Kettenhund (2005)
Vorrede: Dieses Buch ist der Beweis, dass man selbst mit klinischer Depression und Selbstmordgedanken noch produktiv sein kann. Vielleicht hat Mischko mir auch dabei geholfen, wieder auf die Füsse zu kommen; wenn alles um einen zusammenfällt und man nicht weiss, wovon die nächste Miete zahlen, hilft es, ein Buch und einen Charakter zu haben, an dem man sich festhalten kann. Ja, mir ging’s so dreckig, ohne meine Freunde und Partner und Mischkos Leidensfähigkeit wäre ich nicht mehr hier.
Das Cover ist von Kathy Schad, die malen kann, was ich fühle, das Lektorat hat Catherine Beck übernommen, eine ganz wunderbare Lektorin, die ihre Autoren ernst nimmt und unterstützt. War eine tolle Zusammenarbeit, danke euch!
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Klappentext: “Der russische Kommando-Soldat Mischko erhält einen letzen Auftrag, bevor er der Armee den Rücken kehrt: Er soll mit seinem Kameraden Nikita und einem Team deutscher Söldner eine illegale Ladung quer durch die Steppe nach Sibirien bringen. Die beiden russischen Soldaten müssen mit Leuten zusammenarbeiten, die sich selbst als Shadowunner bezeichnen, weder Ehre noch Pflicht kennen und nur zu willig sind, ihren Auftraggeber über den Tisch zu ziehen.
Und dann bricht zwischen den Steppennomaden ein Krieg aus.”
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Leseprobe: (Kapitel 1, Szene 1)
Die Uniform wirkte hohl, wie die abgeschälte Borke eines Baumes, die dessen Kontur noch nachzeichnet, aber nicht mehr Baum ist. Nur eine Erinnerung, ein Schattenriss, der an einem Drahtbügel hing. Die Abzeichen Lohn der letzten fünf Jahre.
Der Bügel klackte auf die Kleiderstange. Die andere Uniform hing schon dort. Er ließ beide zurück. Nicht einmal Reservist. Das konnte er sich noch weniger vorstellen: Erst wie ein Zivilist zu leben und dann wieder das Gewehr in die Hände gedrückt zu bekommen. Womit auch immer Zivilisten in der Zwischenzeit den Tag herumbrachten.
Das Bett – nur noch eine abgezogene Matratze, die Wäsche hatte er Nikita längst wegbringen lassen. Auch das Bett gegenüber war leer; bald würde keiner mehr hier sein, der wusste, dass es den Soldaten, der dort geschlafen hatte, überhaupt gegeben hatte. Mit seinem Gewehr würde ein anderer schießen. Das war beruhigend – der Gedanke, dass die Maschine auf jeden Fall weiterlief, wie viele Soldaten auch starben.
Mischko schloss die Tasche – die Klettverschlüsse machten kein Geräusch – und hob sie auf die Schulter. Das Gewicht spürte er kaum. Alles unter den 45 Kilogramm Marschgepäck beeindruckte ihn längst nicht mehr. Ohne Waffen, Granaten, Munition blieben nur noch Kleidung, Schlafsack, Essgeschirr. Leichtes Gepäck hieß: schnellere Fortbewegung. Kein Besitz hieß: nichts zu verlieren. Die Steppe verzieh nichts, vor allem keine Anhänglichkeit.
Er verließ das Kasernengebäude, vorbei an den schweren Maschinen, die gewartet wurden, vorbei an den Soldaten in ihren gestreiften Unterhemden, die beieinander standen und rauchten. Ein riesiger Troll trug rechts und links zwei LKW-Reifen, die nicht über den Boden schleiften.
Manche starrten Mischko an – vorsichtig, aus den Augenwinkeln, unter gesenkten Lidern, nie offen, dafür kannte man ihn viel zu gut.
Mischko spannte sich, konnte ihren Hass beinahe riechen. Ihren Hass und ihre Furcht, und ein Teil von ihm wartete nur darauf, dass sie etwas versuchten. Aber nichts geschah auf dem Weg zum Verwaltungsgebäude, nichts als Blicke und eine verächtlich weggeschnippte Zigarette. Das reichte nicht.
Er trabte langsam die Treppen hoch – Ordonnanzen kamen ihm entgegen und wichen nach rechts und links aus, als sei die Treppe nicht breit genug. Der Geruch von Bohnerwachs und uralten Akten lag in der Luft, hinter geschlossenen Türen hörte er Leute reden.
Vor dem Büro seines Vorgesetzten wartete er. Das Flugzeug ginge erst heute Abend, hatte man ihm gesagt. Ob er hier oder beim Landeplatz wartete, war ihm gleichgültig.
Ein Rekrut mit einem Putzeimer arbeitete sich den Gang entlang. Gestreiftes Hemd, Stiefel, Tarnhosen. Norm. Schlaksig, nicht älter als siebzehn. Norms sahen so jung aus in diesem Alter.
Der Rekrut blinzelte nervös, als er bis auf vier Meter herangekommen war. Bis Dienstschluss musste er wohl das ganze Gebäude schaffen – noch zwei Etagen. Er blickte zu Mischko hoch, dann auf den Eimer, schließlich den Gang entlang und schien vollkommen ratlos.
Mischko hätte aus dem Weg gehen können, aber es war wichtig, dass Rekruten ihren Platz kannten. Der Bursche wich seinem Blick aus, ein Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn.
Er fasste den Burschen ins Auge, wartete, ob sich dieser daran erinnerte, dass er Befehle hatte, oder den Mut aufbrachte, ihn anzusprechen.
Nichts geschah. Der Norm schwitzte still vor sich hin und bat wohl innerlich alle Geister um Hilfe, die ihm einfielen.
„Gibt’s was?“, fragte Mischko, dem das Spiel allmählich gefiel.
Der Norm stand wie erstarrt, kein Muskel rührte sich. Ein wenig mehr, und er würde nicht einmal mehr Luft bekommen.
„Nicolai.“ Die Stimme klang amüsiert, und Mischko fragte sich, wie lange Gondarev ihn schon dabei beobachtet hatte, wie er den Rekruten belauerte. Verächtlich verzog er die Lippen, was den Burschen zittern ließ, dann machte er auf dem Stiefelabsatz kehrt und folgte Gondarev in sein Büro.
Der Offizier hatte für den kurzen Ausflug zur Tür nicht einmal die Mütze aufgesetzt – das dunkelblonde Haar war wie immer akkurat gescheitelt. Dunkelgrüne Uniform mit Kragenspiegeln, am breiten Ledergürtel hing ein Pistolenholster. Hinter ihm zeigte das Trid eine Norm-Bulldogge mit triefigen Wodka-Augen, Haar schlohweiß. Musste ein hohes Tier sein. Jedenfalls zeigte das Trid jedes Mal, wenn Mischko hier stand, einen anderen. Gondarev interessierte sich für Politik.
Mischko nahm Aufstellung vor dem Schreibtisch, Tasche an seiner Seite. Es fiel schwer, nicht zu salutieren.
„Setz dich doch, Nicolai.“ Gondarevs lange, zerbrechliche Finger schwenkten zum silbernen Samowar in der Ecke. „Tee? Zitrone, richtig? Kein Zucker.“
Es gehörte zu den unumstößlichen Wahrheiten über Major Oleg Gondarev, dass sich der Mann vorzüglich mit sich selbst beschäftigen konnte. Es ging der Witz um, dass Gondarev als Gesprächspartner nur einen Spiegel brauchte, aber Mischko kannte auch das andere Gesicht.
Hier war kein Hauer, der Gondarev den Tee brachte. Der Offizier tat es tatsächlich selbst, eigenhändig, bereitete wortlos Tee zu, ließ eine Scheibe echte Zitrone in den Metallbecher fallen, füllte mit heißem Wasser auf, stellte den Becher schließlich vor Mischko ab, als handle es sich bei ihm um einen Gast.
Etwas unruhig streifte Mischkos Blick über den Schreibtisch – aber dieser war vollkommen leer. Kein Taschencomputer, keine Papiere, nichts. Nur die dampfende Tasse. Er griff danach, wärmte sich die Hände. Er fror sonst nicht so leicht, aber vor Gondarev schien sein Blut in den Rumpf zurückzuweichen.
Sorgsam stellte Gondarev die eigene Tasse exakt gegenüber Mischko auf die Schreibtischunterlage.
Die Zitronenscheibe trieb obenauf, Fasern lösten sich, als sie rasch die Temperatur der Flüssigkeit annahm.
Mischko betrachtete das Farbspiel mit Wärmesicht, wie sich das Orange mit Rot durchsetzte, wie die heißen Schlieren in die Luft stiegen. Gondarevs lange Finger lagen wie ein Sperrzaun vor der Tasse, die Daumen trafen sich dahinter. Fein manikürte Nägel, denen Waffenöl, Dreck und Blut fremd schienen. Richtig. Wenn Gondarev an die Arbeit ging, trug er Handschuhe, die er sich mit einem satten Schnalzen abzuziehen pflegte.
„So plaudert es sich doch gleich angenehmer“, verkündete sein Kommandeur und sah ihn mit lauteren blauen Augen an. „Eine lange Zeit, Nicolai. Eine wirklich lange Zeit.“
„Fünf Jahre.“
„Ja. Zwei im Grunddienst und die drei, die du dem Mutterland geschenkt hast.“ Gondarev neigte den Kopf, als respektiere er dieses Opfer wirklich.
Was war das für ein Spiel? Mischko hatte erwartet, dass man ihm Sold und SIN gab, ihm vielleicht, wenn es hochkam, die Hand schüttelte, oder, wenn Gondarev wirklich alle Register zog, auf die Schulter klopfte. Das hier aber war ein anderer Tanz.
„Was hast du jetzt vor, Nicolai?“
Da. Die Frage zeigte schon wieder eine Richtungsänderung an. Mischko starrte für ein paar lange Atemzüge in die Tasse, ordnete seine Gedanken. Schön langsam, nichts überstürzen. „Mein Flug – geht nach Moskau.“ Wroclaw zu erwähnen war nicht klug.
„Und dann? Feiern, nehme ich an.“ Gondarev lächelte gönnerhaft. „Ich könnte dir im Innenministerium eine Stelle besorgen. Die Steuerfahndung sucht immer gute Leute.“
Ja, die Werbungsanzeigen liefen ständig. Sehr aufregend, sich aus Helikoptern auf Konzerngebäude abzuseilen, eine Dachluke aufzusprengen und übereifrige Kapitalisten bei der Arbeit zu stören. Nur hatte er das mit dem Abseilen und den Helikoptern satt. Bei der Steuerfahndung für den Rest seines Lebens denselben Job zu machen, den er für die Armee gemacht hatte …
„Ich denke darüber nach.“
„Du hast ja Zeit.“
Mischko meinte, den Geist eines noch hören zu können, der durch diese Worte spukte, so, wie Gondarevs Worte oft wie Geister waren, körperlos, aber kaum weniger real. Ja, noch hatte er Zeit. Zehn gute Jahre, danach zehn schlechte und danach – aus. Es war gut so, mehr hätte er auch nicht gewollt.
Er starrte in den Tee, wo die Zitronenscheibe wie ein halber Mond über der sibirischen Steppe schwebte, wenn sich der Himmel vor einem Unwetter zuzog und über das Land legte wie die Kette eines Panzers. Mischko schüttelte den Kopf, spürte die ganze Schwere seines Körpers, der jetzt sperrig war, sperrig und grob. Gondarev machte ihm sein eigenes Gewicht bewusst.
„Andererseits, Nicolai.“ Gondarev nahm einen Schluck von seinem Tee und Mischko trank ebenfalls, als sei er Gondarevs missgestaltetes Spiegelbild, unfähig, sich zu verweigern. „Du könntest eine letzte Kleinigkeit für mich erledigen.“
Mischkos Schultern spannten sich so plötzlich, dass der Tee in der Tasse bedenklich schwappte. Er zwang sich zu schlucken, schob den Tee wie einen zähen Bissen langsam die Kehle hinunter. „Mein Flug geht heute Abend.“
„Ich weiß. Aber du könntest auch von Tscheljabinsk aus fliegen. Mit einem kleinen Taschengeld für die … Übergangsphase.“
Eine Kurierfahrt nach Sibirien. Das ganze Bataillon wurde in diesen Tagen auf die Krim verlegt, warum, wusste Mischko nicht, aber vermutlich war da irgendwo wieder eine Rebellion im Gange. Sein Nacken war hart und steif wie gefrorenes Holz. Wortlos blickte er in die blauen Augen, die ihn musterten, freundlich, ohne den Ekel und den Hass. Dabei kannte Gondarev ihn von allen Norms am besten. Drei Jahre. Geschenk für das Mutterland. Schnappende Plastikhandschuhe.
Mischko zwang einen weiteren Schluck Tee die Kehle hinunter, die Scheibe Zitrone streifte seine Oberlippe wie ein ertrunkenes Tier.
Sein Flug. Moskau. Europa. Polen. Polen hatte ihm gefallen, trotz der Rebellen. Der beste Ort für ihn, um unterzutauchen. Er sprach die Sprache. In Wroclaw hatte der Geheimdienst keine Macht. Freie Republik Polen. Spuren verwischen, dann wie Wasser hinübersickern – woanders hin. Nicht Steuerfahndung, sondern Söldner. Krieg gab’s immer genug.
Mischko setzte die Tasse ab.
Da lag seine Hundemarke – Name, Personalnummer. Gondarev hatte sie irgendwie herbeigezaubert, ohne sich zu bewegen. Oder er hatte sie die ganze Zeit in der Hand gehalten und sie hingelegt, während Mischko trank. Er starrte auf die beiden Metallteile. Eins für den Kommandanten, eins für den großen Zeh. In seinen Fingern kribbelte es, sie zu berühren.
„Es wäre ein letzter kleiner Auftrag“, sagte Gondarev. „Ein Gefallen unter Freunden, kein Befehl, Nicolai. Bitte fühle dich mir gegenüber nicht über Gebühr verpflichtet. Du hast mir treu gedient. Wir haben unsere Geschichte, du und ich.“ Gondarev lächelte, zog den schmalen Mund auseinander, seine keramikblauen Augen lächelten ebenfalls.
Die Wärme, die der Offizier plötzlich ausstrahlte – fast eine Hitze, wie Fieber, das Mischko körperlich fühlen konnte, als versenge es die Härchen auf seiner Haut, trockne die Bartstoppeln aus, sodass sie rau und borstig wurden wie abgemähtes Getreide, zwischen dem Hitzeschwaden flirrten.
Der Raum, seine Haut, der Blick, das Lächeln, alles war von so lähmender Hitze, dass das Einzige, was jetzt noch Kühle versprach, die Marke war, die Hundemarke zwischen ihnen.
Mischko streckte die Hand aus.
