Rausgeschnittenes

- Die Müllkippen-Szene -

Vanya reichte ihm den letzten Toten. Voiata beugte sich vor, nahm die Leiche über die Schulter, hielt sie an Knie und Schulter fest, spürte, wie ihm geronnenes Blut über den Rücken und die Flanke sickerte. Jeweils mit einem Toten beladen, stiegen sie auf den Müllberg, der zumindest so fest gepreßt war, daß man nicht bis zur Hüfte darin versank. „Bleib im Licht“, sagte Vanya.

Voiata grinste ironisch. „Dafür ist es längst zu spät.“

„Häh?“

„Nur ein Bild.“

Adler fliegen nicht nachts.

Voiata verlagerte den Körper etwas, setzte Schritt vor Schritt, sah, wie sein eigener Schatten vor ihm her lief. Selbst auf der Müllkippe roch er noch den Gestank des Blutes, das bei der schwülen Wärme fast sofort gerann. Wie saure Milch.

Oben angekommen, warf Vanya den Körper in die Grube. Der Bagger, der sie gegraben hatte, stand noch dort, wie ein erstarrtes, einarmiges Untier.

Vanya wischte sich die Hände an den Hosen ab, grinste dann. „Hau den letzten rein da. Morgen macht das unser Freund zu.“ Er nickte Richtung Bagger.

„Ich verwische nur unsere Spuren“, sagte Voiata.

„Magiekram?“ Vanya hob die Hand, als wolle er es gar nicht genauer wissen, zog mit den Lippen eine Zigarette aus einer Packung, und trabte dann den Müllberg nach unten, während er in den Taschen nach einem Feuerzeug suchte.

Voiata trat an den Rand der Grube, ließ den Körper herabgleiten, bis er ihn halb auf dem Knie hielt. Ein junger Schwarzer, abgesehen vom Bierbauchansatz ein guter Körper, das Gesicht war unkenntlich, wofür eine Kugel gesorgt hatte, die an einem Wangenknochen eingetreten und am Jochbein auf der anderen Seite wieder ausgetreten war. Voiata hielt das leblose, aber feste Gewicht, die Rundungen der Muskeln, die sich nie wieder spannen würden. Er konnte fast das letzte Schwingen von Leben in den Zellen spüren, als habe man in seiner Nähe eine Glocke angeschlagen, deren Ton längst verklungen war.

Wieder fühlte er die Drähte wie Nadeln in seinem Hirn. Ausgeschlossen, das Gehirn spürte keinen Schmerz. Bei dem Gedanken, daß er acht Monate wie ein Toter in einer Zelle gelegen hatte, an einem Ort, an den er sich nicht erinnerte, weil alle seine Gehirnfunktionen von weißem Rauschen überlagert gewesen waren, daß er keine Kontrolle, ja, nicht einmal Bewußtsein gehabt hatte, erfüllte ihn mit sinnlosem Schmerz. Tot zu sein, und dabei noch zu atmen, sein Körper so sinnlos verkrüppelt und abgeschnitten wie der, den er jetzt im Arm hielt.

Ein Vogel, den ein Adler schlug, mußte, wenn er dem Adler entglitt, wie ein Stein zur Erde trudeln. Alle Eleganz, alle Schönheit, alles, was rein und richtig gewesen war, wurde zu rohem Fleisch, zu stinkendem Blut, das gerann, noch bevor das Fleisch sich verfärbte und verweste. Die ultimative Beleidigung.

Voiata spürte, wie sich seine Finger in den toten Körper gruben, als hinge er ohne Seil in einer Felswand. Er schloß die Augen, erspürte den Ort in seiner ganzen Widerwärtigkeit. Den Toten hier zu verlassen war eine Beleidigung, selbst, wenn es den Mann nicht mehr interessierte und schon zu Lebzeiten nicht interessiert hatte.

Unser Kampf ist beendet. Du hast dich zu hoch erhoben, und mußtest sterben. Du hattest keine Klauen, um mich zu halten, keinen scharfen Schnabel, um mich zu zerreißen. Nun liegen diese kleinlichen Gründe, um zu töten, hinter uns. Wir waren nicht weise genug, um es zu verhindern.

Er ließ den Körper los, sah zu, wie er haltlos in die Grube rutschte. Die Augen waren geöffnet, helle Augen in einem dunklen, völlig entstellten Gesicht.

Und alles, was er gesehen hatte, war der Dunst über der Stadt. Diese Augen hatten niemals das Blau über den Bergen des Hindukusch gesehen.

„Schwester Krähe“, sagte Voiata und stand auf. „Bruder Ratte.“ Er hob die Arme, breitete sie aus und starrte in den Dunst. „Dies ist euer Land. Tut euren Teil.“ Er ließ die Arme sinken, als er sicher war, daß ihn die Geister der Stadt gehört hatten.

Dann ging er zu Vanya, der sich gerade die zweite Zigarette anzündete, und ihm eine anbot. Voiata schüttelte den Kopf. „Ich brauche die Lungenbläschen noch.“

Vanya grinste und stieß den Qualm zwischen den Orkhauern aus. „Hast du was Bestimmtes vor?“

Voiata hob die Schultern. „Und wenn.“

„Und was?“

„Ich denke, das wird Jari mir sagen, wenn er von seiner Verabredung zurück ist.“

„Ach. Da läuft der Hase her.”

Voiata grinste. „Nichts für ungut, Vanya, aber Jari hat mich nicht rausgeholt, weil er plötzlich auf mich steht.“

„Keine alte Rechnung?“
„Wenn Jari mir was schulden würde, meinst du, sie hätten mich eingesperrt?“

Vanya rieb sich das stoppelige Kinn. „Dein Fall hat Wellen geschlagen. Deine Einheit und so.“

„Wäre nicht das erste Mal, daß man jemanden wie mich offiziell für tot erklärt. Wenn es nicht Jari wäre …“ Voiata schnaubte. „Tote Männer spüren keinen Schmerz, oder, Vanya?“

Der Ork richtete sich auf, als sei ihm plötzlich unwohl. „Was meinst du damit?“

„Nur so eine Überlegung.“

Dem Ork schien die Zigarette nicht mehr zu schmecken. Er nahm sie aus dem Mund, drückte sie zwischen Daumen und Zeigefinger aus, und steckte sie in die Hemdtasche. „Ich hab keine Ahnung, was Jari plant. Ich glaub, es ist was Größeres.“

„Ohne Zweifel.”

„Aber er nimmt keinen von uns. Er hat gesagt, er will nicht, daß das Ding zurückzuverfolgen ist. Kennst ja Jari. Der denkt, wenn drei Leute von was wissen, muß man vier zum Schweigen bringen.“ Der Ork hustete ein Lachen. „Offiziell bist du ja immer noch im Knast. Wenn das kein perfektes Alibi ist.“

Oh. Zuschlagen. Irgendwie nach Moskau kommen, und zuschlagen. Seine alten Kontakte aktivieren. Er hatte genug Verbindungen, von denen nie jemand erfahren hatte. Sein Netz reichte viel weiter, als der Geheimdienst je aus ihm herausgeholt hatte. Er hatte seinen Geist gegen jeden Verhörversuch verteidigt, sich einen letzten Winkel vorbehalten, ein letztes Hochplateau, so versteckt und verwinkelt und schwer zugänglich, daß jedem der Verhörer vorher die Luft ausgegangen war. Und er hatte ihnen genug geliefert, auch Dinge, die er lieber verteidigt hätte. Manchmal mußte man ein Stück Seele opfern, um sie in die Irre zu führen. So weh das tat, so sehr er es haßte, so sehr es ihm zuwider war.

Zuschlagen – das Problem, diese größte Schande für immer aus dem Weg räumen. Platz schaffen für eine bessere Ordnung.

Voiata grinste, und sah, wie das Antwortgrinsen des Orks wackelte. „Jetzt duschen, und dann dieses … Tikka Marsala, von dem Jari die ganze Zeit faselt.“

„Oh, das Zeug wird dir gefallen“, grinste der Ork, dem jetzt wieder wohler in der Haut zu sein schien.

Laß dich nicht zu lange von deinem Pfad abbringen.

Die Warnung stieg aus seiner Seele auf, kam von dem Ort, wo er Adler spüren konnte. Verschwende nicht deine Zeit.