Sand und Blut (2002)
Vorrede: Was nicht alles passieren kann, wenn man an der Uni eine Veranstaltung zu Gladiatoren hört … und mit dem Stoff in die Zwischenprüfung geht. Man kombiniert Büffeln mit Schreiben mit Urlaub (in Rom), und gibt danach das fertige Manuskript ab, sobald man wieder in Deutschland ist. Bei den Intrigen hat ein italienischer Diplomaten-Freund geholfen. Und eigentlich sollte es ganz anders laufen, aber dann sagte Irato “Nein, die Lusche bringt mich nicht um …” und zwang mich, neu zu planen.

Klappentext: “Nach sieben Jahren im Exil kehrt der Grande Irato Ugolinez nach Al’Anfa zurück. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Dennoch ist er fest entschlossen, sich an seinen Feinden zu rächen, und beginnt ein tödliches Intrigenspiel. Doch da er in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch ist, bahnt sich schon bald die Katastrophe an. Bis die Entscheidung durch den Blutzoll seiner Gladiatorin fällt …”
* * * * *
Leseprobe (Kapitel 1, Szene 1 + 2):
“Die Bestie ist los!�
Der Ruf schallte durch die Straßen Al’Anfas, hallte wider von den weißgetünchten Häusern der Reichen und den windschiefen Hütten der Armen, traf auf die tauben Ohren der Statuen des Bal-Honak-Platzes und die nicht weniger tauben Ohren der lebenden Al’Anfaner. Man hatte gelernt, sich nicht in die Belange der Obrigkeit einzumischen.
Die Jäger waren ausgeschwärmt. Es hatte nur wenige Atemzüge gedauert, bis die Hunde die Fährte aufgenommen hatten, und nun hetzten sie durch die engen Gassen der Stadt. Die Jäger drängten sich durch die Menschenmengen, stießen Kinder und Schwächere zur Seite, um den großen, zottigen Hunden auf der Spur zu bleiben, die sie unweigerlich zur Beute führen würden.
Die Anführerin, die gewandteste, geschickte Jägerin, die Al’Anfa seit Monden gesehen hatte – Ruhm in Al’Anfa war keine Sache von Jahren, sondern von Wochen, höchstens Monden – verharrte, lauschte dem Gebell der Hunde, die kräftig genug waren, jedes Wild zu Boden zu reißen und dort festzuhalten.
Sie gab den anderen stumme Zeichen. Das Opfer musste bereits erschöpft sein; es war weit und schnell gerannt, wohin es sein Instinkt geführt hatte – Richtung Unterstadt, Richtung Hafen. Wie viele, die aus Al’Anfa flüchten wollten, hatte es sich ausgerechnet, dass es über den Hafen am leichtesten aus der Stadt entkommen mochte.
Jetzt, da sie den Markt hinter sich gelassen hatten, waren weniger Menschen auf den Straßen. Genug Platz für die Bestie, um sich zu verstecken, genug Möglichkeiten, einen verzweifelten Gegenangriff zu führen.
Aranxa pirschte vorwärts, in das Dämmerlicht der Gassen. Die Hand mit dem Netz hielt sie etwas vor sich, der Atem ging flach in ihrer Kehle. Das Opfer musste hier irgendwo sein, die Hunde liefen hin und her, die Nase dicht am Boden.
Die Gasse war mit Schmutz bedeckt. Viele Fußspuren führten hinein. Eine davon war die des Opfers. Aranxa verspürte keine Freude bei der Jagd. Nicht, dass sie Mitleid mit den Opfern gehabt hätte – das konnte sich in Al’Anfa niemand leisten. Eine Narbe am Hals über ihrer rechten Schulter erinnerte sie stets daran, was mit Jägern geschah, die zauderten, weil sie sich vom Mitleid überwältigen ließen. Nein, wie wollte sie einen entlaufenen Sklaven fangen und festhalten, wenn sie sich selbst nicht im Griff hatte?
“Wo bist du, du Miststück?�, zischte sie tonlos und setzte vorsichtig einen Schritt nach dem anderen. Sie durchquerte die Gasse, konnte bereits das Wasser des Hafens riechen, konnte bereits den Seewind in den Tauen der Schwarzen Galeeren knattern hören. Das Opfer hatte es tatsächlich bis zum Hafen geschafft. Vielleicht stellte es ihr auch in einem der dunklen Hauseingänge eine Falle.
Aranxa lief langsamer, ließ sich die Zeit, prüfte jeden Ort auf einen Hinterhalt und scharte die Hunde als Schutz und Garde um sich. Sie wusste, dass die anderen Jäger in den anderen Gassen ebenso vorgingen wie sie – das Opfer wurde unweigerlich zum Hafen getrieben.
Wieder erklang der Ruf: “Die Bestie ist los!�
Gar nicht weit. Wenige Schritte entfernt, hinter der Front ärmlicher Hütten.
Ein Kind kauerte wimmernd in einem Hauseingang. Aranxa trat vorsichtig zu dem Jungen, berührte ihn an der Schulter. Ein schmutzstarrendes, verheultes Gesicht richtete sich auf sie, aber als das Kind die Hunde sah, kroch es mit vor Angst geweiteten Augen tiefer in den Hauseingang.
Aranxa ließ eine kleine Kupfermünze zwischen den Fingern tanzen. “Hast du hier jemanden gesehen?�
“Gesehen? Wen denn?�
“Ein Monster. Die Bestie.�
Der Junge beäugte das Geldstück, blickte zu ihr auf, und die Gier, die jedes Straßenkind mit der Muttermilch aufnahm, malte sich auf sein Gesicht. Was er in ein paar Jahren für Geld tun würde, konnte sich Aranxa gut vorstellen. Sie hatte auch so angefangen.
“Dorthin.� Er deutete Richtung Hafen.
“Bist du sicher?�
“Ja.�
“Hast du sie erkannt?�
Er nickte.
Aranxa grinste und schnippte ihm den Oreal vor die Füße. Wieder einmal würde sie Recht behalten. Noch bevor der Junge die Münze aufklaubte, hatte sie die Jagd fortgesetzt.
In einem leichten, lautlosen, kraftsparenden Trott lief Aranxa zum Hafen, die Hunde noch immer bei sich. Bei jedem Schritt schlug der Jägerin das Netz gegen den Oberschenkel.
Als erste der Jäger erreichte sie die Molen. Die braune, übelriechende Suppe des Hafenwassers schwappte träge gegen die Piers. Der Gestank war für Menschen betäubend und störte auch die feinen Hundenasen.
Aranxa spähte mit schmalen Augen über das Wasser. Möglicherweise versuchte die Bestie auch, schwimmend die Freiheit zu erreichen. Wenig wusste die Entflohene von den patroullierenden Schiffen der Sklavenhändler, die jeden schwimmenden Flüchtling aus dem Wasser fischten und zur Sklaveninsel brachten oder sich einen Spaß daraus machten, den zweibeinigen Fisch zu erlegen. Das wäre natürlich ärgerlich – ihre Provision konnte Aranxa dann getrost in den Wind schreiben.
Sie trat näher an das Wasser, beugte sich vor, spähte, ob sich zwischen dem Unrat etwas bewegte oder der Körper einer Ertrunkenden träge in der Dünung schwankte.
Die Hunde neben ihr knurrten.
War da ein Schatten? Verflucht – gegen die tief stehende Sonne konnte sie kaum etwas sehen.
Presste sich da etwas gegen die Balken, die das Hafenbecken eingrenzten? Aranxa ließ das Netz etwas auffächern. Die kleinen Bleigewichte, die es beschwerten, prasselten leise auf den Boden.
“Bist du das, Bestie?�
Mit ungeheurer Kraft schoß da ein halbnackter Leib aus dem Wasser, pelzig und nass glänzend wie ein Seeotter. Aranxa taumelte zurück, als die Bestie auf sie zugeschnellt kam.
Die Kreatur warf sie zu Boden, nasse Hände fanden Aranxas Kehle und pressten zu.
Die Jägerin versuchte, mit dem Netz auszuholen, doch einer der Hunde verfing sich darin.
Mordgier brannte in den tückischen Augen der Bestie, während sich ihre Finger in Aranxas Kehle gruben. Die Jägerin trat und zappelte, aber ebenso gut das Kaninchen gegen den Wolf kämpfen können – die Bestie hielt ihre Beute mühelos fest. Aranxa hatte nicht einmal mehr genug Atem, um den Hunden den Angriff zu befehlen. Etwas an der Bestie machte ihnen offenbar Angst – einen Menschen hätten sie ohne Zögern angesprungen.
Die Luft wurde knapp. Aranxa schlug gegen den massigen Körper, wand sich und zappelte, rang verzweifelt nach Atem. Sie geriet in Panik, wollte schreien, spürte, wie sie schwächer wurde, wie sich ihr Blickfeld einengte, bis sie nicht einmal mehr die Hunde, die Sonne, ihre Feindin klar sehen konnte und –
Plötzlich war sie frei.
Sie hustete krampfhaft, griff nach der Kehle, die schmerzte und brannte, als habe sie zum ersten Mal in ihrem Leben Premer Feuer getrunken. Ihre Gegnerin wurde von ihr weggezerrt, der Körper der Bestie war merkwürdig schlaff.
Eine Hand streckte sich ihr entgegen, und Aranxa griff dankbar danach. Einer der umstehenden Jäger grinste. “Das hätte ins Auge gehen können.�
Aranxa hustete und war kaum in der Lage, mehr zu tun als zu nicken. “Ist sie … tot …?â€?, fragte sie schließlich stockend, als ihre Kehle wieder Worte hervorbringen konnte.
Die Jäger leinten bereits die Hunde wieder an.
“Nein�, grinste ihr Helfer. “Sie war nur so mit dir beschäftigt, dass sie nicht auf ihren Rücken geachtet hat.� Er zeigte ihr den Totschläger. “Ich hab ihr eins übergezogen.�
“Das bringt wieder ein hübsches Sümmchen�, murmelte Aranxa und betrachtete die gefallene Bestie, die bewusstlos und nass vor ihr lag. “Du bist gerade rechtzeitig gekommen. Sie hat einen Griff wie ein Zwergenschraubstock.�
“Naja, das sollte man von einer Gladiatorin auch erwarten, was, Aranxa?�
Sie rieb sich verstohlen die Kehle. “Allerdings. Diesem Miststück werde ich am nächsten Kampftag mit Vergnügen beim Sterben zusehen.�
“Falls sie dir den Gefallen tut�, gab der Helfer leichthin zurück.
Aranxa hasste es, wenn er das letzte Wort behielt.
Der schwarze Dämon bäumte sich wieder auf. Die Zureiterin, die bei den Bocksprüngen des Hengstes nicht mehr ganz fest im Sattel saß, wirkte zunehmend verzweifelt. Sie krallte sich in die Mähne des Tieres und schien es durch Schreie allein gefügig machen zu wollen.
Die Arbeit auf dem Gut ruhte. In der Mittagshitze hatte offenbar niemand etwas Besseres zu tun, als auf das staubige Stück umzäunten Landes zu blicken, auf dem der Hengst um seinen Stolz rang.
Träge Staubwolken hingen in der Luft. Die Geräusche der Hufe, die auf den ausgedörrten Boden trommelten, waren alles, was zu hören war, abgesehen von den erstickten Flüchen der Zureiterin und dem unwilligen Wiehern des Tieres. Das Pferd bog sich wie ein Säbel aus bestem tulamidischem Stahl, um dem Gewicht der Reiterin zu entkommen.
Schließlich war es die Frau, die den Kampf verlor. So, wie ein erfahrenes Auge die Niederlage eines Gladiators in dessen langsamer werdenden Bewegungen erkennen konnte, so erkannte Irato Ugolinez, dass die Zureiterin geschlagen war. Es war vielleicht die Art, wie der Druck ihrer Schenkel nachließ, oder es ihr nicht mehr gelang, den Kopf des Pferdes an dessen Hals zu ziehen, oder wie der Hengst neue Kraft und Wildheit zu schöpfen schien, was den Ausgang des Kampfes prophezeite.
Ein wilder Bocksprung, der Hengst und Reiterin meterhoch in die Luft katapultierte, ein Auskeilen mit allen vier Hufen, und die Reiterin verlor den Halt. Sie war zu erfahren, um sich nicht geschickt abzurollen, doch in den Augen des Hengstes glitzerte der Wahnsinn.
Iratos Hand spannte sich um das Weinglas, als er sah, wie der Hengst den Kopf herumwarf, dabei die kniende und sich soeben wieder aufrichtende Zureiterin erblickte und dann gezielt auskeilte. Die Hufe waren schneller als eine Bullenpeitsche; der eine ging ins Leere, der zweite traf mit einem Übelkeit erregend hohlen Geräusch auf Knochen.
Jeder der Zuschauer zuckte zusammen, die meisten wandten den Blick ab, nur Irato beobachtete weiter, wie die Zureiterin in sich zusammensackte.
Der Hengst, seines Plagegeistes ledig, stampfte in dem engen Geviert umher, den Schweif stolz erhoben, die Flanken glänzend und vom Kampf bebend, die Nüstern geweitet. Irato vermeinte fast, ihn lachen zu hören.
“Herr!� Eine Sklavin rannte zu ihm. “Was sollen wir tun? Ihn töten?�
Irato drehte das Glas Eiswein zwischen den Fingern, ließ aber den Blick nicht von dem Tier. “Holt die Zureiterin aus dem Korral.�
Die Sklavin bebte. “Er wird jeden angreifen …â€?
Irato trank den letzten Schluck des Eisweines – das Geschenk eines alten Freundes. Der kühle, süße Geschmack belebte ihn trotz der Mittagshitze. Dann stand er auf. “Bereitet ihn für mich vor.�
Die Sklavin wagte nicht, ihm ein zweites Mal zu widersprechen. Zwei Stallburschen warfen dem Hengst Schlingen um den Hals und zerrten ihn daran zum Gatter. Vier kräftige Sklaven mussten ihn halten, während zwei weitere in den Korral rannten, um die Leiche der Zureiterin zu bergen.
Irato ging zum Zaun, stellte sich so auf, dass der Hengst ihn sah, sehen musste, und ließ sich seine Reithandschuhe bringen. Er erwiderte den Blick des Tieres nicht; Raubkatzen mochte man niederstarren, oder Wölfe, doch der Hengst war zu sehr außer sich, um eine andere Sprache zu verstehen als die der Gewalt.
Die Sklavin brachte ihm die Handschuhe, und Irato zog sie an, das feine, hellbraune Iryanleder schmiegte sich um seine Finger. Er war sich bewusst, dass man ihn anstarrte, und verbrachte etwas mehr Zeit als nötig damit, die Handschuhe zurechtzuzupfen.
Auf sein Zeichen hin hielten zwei Sklaven den Kopf des Pferdes ruhig, während er mit einer raschen Bewegung aufstieg. Dieser Moment war entscheidend.
Wenn er nicht sofort Halt fand, würde der Hengst dafür sorgen, dass er ihn auch nicht bekam. Seine Stiefel glitten in die Steigbügel, er saß fest im Sattel, zog die Zügel so hart an sich heran, dass der Hengst ihn nicht aus der Balance bringen konnte.
Dann schien ihn ein Albtraum einzufangen, ein Albtraum aus schrillem Wiehern, Staub, einem bockenden Leib, der gegen ihn aufbegehrte mit jeder Faser Wut und Stolz, die er aufbieten konnte.
Irato presste die Zähne fest aufeinander, um sich nicht die Zunge abzubeißen, und stemmte sich mit aller Kraft in den Sattel. Er machte sich so schwer er konnte und presste die Knie fest an den Leib des Tieres. Ihm war kaum bewusst, dass er durch die Zähne zischte.
Die Welt verschwamm in den Farben des Sommers: Staubgrau und Grün. Das Anwesen bestand nur noch aus dem Weiß der Mauern, die sich vor seinem Blick verwischten. Mit jedem Atemzug drang der Staub in seine Lungen.
Wieder bäumte sich der Hengst auf, peitschte mit den Hufen die Luft, und Irato ging mühelos mit, zog die Zügel fest an und zwang so den Kopf des Hengstes fast auf dessen Brust hinunter, hielt ihn fest, ließ ihn die scharfen Kanten der Kandare spüren. Weißer Geifer, der sich rosa färbte, spritzte auf Irato und die Umstehenden, während der Hengst tobte. Er schrie wie eine Kreatur der Niederhöllen, und Irato hieb ihm die Sporen in die Flanken, als er seine eigenen Kräfte erlahmen fühlte.
Der Hengst schrie, bäumte sich mit neu erwachter Wut gegen seinen Reiter auf, doch Irato gab ihm wieder und wieder die Sporen in die Seiten, bis dem Tier das Blut über das schwarze Fell rann und sich mit dem Staub mischte.
“Mir oder niemandem�, fauchte Irato.
Mit allem Hass und dem Mut der Verzweiflung durchbrach der Hengst die hölzerne Absperrung. Splitter flogen, prasselten auf Irato, dann waren sie durch den Zaun.
Der Hengst machte einige wilde Galoppsprünge, vor denen sich die Sklaven panisch in Sicherheit brachten, dann, langsam, wie ein Zittern, das ein Erdbeben ankündigte, ging ein Schauder durch seinen Körper und er machte noch einige steifbeinige Schritte, bis er, zu Tode erschöpft, mit zitternden, blutigen, schaumbespritzten Flanken stehenblieb.
Bald konnte Irato spüren, wie der Körper unter ihm weicher wurde, sich nicht mehr gegen ihn sträubte, sondern begann, ihn zu akzeptieren. Das war der Augenblick des höchsten Triumphes – ob es nun ein Pferd war, dessen Willen er gebrochen hatte, oder ein widerspenstiger Sklave, der die Nähe seines Herrn im Bett langsam zu schätzen lernte. Zuletzt wurden sie, so oder so, entweder sein oder starben.
Irato ließ sich davon nicht blenden. Langsam lockerte er seinen Griff um die Zügel, bereit, jederzeit den Kampf wieder aufzunehmen. Der Hengst wieherte, es klang beinahe flehend, und ließ den Kopf hängen.
Nur um die Besitzverhältnisse wirklich klar zu stellen, rammte Irato dem Pferd noch einmal die Sporen in die Flanken. Mit einem schrillen Wiehern machte der Hengst einige Sprünge nach vorn, aber als Irato die Zügel anzog, kam er wieder steif und unruhig zum Stillstand.
Irato lächelte schmal, stieg dann ab und sah mit Genugtuung, wie das Tier den Kopf hängen ließ. Er hatte es beinahe ruiniert. Die Wunden an den Flanken würden Zeit brauchen, um zu heilen, und das Maul war ebenfalls blutig.
Holzsplitter hatten ihm die Brust aufgerissen. Irato zog sich die Handschuhe von den Fingern.
“Versorgt ihn�, befahl er einer Sklavin barsch.
Dann erst gewahrte er einen Neuankömmling, der sich unbemerkt auf den Hof des Anwesens begeben hatte. Die Botenreiterin starrte den schwarzen Hengst an und dann ihn, und Irato konnte sehen, wie sich die Augen der Frau bei seinem Anblick weiteten.
“Seid Ihr der Grande Irato Ugolinez-Paligan, Botschafter zu Mirham?�, fragte sie Botin nach einer respektvollen Verneigung.
Irato verzog den Mund. Er hätte es vorgezogen, sie in seinen Gemächern zu empfangen. Einer Fana ein solches Schauspiel zu liefern, war eines Granden unwürdig. “Der bin ich.� Er winkte eine Sklavin herbei, die ihm sein Glas brachte. Sich den Staub aus der Kehle spülend, wandte Irato sich ab, um zum Haus zurückzugehen.
Die Botin folgte ihm unaufgefordert. “Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.�
Irato machte nur eine Handbewegung.
“Der Grande Goldo Paligan schickt mich mit dieser Botschaft zu Euch. Er sagte, sie sei für Euch von großer Bedeutung.� Sie reichte Irato einen versiegelten Brief.
“Was für mich von Bedeutung ist, entscheide ich�, zischte Irato leise, als er den Brief entgegennahm. “Sie lasse sich von meinem Kammerdiener entlohnen.�
Die Botin zuckte zurück. “Mein Herr ließ mich wissen, dass er umgehend mit einer Antwort rechnet.�
“Eine Antwort wird ihm zukommen. Sie ist entlassen.�
Die Botin zögerte für einen Augenblick, nickte dann und machte auf dem Absatz kehrt.
Irato zog sich in seine Gemächer zurück. Sein Kammerdiener Severo, der ihn bestens kannte, hatte schon ein Bad für ihn bereiten lassen: Eine großzügig bemessene hölzerne Wanne stand auf dem Balkon, ein seidener Baldachin schirmte ihn vor der Sonne ab, seidene Vorhänge vor den Blicken der Sklaven.
Eine leichte Brise fand ihren Weg durch den Stoff und kühlte die Mittagshitze. Neben der Wanne, die bereits mit duftendem Wasser gefüllt war, stand ein Tischchen, auf dem sich eine kleine Mahlzeit und eine weitere Karaffe Eiswein befanden.
Severo erwartete ihn bereits. Es bedurfte weder eines Befehls noch einer Geste, und Severo begann, die Verschnürungen von Iratos Hemd aufzunesteln.
Irato griff nach dem Kelch gekühlten Weines. “Goldo Paligan sendet mir einen Brief�, murmelte er nach einem weiteren Schluck. “Möglicherweise wurde ihm ein guter Preis für meinen Kopf angeboten.� Sorgfältig, als hielte er eine giftige Schlange, legte Irato den Brief neben der Karaffe auf das Tischchen.
Severo streifte ihm das Hemd von den Schultern und reichte es einer Sklavin. “Oder es ist eine Belobigung für Eure gute Arbeit hier.�
Irato lachte auf. “Gewiss. Der Mirhamer Fettwanst lädt mich nicht einmal zu seinen Festgesellschaften ein, seit ich ihn `beleidigt´ habe.� Er schüttelte den Kopf und stellte das Weinglas ab, plötzlich des Geschmacks überdrüssig. “Er ist zu dumm, um meine Gesellschaft zu schätzen, und ich verstehe mich nicht darauf, einer närrischen Kröte wie ihm den Bauch zu pinseln.�
“Dennoch steht Ihr in Verbindung mit allen wichtigen Persönlichkeiten des Hofes.�
Irato machte eine wegwerfende Handbewegung. “Der Hofstaat einer Kröte. Ohne Kultur, ohne Raffinesse, ohne Lebensart. Kröten und Frösche, die sich gegenseitig ihre bedeutungslosen Lieder singen. Politik wird in Al’Anfa gemacht, Severo. Sie wussten, was sie mir antaten, als sie mich ins Exil schickten.� Er sah den Widerspruch seines Dieners, bevor dieser ihn aussprechen konnte, und hob rasch die Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. “Du weißt ebenso gut wie ich, dass dies ein Exil ist. Jemanden zum Botschafter an einen unbedeutenden Hof zu machen, ist die bequemste Art des politischen Mordes. Sie haben mir meine Verbündeten, meine Verbindungen, meine Güter und meine Familie genommen. Und dieser Brief mag nur der letzte Schwertstreich sein, der mein Schicksal besiegelt.�
Severo löste die silbernen Schnallen der Stiefel. “Aber sie haben Euch nicht gebrochen, Herr.�
Irato stieg aus den Stiefeln und streifte zuletzt die Reithosen ab, bevor er in das Badewasser stieg. Er lehnte den Kopf gegen den Rand der Wanne und blickte für einige Zeit ins Leere. “Nein, das haben sie nicht. Paligan erwartet eine rasche Antwort. Er will mir keine Zeit zum Denken geben. Vielleicht, weil er denkt, dass ein alter Fuchs wie ich die Falle wittern könnte, wenn er nur genug Zeit hat.�
“Vielleicht hat er beim Patriarchen für Euch vorgesprochen.�
“Dafür gibt es keine Anhaltspunkte.�
“Zugegeben. Doch es gibt wohl niemanden, der über bessere Verbindungen verfügt.�
“Und niemanden außer ihm, der einem die Jungfräulichkeit einer Rahja-Hochgeweihten verkaufen könnte�, bemerkte Irato trocken. “Wenn die Karinor meinen Kopf wollen, müssen sie nur genug zahlen. Ich habe ihn gut mit Informationen und Bestechungsgeldern gefüttert, doch es mag sein, dass ihm jemand einen saftigeren Bissen angeboten hat. Komm her.�
Gehorsam trat Severo nah an die Wanne heran.
“Knie nieder.�
Severo kniete nieder.
Irato blickte ihn lange an. Wohl zehn Jahre jünger als er, war Severo lange Zeit ein persönlicher Sklave gewesen, der sein Interesse länger gefesselt hatte, als es anderen hübschen Sklaven gelungen war. Als die Glut für ihn erloschen war, hatte Irato ihn nicht weiterverkauft; Severo war nicht nur anmutig, sondern auch klug, und er hatte eine rasche Auffassungsgabe. Etwas, was Irato an Sklaven durchaus schätzte, solange er sich ihrer Loyalität sicher war.
Er hob die Hand und legte sie auf Severos Wange. Er spürte, wie der Sklave erbebte, ohne den Blick abzuwenden, da war kein Verrat in diesen grauen Augen. Nach all den Jahren noch immer nicht. “Sie werden dir irgendwann das Gewicht meines Kopfes in Opalen für mein Leben bieten, Severo.�
“Sie können mir nichts bieten, was ich wahrhaftig will.�
Irato lächelte und tätschelte die Wange des Sklaven. “Eine Zunge wie Seide, Severo. Wie ungewöhnlich für einen Mittelreicher. Manchmal glaube ich, an dir sei ein Poet verlorengegangen. Nun denn, gib mir den Brief.�
Der Sklave brach das Siegel auf, öffnete den Brief und reichte ihn Irato, ohne daraufzublicken.
Unverkennbar, die Schrift war die des Oberhauptes der Paligan. Iratos Lippen zuckten. Zwar gehörte auch er zum Haus Paligan, aber er war nur ein weitläufiger Verwandter und damit der ideale Spielstein für die Ränke des Hauses.
Goldo Paligan, persönlich,
an Irato Ugolinez, seinen lieben Vetter
gegeben zu Al‘Anfa
Lieber Vetter,
Ich freue mich, dir mitteilen zu können, dass deine Meinungsverschiedenheiten und der daraus hervorgegangene Ausbruch gegenüber dem Granden Dianguez fast vergessen sind. Wie mir mein Bruder mitteilen ließ, ist der Rat nunmehr bereit, dich zurückzurufen, und man bat mich, eben das zu tun, dem ich hiermit freudigen Herzens nachkomme. Natürlich bedeutet das nicht, dass die Karinor dich vergessen haben, doch kannst du dich getrost darauf verlassen, dass ich nicht dulden werde, dass dir eine etwaige Opposition der Karinor die Rückreise unangenehm werden läßt. Ich habe alles vorbereitet, um dich in allen Ehren wieder hier willkommen zu heißen und hoffe, du hast dich in Mirham gut von deinen Wunden erholt.
Ich bin gewiss, dass du einen Weg findest, dich für diese Gefälligkeiten passend zu revanchieren, und erwarte dich also baldmöglichst zurück in der Schwarzen Perle.
Herzlich,
Goldo Paligan, Oberhaupt der Paligan
Irato ließ die Hand sinken, das Pergament versank im Wasser, die blaugrüne Tinte darauf – eine weitere Extravaganz des Granden – verschwamm.
“Herr?�
Irato blinzelte. “Lass packen, Severo.�
“Seid Ihr woanders hingeschickt worden?�
“Sie rufen mich zurück.�
Severo errötete vor Freude. “Das ist großartig, Herr.�
Irato gelang es kaum, sein rasendes Herz zu beschwichtigen. Nichts hielt ihn mehr, er stand auf, ließ das Wasser an seinem Körper herabfließen und riss der Sklavin ungeduldig das Handtuch aus den Fingern. “Großartig, Severo. Großartig, allerdings, und gefährlich. Sehr gefährlich.� Er starrte Severo an. “Sie wissen, dass ich nicht wiederstehen kann. Bei den Göttern, und wenn es eine Falle ist, dann werde ich wenigstens in Al’Anfa sterben und nicht in diesem Provinznest!� Er zögerte, lachte dann, aber das Lachen klang gar nicht fröhlich. “Und ich werde meine Rache bekommen. Endlich. Setz einen Brief an Paligan auf, dass ich komme, und schicke den schnellsten Botenreiter, den du auftreiben kannst. Wir werden dieses Gefängnis schon morgen früh verlassen.�
“Und der König?�
“Der wird mich kaum vermissen. Los, Severo, wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Schwarze Perle erwartet uns zurück in ihren Armen. Wer würde die größte aller Kurtisanen warten lassen?�