Zeitplan“, sagte Voiata. „Warum habt ihr keinen Helikopter genommen?“

„Aus demselben Grund wie du, denke ich … Berichte von Mudjaheddin-Kämpfern, die Helikopter jagen gehen. Wenn wir nicht mit dem halben SAS als Geleitschutz hier reinmarschieren wollen, dann halten wir besser den Kopf unten. Ich persönlich glaube die Geschichte allerdings nicht. Ich meine, im Ernst, was sollen die Bergstämme gegen den SAS ausrichten? Ich glaube, da sind andere Kräfte am Werk, und das ist auch der Grund, weshalb die Pakis die Grenze zumachen.“

Voiata lehnte sich gegen den Jeep. „Ja?“

„Die Russen“, sagte Terry. „Wie das schon bei euch in Polen gelaufen ist. Sie überschwemmen das Gebiet mit Infiltratoren, die sich bis an die Schaltstellen durchkämpfen, und die legen in einem strategisch wichtigen Fenster die Infrastruktur des Feindes lahm. Bingo, Invasion.“

„In Afghanistan gibt es keine Infrastruktur, bei der sich das lohnen würde. Zumindest nicht außerhalb von Kabul“, sagte Voiata. „Aber ich werde vorsichtig sein, wenn mir ein Russe bei den Stämmen begegnet.“

„Mach das“, sagte Terry.

Reynard starrte Terry an, und schüttelte den Kopf, zog sich aber in den Hintergrund zurück. Voiata nahm einen weiteren Schluck Wasser, überliess es Terry, seine Schlüsse zu ziehen, und spähte über die Ebene. Ja, die Reporter waren eine gute Tarnung, sie würden ohnehin Aufsehen erregen, schon aufgrund der Tatsache, dass sie keinem der Stämme angehörten. Aber die Reporter hatten legitime Gründe, hier zu sein.

„Ach leck mich“, murmelte Terry.

Voiata blinzelte. „Wie bitte?“

„Wir gehen über den Berg“, sagte Terry. „Wie sieht`s bei dir aus? Lust auf einen Ausflug?“

Voiata lachte auf. „Immer.“ Er wandte den Kopf, wo der Paschtune, der bei dem Jeep gewartet hatte, mittlerweile telefonierte, und ihm ein Handzeichen gab. Der Paschtune nickte, und sagte etwas ins Telefon.

„Ich bringe dich rein, aber ich kann nicht garantieren, daß ich dich wieder mit nach draußen nehme.“

„Das geht klar – dann gehen wir von Bamiyah nach Kabul.“

„Oder so“, meinte Voiata und ging zu Flechette und Reynard zurück, um ihnen mitzuteilen, dass sich sein Plan gerade geändert hatte.