Es ist immer die Frage, wie ich auf Kommentare in meinen Blog reagieren soll. Lesen tue ich alle. Wenn ich nicht antworte, ist es manchmal einfach Stress. Mir ist klar, dass dieses Blog “oeffentlich” ist. Daher sage ich hier nichts, was ich nicht auch oeffentlich sagen wuerde. That said, bin ich kontrovers selbst wenn ich positiver, milder Stimmung bin. Ich habe am Wochenende wahlweise mehrere Leute beleidigt und ihnen Befehle erteilt, einfach, weil sie mich genervt haben. Ich bin sicherlich nicht der netteste, mildeste Mensch, der herumlaeuft. Mein Zynismus-Quotient ist hoch.
Das ist okay. Ich bin 32 Jahre alt, und kann’s einstecken, wenn man mich als “Arschloch” oder “faule Sau” bezeichnet. Adler ist nicht mein Totem, weil ich so nett bin. Waschbaer reisst ein bisschen was raus, aber auch als Sternzeichen Stier, Einzelkind und, ganz einfach, elitaerer Bastard, der an sich selbst sehr hohe Erwartungen stellt, diese aber auch - quid pro quo - in der Umwelt sehen will - bin ich ganz sicher nichts fuers zarte Gemuet.
Sorry. May contain nuts.
Zu einem der letzten Eintraege gab es den folgenden Kommentar:
“Kann ich Scheisse in Buchform produzieren?”
Ich erinnere mich da an eine Geschichte. Es war ein ziemlich großer Saal, voll mit Leuten die sich für ziemlich schlau hielten. Das Thema war Literatur, und auch über Nackenbeisser wurde sich lustig gemacht. Und plötzlich stand dort vorne ein Mensch, der anfing etwas zu erzählen was ich nie vergessen werde (auch wenn ichs nicht so toll niederschreiben kann, wie er es erzählte):
“Stellt euch ein Mädchen vor. Sie ist 17 Jahre alt. Ihr Vater hat sie und ihre Mutter im Stich gelassen als sie geboren wurde. Als sie 10 war, bekam ihre Mutter noch ein Kind, von einem Kerl der sie kurze Zeit später auch sitzen ließ. Als sie 15 war, erkrankte ihre Mutter an Krebs. Sie musste die Schule schmeissen um irgendwie Geld aufzutreiben. Heute arbeitet sie jeden Tag 10-12 Stunden in einer Fleischerei. Sie steht morgens um 5 Uhr auf, und wenn sie am Abend so gegen 19 Uhr nach Hause kommt, muss sie sich um ihre Mutter und die kleine Schwester kümmern. Sie macht Essen, hilft ihrer Schwester bei den Hausaufgaben, und danach bringt sie sie ins Bett. Dann erledigt sie noch den Haushalt. So gegen 23 Uhr hat sie ihren Tag geschafft und macht es sich auf dem Sofa bequem, denn für ein eigenes Bett gibt es in der kleinen Wohnung keinen Platz mehr. Sie liegt dort, und in den 10 Minuten die sie noch für sich hat, bevor sie völlig fertig einschläft, schnappt sie sich ein Buch über eine edle Dame die umworben wird von zahlreichen Verehrern. Die Metaphern in dem Buch sind einfallslos, eine Story gibt es im Prinzip nicht und der Schreibstil lässt auch sehr zu wünschen übrig. Und doch schafft es das Buch, dass das Mädchen für 10 Minuten aus ihrem Trott gerissen wird, und sie schläft mit einem Lächeln ein.
Und jetzt sitzt ihr hier und nennt es “Schmutz”, “Dreck” und “Müll” weil es kein Goethe ist?”
Nach so einem Kommentar lehnt sich Klein Alex zurueck, denkt eine Weile nichts, geht dann runter, macht einen Kaffee und ruft dann die Klientin an, die ein Problem hat. Man fuehlt sich gut, wenn man mit wenig Aufwand fuer jemanden ein Problem loesen kann, gerade nach so einer Breitseite.
Der Vorwurf ist also, dass ich hart arbeitenden Menschen, die fuer 10 Minuten einem Leben des Elends entkommen wollen, ihr “Opium” im Marxschen Sinne nicht goenne. Nein, praeziser: Dass ich mich ueber den Dreck lustig mache, der in dieser Form produziert wird.
Dazu ein paar Punkte (ein Essay an dieser Stelle waere loeblich, aber dazu habe ich gerade keine Zeit):
1) Mir ist bewusst, dass Literatur Eskapismus ist. Rollenspiel ist es auch (nicht ausschliesslich, aber Eskapismus spielt eine Rolle). Ich freue mich nach einem harten Abeitstag auch darauf, zu lesen. Der Fantasy-Literatur wird’s besonders gern vorgeworfen. Und ich darf das sagen, ich hab drei Fantasy-Romane geschrieben.
Aber: Ich denke, dass Eskapismus nicht immer gleich Schund heissen muss. Ein gutes Buch entfuehrt mich auch. Das ist das Privileg des Buches, dass es sich den Platz zwischen meinen Ohren erobert. Guten Buechern wurde der Vorwurf des Schunds gemacht - Graham Greene ist nur ein Beispiel.
2) Nackenbeisser machen unterprivilegierte, unterausgebildete, vom Schicksal gebeutelte Aschenputtel in ihrem Kopf zu Prinzessinnen -und das ist ein Guter Zweck (TM).
Ich glaube schon, dass es solche sozialen Haertefaelle gibt. Bestimmt. Ich kenne genug Leute, die sehr weit unten waren. Die ueberwaeltigende Mehrheit jedoch wird sicher nicht so aussehen. Nicht zuletzt, weil diese sicher nicht das Einkommen haben, um massenweise schlecht produzierte Hardcover-Ausgaben der ganzen Geburtshelferinnen & Laufhuren-Brut zu kaufen. Wenn diese Maedels nach so einem harten Tag nur noch 10 Minuten lesen koennen, brauchen die fuer diese 500-Seiten Tuerkloetze wenigstens solange, dass sie auch nur 2-3 von den Dingern pro Jahr schaffen. Da der Plot eh gleich ist, kommen die gut mit 5 Buechern pro Leben aus: Eins fuer die Antike, drei fuer’s Mittelalter, und eins fuer die Moderne. Wenn mir schon keine Unterschiede auffallen zwischen den Dingern, die da im Regal stehen, und es ausser Namen und Haarfarben auch oft keine Unterschiede gibt …
Ueber das Problem ganz zu schweigen, dass man durch das “Opium” auch jeden Willen verliert, vielleicht was an seiner Situation zu aendern. Ich hab eine Tante, die ertraenkt sich in Alkohol - und hat so allen Willen, was zu aendern, amputiert.
Und wo wir gerade beim Thema sind: Insgesamt ist frappierend, wie leicht es ist, in der Aschenputtel-Story weiter oben “Wodka” statt “Nackenbeisser” zu setzen. Ein Piccoloechen hier, ein Bierkaestchen da, und die Welt ist in Ordnung. Unser Aschenputtel schlaeft seelig ein. Oder warum nicht gleich Heroin? Nur weil der Schuss teurer ist als die Batteriesaeure, die man sich mit diesem Schund aufs ungeschuetzte Hirn schuettet? Als Familienmitglied/Verwandter mehrerer “harter Alkoholiker” habe ich null, nada, noppes, zilch, gar kein Verstaendnis.
Und selbst - Julia/Tara/Romana oder wie die Softporno-Ecke bei Bastei/Luebbe heisst, diese ganzen Frauen- und Heimatromane … all das hat seinen Platz. Ja. Hat es. Das hat, wie auch der Hardporno (der eher maennlichen Klientel) seinen Platz. Es ist Gebrauchsliteratur - einmal gebraucht, dann weggeworfen, oder irgendwo unterm Bett versteckt (falls die Seiten nicht zusammenkleben). Ich *schreibe* harten Porno, ich darf das sagen.
Aber Literatur geht anders. Man kann mir sogar vorwerfen, in meinen Pornos “literarisch” zu sein. Ich bin ganz sicher weder im Stil noch Duktus “trivial” - ganz sicher nicht im Kettenhund/Fatimas Traenen. Idealerweise *merken* es die Leser aber nicht. Nicht trivial zu sein ist ein Stueck Eitelkeit von mir, und haengt damit zusammen, dass ich - egal, was ich schreibe - sehr sehr hohe Erwartungen an mich habe und sehr hart an Texten arbeite. Ich nehme meine Leser fuer voll. Ich serviere nur, was ich auch essen wuerde. You get what you see. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich werfe den Leute nicht vor, dass sie den Dreck fressen. McDonald’s hat massenweise Kunden. Auch ich esse (sehr selten) einen Burger. Die Leute duerfen ihre Heftchenromane lesen, tauschen, ihre Waende damit tapezieren und das sogar fuer “Romane” halten. Sind sie ja auch irgendwo.
Was ich den Nackenbeissern vorwerfe:
1) Den Ueberfall auf und das Schaenden und gleichzeitige Erdrosseln des Historischen Romans.
2) Die Verkrueppelung von Manuskripten/der Vorstellungsgabe von “guten Autoren”
Zu Punkt 1: Der historische Roman war mal ein ehrbares Genre. Auch da wurde geliebt, geheiratet, gehasst (geht’s darum nicht in der Literatur?) - dann aber kam eine Schwemme von (meist von Amerikanerinnen geschriebenen) “historischen Liebesromanen” (AKA Nackenbeisser im historischen Kostuem), die das, was man als historischen Roman kennt, komplett verzerrt haben. Das Zeug waere frueher im “Liebesroman, historisch”-Regal untergekommen. Mittlerweile stehen diese pestkranken, siechen Buecher neben den “Gesunden” und geben sich ebenfalls als historische Romane aus. Was sie de facto nicht sind - oder nur mit sehr sehr viel gutem Willen als solche bezeichnet werden koennen. Bis zu dem Punkt, dass es nicht mehr moeglich ist, “Liebesromane” von “historischen Romanen” zu unterscheiden - falls letztere ueberhaupt noch gedruckt werden. Was im Moment schwer zu sagen ist, weil die Regale zugemuellt werden mit Maedels, die von einer versuchten Vergewaltigung zur naechsten stolpern.
2) “historische” Autoren werden angewiesen, die Genre-Konventionen des “historischen Romans” zu erfuellen. Diese Anweisung erteilen Lektoren, die mittlerweile die Genres auch nicht mehr auseinanderhalten koennen. Soll heissen: saftiger Sex, weibliche Hauptfigur, und “ja keine Politik”.
Das denke ich mir nicht aus - ich hab’s aus verschiedenen Quellen, dass befreundete Autoren angewiesen wurden, ihre Manuskripte zu aendern (”Super Buch, aber! Mehr saftiger Sex! Das wollen unsere LESERINNEN so!”) oder wirklich gute Manuskripte abgelehnt wurden, weil sie a) einen maennlichen Hauptcharakter hatten oder b) man es wagte, Themen der Zeit zu beleuchten - und wegging vom Eierstock-Zustand der HELDIN.
Daraus ergibt sie die sehr unglueckliche Situation, dass Leute, die gern veroeffentlichen wollen, alle auf den Zug aufspringen und ihre Manuskripte genau so schreiben: Weiblicher Hauptcharakter, keine Politik, immer die Eierstoecke im Auge gehalten, viele knackige Sex-Szenen, idealerweile mit mehreren versuchten Vergewaltigungen (eine weibliche Lieblings-Sexphantasie) und JA NICHT ZU KOMPLIZIERT. Der vorauseilende Gehorsam verhindert somit “gute Buecher”, weil Autoren, um ueberhaupt gedruckt zu werden - manche leben ja davon - Dreck produzieren muessen.
Das werfe ich dem Nackenbeisser-Genre zu - dass es den historischen Roman vergewaltigt hat, bis dieser blutueberstroemt und roechelnd in der Ecke lag. Bis dessen Autoren demoralisiert und/oder unveroeffentlicht auf “bessere Zeiten” warten muessen, bis aus der aktuellen Mode der letzte Cent rausgepresst wurde. Denn natuerlich verkauft die Buchindustrie diesen Dreck auch mit dem dringenden Wunsch, unserem hypothetischen Aschenputtel das leise Laecheln vor dem Einschlafen zu goennen - und nichts weiter.
Ganz ehrlich? Wenn diese Story oben mich betroffen machen sollte - ja, hat’s getan, etwa fuer 3 Minuten (solange brauche ich, um Kaffee zu machen). Viel betroffener macht mich, dass Aschenputtel nicht EINFACH LINDENSTRASSE guckt oder bei den “Ti Amo” und “Julia”-Heften geblieben ist.